• 25. Mai 2013

  • RSS abonnieren
  • Wiener Zeitung auf Facebook
  • Auf Twitter verfolgen

Sie sind hier:


  • vom 27.04.2012, 14:30 Uhr

extra

Update: 27.04.2012, 16:44 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Vor 50 Jahren entstand Österreichs erste Plattenbausiedung

Wohnraum aus der Fabrik


Von Reinhard Seiß

  • Während sich der industrialisierte Wohnbau hierzulande nicht durchzusetzen vermochte, wurde er andernorts zum Maß aller Dinge.

Der Plattenbau wurde vor allem zum Symbol der kommunistischen Staaten Europas. Das Prestigeprojekt der DDR war der Ost-Berliner Stadtteil Marzahn. - Foto: Seiß

Der Plattenbau wurde vor allem zum Symbol der kommunistischen Staaten Europas. Das Prestigeprojekt der DDR war der Ost-Berliner Stadtteil Marzahn. Foto: Seiß

"Bürgermeister Jonas hob heute in der Montagefabrik in Kagran die erste Betonplatte mit Hilfe eines Kranes aus ihrer Form. Mit dieser probeweisen Inbetriebnahme der Wohnungsfabrik in der Erzherzog Karl-Straße hat auch für die Gemeinde Wien die Industrialisierung des Wohnungsbaues begonnen. Die Stadträte Bauer, Heller und Koci, Baudirektor Dipl.-Ing. Dr. techn. Koller, der Schöpfer des Fertigteilverfahrens, der französische Ingenieur Raymond Camus mit seinem Stab waren bei der Geburt der ersten Betonplatte vertreten."

Werbung

Häuser aus der Fabrik
So berichtete der Pressedienst des Rathauses am 3. Mai 1962 nicht ohne Pathos davon, dass auch Wien nun in das Zeitalter des modernen Wohn- und Städtebaus eingetreten sei. "Nur einige hundert Meter von der Wohnungsfabrik entfernt beginnt man bereits mit dem Aushub für die erste Wohnhausanlage aus Fertigbauteilen. Bis Jahresende sollen die ersten 60 Wohnungen aus der Wohnungsfabrik fertig sein. Insgesamt sollen 5000 Wohnungen errichtet werden, die durch ein Fernheizwerk mit Wärme versorgt werden."

Das Verfahren, das die Montagebau Wien Ges.m.b.H. übernommen hatte, war 1948 vom Pariser Architekten Raymond Camus als erstes komplett industrialisiertes Wohnbausystem entwickelte worden, bei dem seriell produzierte Betonplatten in einer Art Schachtelbauweise übereinander gestapelt werden. Camus optimierte auch die Baustellenlogistik, sodass die städtebauliche Gestalt vieler Großsiedlungen fortan durch technische Grenzwerte geprägt wurde: Die Größe der Platte bestimmte die Gebäudetiefe - ihre Tragfähigkeit wiederum gab die Geschoßanzahl vor. Und der Abstand zwischen den Gebäuden resultierte aus den Radien der Montagekräne. Nicht nur in französischen Vorstädten entstand dadurch eine Vielzahl nüchterner, eintöniger Wohngebiete. Das Camus-System wurde ab den 1950er Jahren in die französischen Kolonien, aber auch nach Skandinavien, in die Niederlande, nach Westdeutschland, Österreich oder in die Schweiz "exportiert", um den enormen Wohnraumbedarf der Nachkriegszeit und bald auch den starken Zuzug in die Städte schnell und kostengünstig bewältigen zu können.

Schlafstädte in Wien
In Österreich entstanden bis Mitte der 1970er Jahre auf diese Weise einige der größten "Schlafstädte" des Landes - etwa die Großfeldsiedlung in Wiens 21. Bezirk, die Wohnanlage auf den Trabrenngründen im 22. Bezirk oder die Per Albin Hansson-Siedlung Ost in Wien-Favoriten. Die Montagebau Wien Ges.m.b.H. errichtete sogenannte Wohnungsfabriken in unmittelbarer Nähe der Großbaustellen, um die Transportwege für die vorgefertigten Betonplatten kurz zu halten.

Anfänglich ordnete man die vier- beziehungsweise neungeschoßigen Gebäude in parallelen Zeilen an. Später wurden die Plattenbauten mit bis zu 16 Geschoßen - im Bemühen um mehr Abwechslung - auch im rechten Winkel aneinander gereiht, diagonal zueinander aufgestellt, mäanderförmig oder hofartig gruppiert. Wie die meisten anderen westeuropäischen Städte musste aber auch Wien schließlich erkennen, dass der Montagebau nicht günstiger kommt als etwa die Scheiben- oder Skelettbauweise.

Während die Platte in Österreich ausschließlich im kommunalen Wohnbau zum Zuge kam, wurde der industrialisierte Siedlungsbau in der calvinistischen Schweiz von einem Kapitalisten par excellence vorangetrieben - dem Züricher Bauunternehmer Ernst Göhner. Dies trug der Platte - der Verkörperung des sozialistischen Städtebaus - in der Schweiz paradoxerweise vor allem Kritik von links ein: Göhner - der nicht nur seine Wohnungen auf eigenes Risiko baute, sondern auch die Grundstücke dafür selbst ankaufte - wurde als Spekulant abgetan, der für die gesichtslosen Vorstädte, ja für die Zerstörung der Schweizer Landschaft an sich verantwortlich sei. Volketswil im heutigen Agglomerationsraum Zürich - eines jener ehemaligen Bauerndörfer, die zu suburbanen Schlafstädten mutierten - ist heute in der gesamten Schweiz bezeichnenderweise unter dem Namen "Göhnerswil" bekannt.

