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  • vom 04.05.2012, 13:00 Uhr

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Update: 04.05.2012, 13:15 Uhr
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Neue Dokumente aus Moskau ermöglichen genaue Einblicke in das Alltagsleben der russischen Besatzungssoldaten während der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Stalins Truppen in Österreich


Von Barbara Stelzl-Marx

Soldaten der 3. Ukrainischen Front auf dem Areal der Wiener Hofburg. Die "Schlacht um Wien" dauerte vom 6. bis zum 13. April 1945. - © CMVS

Soldaten der 3. Ukrainischen Front auf dem Areal der Wiener Hofburg. Die "Schlacht um Wien" dauerte vom 6. bis zum 13. April 1945. © CMVS

Im Jänner 1946 klagte der in Österreich stationierte sowjetische Leutnant Michail M. Žilcov, die Sowjetunion würde Europa niemals "ein- und überholen". In Österreich gebe es in jedem Haus Strom, während die Dörfer in seiner Heimat vermutlich nie elektrifiziert würden. Desillusioniert konstatierte der 27-Jährige, in Österreich "gibt es Lüster, luxuriöse Häuser, Kleidung, während meine Familie Hunger leidet und nichts anzuziehen hat".

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Der Kulturschock
Die "Lobpreisungen der kapitalistischen Ordnung" blieben nicht ungestraft: Der Leutnant wurde seiner militärischen Funktion enthoben und aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen. Die zuständige Politabteilung klärte seine Kameraden über die "Gefährlichkeit der Aussagen Žilcovs" auf. Seine Zweifel an der "Überlegenheit des sowjetischen Systems" wertete man als Folge "seines mangelhaften politischen Wissens und seiner ideologischen Zurückgebliebenheit".

29. März 1945: Die ersten Soldaten der Roten Armee überquerten die österreichisch-ungarische Grenze bei Klostermarienberg im Burgenland. Durch das Kriegsende und die Besatzung in Österreich kamen mehrere Hunderttausend sowjetische Besatzungsangehörige in direkten Kontakt mit dem kapitalistischen Westen.

Für die meisten von ihnen stellte dies die erste und oft - für Jahrzehnte - auch letzte Möglichkeit dar, über den Tellerrand des kommunistischen Imperiums hinauszublicken. Zumindest für einen Teil der sowjetischen Soldaten bedeutete dieser unmittelbare Einblick in das Leben des ehemaligen Feindes einen tiefgehenden Kulturschock. Die vorherrschenden Lebensbedingungen unterschieden sich drastisch von jenen in der Sowjetunion, aber auch von dem Bild, das ihnen von Stalins Propagandamaschinerie jahrelang eingehämmert worden war. Diese Diskrepanz zwischen dem Lebensstandard in Europa und jenem in der Heimat empfanden die Sieger vielfach als persönliche Niederlage.

Information

Literaturhinweis:

Die Historikerin Barbara Stelzl-Marx hat soeben ihre Habilitationsschrift "Stalins Soldaten in Österreich" veröffentlicht. Auf Basis von Archivdokumenten, Armeezeitungen, Interviews, Fotografien, Dokumentarfilmen und Memoiren lässt die Autorin die individuellen Erlebnisse von Armeeangehörigen lebendig werden.
Die Studie erhielt im März 2012 den Josef-Krainer-Würdigungspreis für Zeitgeschichte. Die Forschungen wurden im Rahmen eines APART-Stipendiums der ÖAW durchgeführt und zudem vom BMWF gefördert.

Barbara Stelzl-Marx: Stalins Soldaten in Österreich. Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945– 1955. Oldenbourg/Böhlau, Wien–München 2012, 867 Seiten, 49,80 Euro.

Angesichts der ersten Kontakte mit der Bevölkerung kamen nun die von der sowjetischen Kriegspropaganda geprägten Feindbilder zum Tragen. In Österreich wurde jedoch auf der Basis der Moskauer Deklaration eine klare Differenzierung zwischen "Deutschen" und "Österreichern" gefordert: mit diesen sollte abgerechnet, das "friedliche österreichische Volk" hingegen verschont werden.

