• vom 20.07.2012, 14:00 Uhr

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Update: 20.07.2012, 15:51 Uhr

Salzburg

Günther G. Bauer




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Von Hermann Schlösser

  • "Mozart war immer reich"
  • Der Salzburger Kulturhistoriker Günther G. Bauer korrigiert liebgewordene Legenden der Mozart-Biographik, befasst sich mit der Geschichte des Spielens und blickt auf seine Zeit als Schauspieler und Regisseur zurück.

Günther G. Bauer. - Foto: Andreas Pessenlehner © Wiener Zeitung

Günther G. Bauer. Foto: Andreas Pessenlehner © Wiener Zeitung

"Wiener Zeitung": Herr Bauer, in Ihrem neuesten Buch beschreiben Sie den Salzburg-Besuch des Ehepaars Mozart im Jahr 1783. Da wollte der Komponist mit einiger Verspätung seinem Vater seine junge Frau Constanze präsentieren.

Günther G. Bauer: So war es geplant. Aber das ist schief gegangen. Leopold Mozart hat seine Schwiegertochter extrem abgelehnt, er hat geschrieben, sie sei eine "Hure" und dergleichen, und Constanze hatte begreiflicherweise keine Lust, diesem bösen alten Schwiegervater um den Hals zu fallen. Auch Mozarts Schwester Maria Anna, genannt "Nannerl", hat sich ungeheuer arrogant gegen ihre Schwägerin benommen. Da gibt es ein sehr interessantes Dokument, nämlich das Tagebuch der Maria Anna Mozart aus dieser Zeit. Das fängt ganz sympathisch an, aber nach fünf Tagen bricht es ab. Danach fehlen drei Wochen, die Blätter sind herausgerissen, und kein Mensch weiß, was sie in dieser Zeit aufgeschrieben hat. Danach lässt sie ihren Bruder und seine Frau sterben, wie man sagt: Sie kommen in dem Tagebuch fast gar nicht mehr vor.

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Wie lange haben sich Mozart und Constanze denn in Salzburg aufgehalten?

Information

Zur Person

Günther G. Bauer, geboren 1928 in Bregenz, arbeitete als Schauspieler und Regisseur an verschiedenen Theatern in Berlin, Frankfurt/M., Göttingen, Graz, Salzburg und vor allem am Wiener Burgtheater. Zwischen 1983 und 1991 war er Professor und Rektor der Universität Mozarteum in Salzburg, wo er das Institut für Spielforschung und Spielpädagogik gründete und zwischen 1991 und 2008 auch leitete.

Günter G. Bauer ist Ehrenmitglied der Universität Mozarteum, der Internationalen Stiftung Mozar-teum und Träger zahlreicher Auszeichnungen und Orden. Er ist Mitherausgeber der zehn Bände "Homo ludens - der spielende Mensch" und Verfasser zahlreicher Publikationen zum Thema Spiel. Seit dem Mozartjahr 1991 beschäftigt er sich intensiv mit den Lebensumständen Wolfgang Amadeus Mozarts: 2003 erschien sein Buch "Mozart - Glück, Spiel und Leidenschaft", 2009 folgte "Geld, Ruhm und Ehre" (beide im K. H. Bock Verlag, Bad Honnef), 2011 "Was Sie schon immer über Mozart wissen wolten" (Residenz Verlag, St. Pölten), und 2012 ist seine Studie "Mozart und Constanze 1783 zu Besuch in Salzburg" im Verlag der Freunde der Salzburger Geschichte erschienen.

Drei Monate, ganz genau gesagt 93 Tage.

Aber warum sind sie so lange geblieben, wenn die Umstände derart unerfreulich waren?

Das ist eine gute Frage. Eigentlich wollten die beiden nur vier Wochen in Salzburg bleiben. Sie hatten ja ein kleines Baby in Wien zurückgelassen, und Constanze wäre im Grunde lieber früher als später wieder abgereist. Da aber organisiert der alte Leopold eine Aufführung der c-Moll-Messe seines Sohnes. Das ist das wichtigste Werk, das mit diesem Besuch in Verbindung steht. Ursprünglich soll die Messe im Dom stattfinden, aber dort dürfen Frauen nicht singen. Mozart will aber unbedingt, dass seine Frau die Sopranpartie singt. Deshalb weichen sie auf die St. Peters-Kirche aus, doch der Termin wird mehrmals verschoben. Einen Tag nach der Aufführung der Messe, am 27. Oktober 1783, steigen sie dann sofort in die Kutsche nach Linz, wo Mozart noch seine Linzer Symphonie aufführt, bevor beide wieder Anfang Dezember nach Wien zurückkehren.

