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  • vom 03.08.2012, 15:01 Uhr

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"Mehr Sehnsucht als Erfüllung"


Von Otto A. Böhmer

  • Vor fünfzig Jahren starb der Dichter Hermann Hesse, der seiner Leserschaft zuweilen wie ein Guru erschien, obwohl er sich immer geweigert hat, eine Lehre zu verkünden.

Die Stadt Calw, in der Hesse 1877 geboren wurde, erklärte er in jungen Jahren zur "schönsten Stadt zwischen Neapel, Wien und Singapore". - Foto: © Softeis/ Wikimedia Commons

Die Stadt Calw, in der Hesse 1877 geboren wurde, erklärte er in jungen Jahren zur "schönsten Stadt zwischen Neapel, Wien und Singapore". Foto: © Softeis/ Wikimedia Commons

Er ist einer der weltweit erfolgreichsten deutschen Schriftsteller, seine Werke werden u.a. in den USA, in El Salvador, Usbekistan, Neuseeland und China gelesen. Zudem hat er, meist unfreiwillig, ganze Generationen mit bekennender Literatur versorgt, allen voran die Hippies der sechziger und siebziger Jahre, die sich speziell um seinen Roman "Der Steppenwolf" (1927) scharten, der wiederum einer (damals) erfolgreichen Rockband zu ihrem Namen und einem Song verhalf, in dem sich das Lebensgefühl der Aussteigergeneration widerspiegelte: "Born to be wild".

Ein früher Aussteiger
Die hiesigen, eher zahmen Hesse-Puristen hielten das für ein Missverständnis, aber das war es nicht: Ihr Dichter verstand sich durchaus aufs Aussteigen, er probte die Selbstfindung, die unzählige Varianten kennt und doch an kein Ziel kommt, das über jeden Zweifel erhaben wäre. Vom "unfruchtbar einsamen Virtuosentum des Künstlers" hielt Hesse wenig: Zwar lobte er den "Eigensinn", wusste aber auch um die Notwendigkeit, "das persönliche Leben und Tun einem überpersönlichen Ganzen, einer Idee, einer Gemeinschaft einzuordnen".

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Hermann Hesse, 1877 geboren, stammt aus kleinbürgerlichen Verhältnissen; die Eltern sind fromm und wollen den Sohn zum Theologen ausbilden lassen. Der aber möchte seine Kindheit zunächst gar nicht verlassen: Die Heimatstadt Calw, die er in seinen Werken später Gerbersau nennt, erklärt er kurzerhand zur "schönsten Stadt zwischen Neapel, Wien und Singapore". Dort kennt er sich so gut aus, dass es auch für später noch reicht: "Ich wusste Bescheid in unsrer Vaterstadt, in den Hühnerhöfen und in den Wäldern, in den Obstgärten und in den Werkstätten der Handwerker, ich kannte die Bäume, Vögel und Schmetterlinge, konnte Lieder singen und durch die Zähne pfeifen, und sonst noch manches, was fürs Leben von Wert ist."

Es ist ein Stück zeitlose Heimat, das Hesse für sich gewinnt; in der Erinnerung bleibt sie ihm greifbar, auch wenn die zugehörigen Bilder mit dem Alter etwas Staub ansetzen. Nach einem Wiedersehen mit seiner Geburtsstadt, da ist er immerhin schon 41 Jahre alt, schreibt er: "Wenn ich jetzt wieder eine Viertelstunde auf der Brückenbrüstung sitze, über die ich als Knabe tausendmal meine Angelschnur hinabhängen hatte, dann fühle ich tief und mit einer wunderlichen Ergriffenheit, wie schön und merkwürdig dies Erlebnis für mich war: einmal eine Heimat gehabt zu haben!"

Dichter oder gar nichts
Schon früh fasst der Knabe Hesse einen für ihn nahe liegenden Plan: "Von meinem dreizehnten Jahr an war mir (. . .) klar, dass ich entweder ein Dichter oder gar nichts werden wolle." Dabei kommt ihm eine Anregung zugute, die sich, wie andere unauffällige Inspirationen auch, eher beiläufig einstellt, dafür aber um so nachhaltiger wird: "In unserem Schullesebuch, das wir als zwölfjährige Lateinschüler hatten, standen die üblichen Gedichte und Geschichten, die Anekdoten von Friedrich dem Großen und Eberhard im Barte, und alles las ich gern, aber mitten zwischen diesen Sachen stand etwas anderes, etwas Wunderbares, ganz und gar Verzaubertes, das Schönste, was mir je im Leben begegnet war. Es war ein Gedicht von Hölderlin, das Fragment ,Die Nacht‘. Oh, diese wenigen Verse, wie oft habe ich sie damals gelesen, und wie wunderbar und heimlich Glut und auch Bangigkeit weckend war dies Gefühl: das ist Dichtung! Das ist ein Dichter!"

Im Herbst 1891 wird Hesse ins Klosterseminar Maulbronn gegeben, wo es ihm anfangs ganz gut gefällt; sein anfänglicher Elan lässt jedoch nach. Er reißt aus, irrt "23 Stunden in Württemberg, Baden und Hessen herum", schläft "auf freiem Feld bei 7 Grad minus", bis ihn Landjäger aufgreifen und zurückbringen. Die Lehrer gehen vergleichsweise milde mit ihm um, er bekommt "wegen unerlaubten Entweichens aus der Anstalt" nur acht Stunden Karzer.

Danach fühlt er sich "so müde, kraft- und willenlos". Es lässt sich nicht verbergen: Hesse geht es schlecht, er hat Depressionen. Die nächste Zeit gleicht einer Irrfahrt: Er verlässt Maulbronn, wird der Obhut eines Gebetsheilers in Bad Boll übergeben, was ihm aber nicht bekommt. Wenig später sieht er sich in eine unglückliche Liebe verstrickt, die ihn so belastet, dass er einen Selbstmordversuch unternimmt. Auch in der Nervenheilanstalt Stetten, der er 1892 übergeben wird, kann man ihm nicht helfen.

Das "dichterische Ich"
Zwei weitere Schulversuche folgen, die ebenso abgebrochen werden wie eine Buchhändlerlehre in Esslingen. Danach aber, als alles schon aussichtslos erscheint, ist er über den Berg. Im Frühsommer 1894 wird er Praktikant einer Werkstatt für Turmuhren in Calw. Diese Arbeit macht ihm Spaß, er findet wieder zu sich selbst, wozu auch die Lesewut beiträgt, die in ihm angestaut ist; er liest, was ihm an Büchern in die Hände fällt. Im Mai 1895 erklärt Hesse seine Krise, die er später in seinem zweiten Roman "Unterm Rad" beschreibt, für beendet: "Die böse Zeit voll Zorn und Hass und Selbstmordgedanken liegt hinter mir, immerhin hat sie mein dichterisches Ich ausgebildet; die tollste Sturm- und Drangzeit ist glücklich überwunden."

Der lesende Hermann Hesse in seinem Haus in Montagnola.

Der lesende Hermann Hesse in seinem Haus in Montagnola.© dpa/dpaweb Der lesende Hermann Hesse in seinem Haus in Montagnola.© dpa/dpaweb




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Dichtung, Hermann Hesse, Extra

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-08-02 16:44:10
Letzte Änderung am 2012-08-03 15:00:15


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