Befreiungspathos
Die Oberbefehlshaber der 2. und 3. Ukrainischen Front, die Marschälle Rodion Malinovskij und Fedor Tolbuchin, gaben entsprechende Befehle an ihre Truppen und Aufrufe an die österreichische Bevölkerung mit den grundsätzlichen Zielen der sowjetischen Politik in Österreich heraus: Befreiung vom "faschistischen Joch", Wiederherstellung der Unabhängigkeit und eines normalen politischen Lebens sowie Kampf der Roten Armee "gegen die deutschen Besatzer und nicht gegen die Bevölkerung Österreichs". Nicht nur aufgrund derselben Sprache und Uniformen sahen sich viele Besatzungssoldaten von dieser Vorgabe - zumindest anfangs - überfordert.

Nach dem "Wettlauf der Armeen" war Österreich im Mai 1945 militärisch sechsfach besetzt. Den weitaus größten Gebietsanteil hatten die Sowjets inne, wobei Stalins Soldaten eindeutig am stärksten in Österreich vertreten waren: 400.000 Mann der 2. und 3. Ukrainischen Front machten die "totale Besetzung" (Manfried Rauchensteiner) augenfällig. Diese Truppenstärke sank bis Herbst 1945 um etwa die Hälfte auf 180.000 bis 200.000 Mann und bis Jahresbeginn 1946 auf rund 150.000 Personen.

Neben den Militärangehörigen waren Diplomaten, Geheimdienstler, Journalisten, Dolmetscher, Erdölspezialisten und - wenn der Rang stimmte - deren Familienmitglieder über die unterschiedlichen Einrichtungen des sowjetischen Besatzungsapparates in Österreich stationiert.

"Versuchungen"
Von Anfang an hatte die Armee mit Problemen in den eigenen Reihen zu kämpfen. Eindringlich mahnte man die Kommandanten, "den Versuchungen des Lebens zu widerstehen", sich "in gebührender Weise" zu benehmen sowie "allzeit daran zu denken, dass er ein Repräsentant der Roten Armee der Großen Sowjetunion ist".

Bereits im September 1945 reagierte der Oberbefehlshaber der Zentralen Gruppe der Streitkräfte Marschall Ivan Konev mit einer neuen Weisung an die Militärkommandanten. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich herauskristallisiert, wo die wunden Punkte der Armee während ihres Österreicheinsatzes lagen: Einhaltung der Disziplin, Tragen der vorgeschriebenen militärischen Uniform, nötigenfalls mehrstündige Exerzierausbildung, Unterbindung von Marodieren und illegaler Beschlagnahme österreichischen Eigentums, Ahndung von Schwarzmarktgeschäften, Verbot des Besuchs von Volksfesten, Nachtlokalen, Cafés und - gültig für den Mannschafts- und Unteroffiziersstand - von Gaststätten mit Alkoholausschank.

Die Militärkommandanten waren verpflichtet, "verbrecherische Elemente" der Gegenspionage "Smer" (wörtlich: "Tod den Spionen") zu übergeben, die ihrerseits zur "Schattenebene" gehörte. Das am Schnittpunkt zwischen Ost und West gelegene, viergeteilte Österreich sollte ab April 1945 Operationsgebiet der sowjetischen Aufklärungsdienste und Spionageorganisationen werden. Hier prallten die Interessen der USA und der UdSSR aufeinander, hier kam es zu einer Projektion des Konfliktes zweier Weltanschauungen und zweier unterschiedlicher Systeme.

Sowjetische Besatzungsangehörige lassen sich nach Kriegsende im Zentrum Wiens fotografieren. Die Fotografin ist dabei selbst ein Teil der Inszenierung.

Sowjetische Besatzungsangehörige lassen sich nach Kriegsende im Zentrum Wiens fotografieren. Die Fotografin ist dabei selbst ein Teil der Inszenierung.© RGAKFD Sowjetische Besatzungsangehörige lassen sich nach Kriegsende im Zentrum Wiens fotografieren. Die Fotografin ist dabei selbst ein Teil der Inszenierung.© RGAKFD




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-05-04 11:14:17
Letzte Änderung am 2012-05-04 13:15:06


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