Und warum haben Sie dieser Episode ein ganzes Buch gewidmet?

Bei dieser Geschichte habe ich mich in etwas gestürzt, wo sich vorher noch niemand drübergetraut hat. Es gibt zu diesem Aufenthalt keine wirklich guten Dokumente, und ich habe mir den Luxus geleistet, zwei Jahre lang von Archiv zu Archiv zu ziehen und ein Steinchen nach dem anderen zu finden. Ich habe viel neues Material erschlossen, nach dem vor mir noch niemand gesucht hat. Dabei habe ich unter anderem ein sehr interessantes Bild entdeckt, das bisher unbekannt war. Es war im Kloster Michaelbeuern unter einem Christusdruck des 19. Jahrhunderts verborgen, und ist daher farblich sehr gut erhalten. Es ist signiert und datiert und stellt die Familie Mozart dar: Wolfgang Amadeus Mozart und Constanze sind nach den Porträts von Joseph Lange abgebildet, und der kleine Sohn Carl ist nach einem Doppelporträt von Hans Hansen kopiert. Diese Bilder hingen in der Salzburger Wohnung der sechzigjährigen Konstanze, und sie hat auch unser Bild in Auftrag gegeben.

Dieses Porträt der Familie Mozart aus dem Jahr 1829 hat Günther G. Bauer wiederentdeckt.

Dieses Porträt der Familie Mozart aus dem Jahr 1829 hat Günther G. Bauer wiederentdeckt.© Michael Bauer, Gemäldesammlung Dieses Porträt der Familie Mozart aus dem Jahr 1829 hat Günther G. Bauer wiederentdeckt.© Michael Bauer, Gemäldesammlung

Sind aus der Summe solcher Entdeckungen auch neue Erkenntnisse entstanden?

Ja, ich konnte auf diese Weise zum ersten Mal den Aufenthalt des Ehepaars Mozart in Salzburg detailliert rekonstruieren. Dabei habe ich mir mit einem Trick geholfen: Ich habe mir einen Kalender des Jahres 1783 geben lassen und die Seiten fotokopiert. Daraus habe ich dann ein komplettes Mozarttagebuch entwickelt: Tag für Tag habe ich nachgeschaut, was wir wissen und was nicht. Aus einem Paralleltagebuch habe ich zum Beispiel die Angaben zum Wetter übernommen. Wenn das Wetter schlecht war, ging Mozart mit seiner Frau nicht aus dem Haus. Stattdessen hat er komponiert. In manchen Fällen wissen wir, was er komponiert hat, in anderen Fällen nicht - und so habe ich mich von einem Faktum zum nächsten vorwärts gearbeitet. Was ich allerdings nicht gefunden habe, sind genauere Dokumente zur verzögerten Aufführung der c-Moll-Messe. Die gesamte Mozartforschung sucht danach, und ich dachte, vielleicht hat ein bunter Vogel wie ich Glück, aber ich habe auch nichts gefunden.

Trotzdem haben Sie eine Lücke in der Mozartbiographie geschlossen. Gibt es noch mehrere solcher Lücken?

Ja.

Das ist erstaunlich. Man würde doch annehmen, gerade dieses Komponistenleben sei bis ins Letzte erforscht.

Nein, das ist eben nicht der Fall. Wir stehen auch bei Mozarts Wiener Zeit noch immer vor ungeheuren Rätseln. Natürlich haben wir die Entstehungsdaten der Kompositionen, aber es sind zum Beispiel sehr viele Briefe, die es gegeben haben muss, verloren gegangen. Es ist zum Beispiel kaum denkbar, dass Constanze ihrer Mutter oder ihren Schwestern nicht aus Salzburg öfter geschrieben hat. Aber das ist alles verloren. Es gibt eine ganze Reihe von Monaten in Mozarts Leben, über die wir absolut nichts wissen. Er verschwindet aus dem Blick, als ob es ihn nicht mehr gäbe.

Nun haben wir ja eine Fülle von Biographien, die unterschiedliche Mozartbilder entwerfen. Wie gehen die mit diesen Wissenslücken um?

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2012-07-19 15:48:18
Letzte nderung am 2012-07-20 15:51:23



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