Der Ruf dieser Großsiedlungen war und ist freilich schlechter als die realen Lebensbedingungen dort. Wurden die Plattenbaugebiete an den Rändern französischer oder westdeutscher Großstädte tendenziell von sozial schwachen Familien bezogen, so dienten und dienen sie in der Schweiz durchaus als Quartiere für den Mittelstand.

Siegeszug im Osten
Ihren wirklichen Durchbruch schaffte die Plattenbauweise aber im kommunistischen Osten, wo sie mit weit größerer Kontinuität und Konsequenz als im Westen zum Einsatz gelangte - zumal Uniformität im Sozialismus kein Makel, sondern gesellschaftliches Ziel war, und die ökonomische wie soziale Situation im COMECON auch kaum Alternativen zuließ. "Genossen! Der Erfolg der Industrialisierung im Bauwesen und die Senkung der Baukosten hängen in erheblichem Maße von der Arbeit der Architekten und Konstrukteure ab. Wir können nicht dulden, dass sich der Bauablauf häufig wegen der langsamen Arbeit der Entwurfsbüros verzögert und bisweilen an einfachen Gebäuden zwei Jahre und länger herumprojektiert wird. Um erfolgreich und schnell zu bauen, muss das Bauen nach Typenentwürfen vor sich gehen. Wir sind nicht gegen Schönheit, jedoch gegen alle Arten von Überflüssigkeiten!"

Plattenbau in Wien: die Per Albin Hansson-Siedlung Ost in Favoriten.

Plattenbau in Wien: die Per Albin Hansson-Siedlung Ost in Favoriten.Foto: Buchhändler/Wikimedia Commons Plattenbau in Wien: die Per Albin Hansson-Siedlung Ost in Favoriten.Foto: Buchhändler/Wikimedia Commons




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-04-26 16:24:13
Letzte Änderung am 2012-04-27 16:44:00


Werbung



Beliebte Inhalte



Freundliches Lächeln zwischen Vizemarschall Choe Ryong-hae und Präsident Xi Jinping. - ap
  • Erstmals unter Kim Jong-un besucht ein nordkoreanischer Gesandter Peking
  • weiter

Mehr als 5000 "Siemensianer" arbeiten derzeit noch in der neuen "Siemens-City" in Wien-Floridsdorf. - apa
  • Auch in Österreich wackeln bis zu 1000 Arbeitsplätze
  • weiter

Herbert Stepic am Freitag vor der Presse. - APAweb/GEORG HOCHMUTH
  • Stepic stolperte über seine publik gewordenen privaten Offshore-Geschäfte.
  • weiter

Auf Sexualverhalten bezogene Aidsbekämpfung macht wenig Sinn, so Hunsmann. - Apaweb/Pfarrhofer
  • HIV-Epidemien in Afrika gehen aus schlechtem Gesundheitszustand der Bevölkerungen hervor.
  • weiter

Haben die Wiener Senioren mehr Weitblick als die eigene Partei? - Rösner
  • Die "rote Basis" macht Urlaub - und schimpft über die (grüne) Stadtpolitik.
  • weiter

Eine erste Teststrecke beim Westbahnhof wurde grün angemalt. - APAweb / Georg Hochmuth
  • City-Chefin Stenzel: Grüne geben Steuergelder für Parteiwerbeaktion aus.
  • weiter

Schütze Bosko Rasovic trainiert fünfmal pro Woche. S. Jenis
  • Rund 24.000 Wiener haben eine Waffenbesitzkarte.
  • weiter

Der Radfahrverkehr soll gefördert werden. - apa/Helmut Fohringer
  • Hitzige Debatte im Gemeinderat - Öffnung von Einbahnen für Radfahrer.
  • weiter





Das Wetter meinte es nicht gut: Am Samstag Nachmittag hieß es das Ball-Publikum mit herbstlich kühlen Temperaturen am Wiener Ring willkommen.

Gottfried Helnwein, Peinlich, 1971, Die Wolldecke eines Navajo-Häuptlings wurde bei Sothebys in New York für rund 221.000 US-Doller versteigert. Es war die erste Auktion aus dem Nachlass der Sammlung Andy Williams, des bekannten US-amerikanischen Popsängers und Fernsehentertainers.

Chondrocladia lyra, ein fleischfressender Schwamm, lebt über drei Kilometer tief im Pazifik vor der Küste von Kalifornien. Die Art wurde von der Universität von Arizona in Tempe (USA) für die Liste der skurrilsten Entdeckungen 2012 ausgewählt. "Erstbegehung" des Wiener Wahrzeichens:  Slackliner Christian Waldner arbeitete sich in 60 Metern über dem Boden Schritt für Schritt vom großen Steffl-Turm (Südturm) bis zum südlichen Heidenturm vor und tänzelte nach kurzer Verschnaufpause wieder retour. Der Drahtseilakt dauerte rund zehn Minuten.

Werbung