Toni Morrison hat TV-Moderatorin Oprah Winfrey, die ihr 1999 auf der "National Book Award Ceremony" vorwarf, ihre Romane seien so komplex, dass man sie eigentlich zweimal lesen müsse, um sie recht zu verstehen, geantwortet: "That, my dear, is called reading". Das passt zu Roland Barthes Warnung: "Wer es vernachlässigt, wiederholt zu lesen, ergibt sich dem Zwang, überall die gleiche Geschichte zu lesen". Man könnte, was Filme betrifft, hinzufügen: Wir sehen beim ersten Mal, was wir bereits zuvor zu sehen gelernt haben.
Ein Prüfstein
Das "zweite Mal" ist für Leser wie Kinogänger ein legitimer Prüfstein. Ob Buch oder Film - der zweite Blick ist erhellend oder ernüchternd, und manche Filme und Bücher "funktionieren" nur beim ersten Mal, weil sie statt einem Geheimnis Raum zu geben, nur eine Rätselfrage gestellt haben. Ist deren Lösung gefunden, verlangt es uns nach keiner Wiederholung - David Finchers Film "Fight Club" oder simple Who-dunnit-Krimis sind gute Beispiele.
Es ist eine elementare Erfahrung, dass erst beim zweiten Mal der Aufbau eines literarischen Textes verstanden wird, seine Architektur und Variationen, die Wandlungen des Leitmotivs, die Entwicklung des Figurenspiels. Das gilt auch für Filme. Dennoch lässt sich diese Leseerfahrung nicht einfach auf Filme übertragen. Es gibt Lieblingsfilme, die wir nur einmal gesehen haben, und es gibt schwergewichtige Filme, die wir uns kein zweites Mal zumuten wollen. Oft gehen wir, wenn wir die Wahl haben, nicht in den Film, der uns mit Unruhe zurückgelassen hat, sondern wählen einen vertrauten Film, von dem wir uns die Freude des Wiedererkennens versprechen, vielleicht wollen wir einfach nur ein Wiedersehen mit Robert Mitchum oder Jerry Lewis, und nicht selten wählen wir nicht einen Film, sondern ein bestimmtes Kino aus.
Auch beim zweiten Mal kann der Versuch, einen Film zu verstehen, scheitern. François Truffaut protokolliert seine Erfahrung, dass er das Funktionieren einiger Szenen bei Hitchcock immer noch nicht begriffen habe, weil er jedes Mal von dem Film aufs Neue gefangen genommen worden sei.
Es gibt jedenfalls einen medialen Unterschied zwischen dem Wieder-Lesen und dem Wieder-Sehen. Insofern nämlich, als wir im Kino uns dem ganzen Film aussetzen, während wir bei der Lektüre innehalten, zurückblättern oder Randnotizen machen. Das Bedürfnis, einen Film verstehend zu erschließen, ist größer als bei einem literarischen Text, weil wir uns dem Film (im Kino) in der Öffentlichkeit aussetzen, in der Interaktion mit unseren Begleitern.
Fixiert auf "die Szene"
Das trifft nicht mehr unbedingt für die jüngste Generation der Filmkonsumenten zu, die von vielen Filmen nur noch die "große Szene" kennen. Der Film ist verfügbar geworden und reduzierbar auf "Szenen" und Zitate. Auch das Wiedersehen eines Films im TV oder als DVD im Familienkreis ("durch das Fernsehen sind wir zur Familie verurteilt", schreibt Roland Barthes) hat eher den Charakter eines Zitats, weshalb sich die folgenden Beobachtungen auf ein Wiedersehen im Kino beziehen.
Entzauberung
1. Wir schauen einen Film ein zweites Mal an, um ihm auf die Spur zu kommen. Mit welchen Tricks hat er uns in seinen Bann gezogen? Es geht auch um Entzauberung, die insgeheim mit neuerlicher Verzauberung rechnet. Man will erproben, wie die Verführung funktioniert hat, ob sie noch einmal funktioniert. Oder man wird durch den Rätselcharakter des Films provoziert. Sogenannte "Mindbender"-Filme wie "Donnie Darko" oder "Shutter Island" verführen uns zum Wiedersehen, weil wir noch einmal dem Spiel der verschiedenen Ebenen folgen wollen, um zu prüfen, ob die Konstruktion trägt.
2. Es gibt zwei unterschiedliche Erfahrungen des zweiten Mal, zum einen, dass wir dabei auf einen anderen Film stoßen, zum anderen, dass der Film sich uns unverändert zeigt. Beides kann mit Erschrecken oder dem Unheimlichen verbunden sein.
Ich entdecke beim zweiten Mal einen anderen Film. Zwar mag man sich über die unordentliche Erinnerung ärgern, doch man ahnt bald, woran das lag: Man hat den Film zu oft nacherzählt. Das ist mir beispielsweise bei dem Film "Sullivans Travels" von Preston Sturges (1941) passiert, einer Komödie, die von einem Filmregisseur erzählt, der, unzufrieden mit seiner Arbeit, auf der Suche nach einem sozialkritischen Thema ist und am Ende, als er sich noch einmal als Landstreicher verkleidet, von der Polizei des Mordes verdächtigt wird, in das Räderwerk der Justiz gerät und in einer Sträflingskolonie landet.
Ich habe in meiner Nacherzählung, ohne es zu merken, allmählich alles gestrichen bis auf meine Lieblingsszene, die Vorführung eines Disney-Pluto-Films in der Sträflingskolonie. Hier entdeckt der Regisseur, welche Filme er in Zukunft drehen will, und in dem Augenblick, in dem er die Antwort auf seine Frage gefunden hat, die ihn herumtrieb, weiß er auch, wie er sich aus seiner misslichen Lage befreien kann - er gesteht seinen Aufsehern, dass er sich selbst, den verschwundenen Regisseur, ermordet habe, was in übertragenem Sinn ja zutrifft, woraufhin sein Foto in den Zeitungen erscheint, was dazu führt, dass seine Familie ihn als den verschollenen Sohn und Ehemann identifiziert.