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  • vom 31.08.2012, 14:00 Uhr

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Update: 31.08.2012, 15:19 Uhr
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"Ich mag das Nichtstun"


Von Irene Prugger

  • Der Südtiroler Künstler Egon Moroder Rusina zieht sich seit 30 Jahren jeden Sommer auf eine abgelegene Alm in den Südtiroler Dolomiten zurück.

Ziegen sind die inkarnierte Widerspenstigkeit, heißt es. Sie sind störrisch und lassen sich nicht gern bevormunden. Selbst wenn sie sich an einem Ort wohlfühlen, verlockt die Freiheitsliebe sie zu immer neuen Aufbrüchen in fremde, unerforschte Gebiete. Charaktereigenschaften, die Künstlern gemeinhin gefallen. Und so nimmt der Grödentaler Maler Egon Moroder Rusina neben ein paar Hühnern immer auch zwei oder drei Ziegen mit, wenn er sich in sein Sommerrevier im Cuecenes-Gebiet am Fuß des Secedagebirges im Naturpark Puez-Geisler begibt, um zu sich selbst zu kommen und seiner Kunst neue Wege zu eröffnen. Die Ziegen haben noch dazu den Vorteil, dass sie Milch geben, was sehr nützlich ist, wenn man abseits der Zivilisation ein paar Monate ausharren möchte.

Bildhauer, Zeichner, Einsiedler: Egon Moroder Rusina.

Bildhauer, Zeichner, Einsiedler: Egon Moroder Rusina.© Thomas Defner Bildhauer, Zeichner, Einsiedler: Egon Moroder Rusina.© Thomas Defner

Wo die Erde rot ist

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Cueciun heißt auf Ladinisch rot, die rote Farbe ist die culëur cueciun. "Cuecenes" ist also das Gebiet, wo die Erde rot ist. Die Farbe kommt vom roten Sandstein, ist typisch für die Gegend und taucht sie in ein malerisches Licht. Kein Wunder, dass es den 1949 in Brixen geborenen Künstler nun schon seit 30 Jahren hinauf in diese schöne Gegend in den Südtiroler Dolomiten zieht. Während im Sommer das Grödental von Touristenmassen durchströmt wird, genießt Egon die Berg-Einsamkeit, denn nur wenige kennen das "Versteck", wo er sein kleines Zelt aufstellt und vier Monate in völliger Zurückgezogenheit verbringt - eine Übung zur Selbstfindung, die allerdings nicht immer leicht zu bewältigen ist:

"Ich habe mir einen Platz in der entlegensten und wildesten Gegend von Gröden auf 1900 Meter ausgesucht. Es gibt keine Hütte weit und breit und keinen markierten Weg dorthin. Die nächste Alm ist Raschötz, sie ist mehr als eine Stunde Gehzeit entfernt. Unterhalb und oberhalb meiner Lichtung liegt eine Rinderweide, ich bin also mitten unter den Rindviechern. Mit den Hirten komme ich gut aus, aber ich sehe sie nicht oft.

Zwar bekomme ich hin und wieder Besuch von Freunden und von meiner Frau, die mir Lebensmittel bringt, aber die meiste Zeit bin ich mit meinen Tieren allein. Das ist auch gut so, sonst könnte ich ja gleich im Tal bleiben. Um zu sich zu finden, braucht man die Stille und das einfache Leben. Aber das einfache Leben ist nicht so einfach. Vor allem in den ersten Jahren war es schwer, auf alle Ablenkungen zu verzichten. Es ist ja keine Saufbude in der Nähe, wo ich mir zwischendurch die Zeit vertreiben kann. Ich bin mit meinen Ängsten und Gedanken allein, das musste ich zuerst einmal aushalten lernen."

Bei schönem Wetter ist es kein Problem, da kann er sich frei bewegen und Arbeiten erledigen - kochen, zeichnen, malen, lesen, Holzsammeln oder Skulpturen aus gefundenen Tierknochen und Wurzeln anfertigen. Aber bei schlechtem Wetter bedeutet das Ausharren in der Einöde eine Zerreißprobe. Zwei, drei oder gar mehrere Tage zur Untätigkeit in einem kleinen Zelt verurteilt zu sein, ist hart. In den ersten Jahren setzte ihm das psychisch sehr zu und er überlegte oft, ob er nicht besser nach Hause gehen sollte. Aber er blieb und versuchte, in diesen Krisenzeiten von den Ziegen zu lernen:

"Ziegen sind ja sehr empfindlich. Wird ihr Fell nass und gibt es dann auch noch einen Temperatursturz, was auf 1900 Meter oft der Fall ist, werden sie schnell krank. Ich habe meinen Ziegen neben dem Zelt einen Unterstand aus Stämmen und Ästen gebaut, dort harren sie aus, bis es wieder trocken ist. Sie bekommen dann einen ganz speziellen Blick, als wären sie in einer anderen Dimension. In diesem Dämmerzustand sind ihre Pupillen nicht mehr rund, sondern nahezu rechteckig. Sie zeigen keine Anzeichen von Nervosität oder Ungeduld, regen sich nicht auf, sondern warten einfach. Das hat mir imponiert und ich wollte es ihnen nachmachen."

Im Verborgenen
Mittlerweile gelingt es ihm schon recht gut. Bei schlechtem Wetter liegt Egon in seinem Zelt und versucht, in sich zu ruhen. Auf Alkohol und Zigaretten verzichtet er in so einer Situation, das würde ihn nur emotional aufwühlen und nervös machen. Er versenkt sich wie die Ziegen in eine andere Dimension, mit diesem besonderen Blick, spürt weder Kälte noch Nässe und wartet, bis es aufhört zu regnen.

Das ist eine Art von Meditation, obwohl er mit diesem Begriff sehr vorsichtig ist, weil er nicht als Esoterik-Guru erscheinen möchte. Auch möchte Egon mit seiner Lebensweise kein Aufsehen erregen. Trotzdem ist er inzwischen schon fast eine Touristenattraktion geworden, Urlauber erkundigen sich im Tourismusverband von St. Ulrich nach ihm. "Ich habe bloß das Glück, dass man mich nicht leicht findet!"

Was die Touristen entzückt, störte die Behörden, die viele Jahre lang Schwierigkeiten machten. Das Zelten und Feuerentfachen ist nämlich im Naturpark verboten. Es dauerte drei Jahre, bis eine Lösung gefunden war. Mittlerweile wurde Egon Moroder Rusina zum "freiwilligen Aufseher vom Naturpark" ernannt und darf weiter in seinem Sommerlager bleiben. Die Forstaufseher bestätigen ihm, dass der Wald nirgends in so gutem Zustand ist wie in seiner Umgebung, weil er ihn von abgebrochenen Ästen säubert. Und er ist auch sehr vorsichtig beim Hüten von Feuer und Glut.




Schlagwörter

Selbstfindung, Extra, Südtirol

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-08-30 19:39:46
Letzte Änderung am 2012-08-31 15:19:49


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