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  • vom 06.04.2012, 13:30 Uhr

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"Hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie es schon ist": Diese Sentenz von Karl Valentin passt für vieles, was heute in der Welt passiert: Gewalt, Gier und Entsolidarisierung. Aber statt zu moralisieren brauchen wir eine Befreiung von unserer Urangst. Österliche Zuversicht könnte sie wecken helfen.

Hoffnung statt Resignation


Von Paul M. Zulehner

Das Leben Anderer durch stellvertretendes Leiden zu verwandeln – das ist eine der österlichen Grundbotschaften. Hier die Kreuzigungsszene aus einem Passionsspiel. - © Reuters

Das Leben Anderer durch stellvertretendes Leiden zu verwandeln – das ist eine der österlichen Grundbotschaften. Hier die Kreuzigungsszene aus einem Passionsspiel. © Reuters

René Girard, der bekannte Kulturanthropologe, setzt sich mit dem Phänomen der Gewalt in der Geschichte der Menschheit auseinander. An deren Wurzel sieht er ein grenzenloses Begehren, das über den Weg der Nachahmung rasch in die Sackgasse von Neid, Rivalität und gewaltsamen Konflikten führt. Auch biblisch betrachtet folgen der guten Schöpfung durch Gott in der Genesis elf Kapitel einer eskalierenden Gewaltgeschichte. So ist auch der erste, paradigmatische Tod in der Bibel der Mord des Kain an seinem Bruder Abel.

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Allgegenwärtige Gewalt
In Variationen flackert nackte Gewalt weltweit immer wieder auf. Keine Nachrichtensendung, in der nicht über Terror und Gewalt berichtet wird. Unschuldige werden von Amokläufern wahllos umgebracht, in Norwegen, in Toulouse, in Erfurt. Überforderte US-Soldaten töten in Afghanistan schlafende Frauen und Kinder. Israel und Palästina finden keinen Frieden und bedrohen damit den Weltfrieden. Der Iran droht dem jüdischen Staat mit atomarer Vernichtung. Der arabische Frühling, aus Gewalt geboren, vermag diese oft selbst nicht zu vermeiden. Dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag geht die Arbeit nicht aus. Kandidaten kommen aus Kroatien, Syrien, Kambodscha, Zimbabwe oder Nigeria. Weltweit wird trotz Hunger und Armut für den Krieg gerüstet.

Der Gewalt im Großen entspricht die Gewalt im Kleinen. Pädagogische und sexuelle Gewalt in den Kirchen - zumal der katholischen - hat das Vertrauen vieler in eine jener wenigen gesellschaftlichen Organisationen schwer beschädigt, der man bisher die eigenen Kinder unbesorgt anvertrauen zu können meinte.

Dass es solche Gewalt gegen Anvertraute auch in staatlichen Heimen, in Sportvereinen und vor allem im familialen Umfeld gibt, mindert nicht die schwere Verantwortung der kirchlichen Mitarbeiter und ihrer Vorgesetzten. Gewalttätig zu sein, galt lange Zeit als ein männliches Merkmal. Heute holen nach neueren Studien jüngere Frauen in dieser Hinsicht auf.

Gewaltbereitschaft steckt offenkundig tief im Menschen. Repräsentative Studien lassen beunruhigende Zusammenhänge erkennen. Zur Gewalt neigt, wer sich seiner selbst nicht sicher ist. Es sind die "Autoritären", die zur Unterwerfung neigen, stellte der Philosoph Theodor W. Adorno schon vor Jahrzehnten fest. Sie buckeln nach oben und treten nach unten. Für sie hat Recht, wer oben ist. An liebesbedürftigen anvertrauten Wehrlosen vergreifen sie sich. Sie lieben sich selbst nicht, hassen dafür Fremde oder das andere Geschlecht.

Religiös Autoritäre
Ihre innere Schwäche kompensieren sie mit äußerer Gewalt. In einschlägigen Gaststätten, in autoritär gestimmten Parteien und religiösen Gruppen, in privaten Beziehungen und politischen Disputen. Die Welt ist ihnen zu "unübersichtlich" geworden (Jürgen Habermas). Die Vereinfacher am rechten und linken Flügel der Politik wie bei den Fundamentalisten auf allen Ebenen der Kirchen sind ihnen willkommen.

Das Autoritäre kommt nicht selten religiös daher. Das Lieblingswort der Autoritären in Kirchen heißt Gehorsam, nicht Verantwortung. Am Gewissen und am Evangelium orientierter "(Un)Gehorsam" ist für sie Verrat. Sie grenzen aus. Werden kämpferisch. Muslime haben dann für kämpferische "Kulturchristen" in einem vom Christentum geprägten Europa ebenso wenig verloren wie in der unmittelbaren Nachbarschaft.

Nach meinen Studien ist das die Haltung von vier unter zehn Österreichern. Dass vor der Karlskirche zwei Minarette stehen, wir arabische Ziffern haben und das Gardebataillon des Bundesheeres seit der k. k. Monarchie hauptsächlich aus Bosniaken bestand, blenden sie aus. Ganz zu schweigen von den tiefehrfürchtigen Beziehungen, welche christliche MystikerInnen (wie Teresa von Avila oder Johannes von Kreuz) zu islamischen Sufis pflegten.

Es gehört zu den dunklen Seiten jeder Religion, dass sie Gewalt legitimieren und auslösen kann. Der Zusammenprall der Kulturen kann leicht zu einem noch folgenschwereren "clash of religions" werden. Christen werden in muslimisch dominierten Ländern gemordet, Schiiten bekriegen Sunniten, Araber Juden. US-Soldaten verbrennen - war es nur Leichtsinn? - den Koran und lösen damit gewaltsamen "heiligen Zorn" aus.

Unendliches Begehren
Wie vergeblich hatte doch Jesus versucht, die Bilder von einem gewaltbereiten zu einem erbarmungsreichen Gott umzuformen, dem er den Kosenamen "Abba", Väterlein, geben konnte. Vor geraumer Zeit hatte ein katholischer Universitätsprofessor unwidersprochen gotteslästerlich gesagt, dass "ein Gott, der immer nur vergeben und lieben dürfe, jedes männliche Persönlichkeitsprofil verliere": Was für ein Männer- und welches Gottesbild stecken hinter solch einer Aussage!

Um die Geschichte der Gewalt zu durchbrechen, wandelte Jesus in der widerstandslosen Hinnahme seiner brutalen Hinrichtung "Gewalt in Liebe" (so Benedikt XVI. am Weltjugendtag in Köln), hoffend, dass ihm seine Bewegung darin folgen werde. Hatte er in seiner Predigt am Berg die Friedensstifter vergeblich seliggepriesen?

"Wir wissen, dass wir vom Tod zum Leben hinübergeschritten sind . . ." (1 Joh 3,14). Passionsszene.

"Wir wissen, dass wir vom Tod zum Leben hinübergeschritten sind . . ." (1 Joh 3,14). Passionsszene.Foto: epa "Wir wissen, dass wir vom Tod zum Leben hinübergeschritten sind . . ." (1 Joh 3,14). Passionsszene.Foto: epa




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-04-05 19:02:11
Letzte Änderung am 2012-04-06 13:27:44


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