• vom 07.09.2012, 14:00 Uhr

extra

Update: 07.09.2012, 14:34 Uhr

Aufklärung

Das Fackellicht des Geistes




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Oliver vom Hove

  • "Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit": Die Philosophie der Aufklärung hat ein Erbe hinterlassen, das bis heute eine politische Herausforderung darstellt. Vor allem Europa sollte sich auf diese Tradition besinnen.

Die Eröffnungsfeier der heurigen Paralympics in London stand unter dem Motto "Enlightenment", also "Aufklärung", aber auch "Erleuchtung". - © Foto: Lefteris Pitarakis/ap/dapd

Die Eröffnungsfeier der heurigen Paralympics in London stand unter dem Motto "Enlightenment", also "Aufklärung", aber auch "Erleuchtung". © Foto: Lefteris Pitarakis/ap/dapd

Vor 54 Jahren, im August 1958, hielt Karl Popper beim Europäischen Forum in Alpbach eine vielbeachtete Rede "Zum Thema Freiheit". Darin bekannte er sich emphatisch zur Tradition der Aufklärung, wie sie vor allem von Immanuel Kant verstanden wurde: "Als einer der letzten Nachzügler des Rationalismus und der Aufklärung glaube ich an die Selbstbefreiung des Menschen durch das Wissen - ebenso wie einst Kant, der letzte große Philosoph der Aufklärung."

Das Problem Freiheit
Mitten im Kalten Krieg trieb Popper, den vor der NS-Diktatur Geflohenen, insbesondere das Pro-blem der politischen Freiheit um. Kant zuspitzend definierte er vor dem Alpbacher Auditorium: "Ein Staat ist politisch frei, wenn seine politischen Institutionen es seinen Bürgern praktisch möglich machen, ohne Blutvergießen einen Regierungswechsel herbeizuführen, falls die Mehrheit einen solchen Regierungswechsel wünscht. Oder kürzer ausgedrückt: Wir sind frei, wenn wir unsere Herrscher ohne Blutvergießen loswerden können."

Information

Manfred Geier: Aufklärung. Das europäische Projekt. Rowohlt Verlag, Reinbek 2012. 416 Seiten, 25,70 Euro.
Oskar Negt: Gesellschaftsentwurf Europa. Ein Plädoyer für ein gerechtes Gemeinwesen. Steidl Verlag, Göttingen 2012, 120 Seiten, 14,40 Euro.
Philipp Blom: Böse Philosophen. Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung. Hanser Verlag München 2011, 400 Seiten, 25,60 Euro.


Die Aufklärung ist das Selbstbefreiungswerk Europas, in ihrer Entstehungs- ebenso wie in ihrer Wirkungsgeschichte. Aus einem grenzüberschreitenden Aufbruch aus struktureller Unmündigkeit, Bevormundung und Despotismus wurde in drei Jahrhunderten ein weltweit lockendes Angebot für alle Zwangsbeherrschten, sich durch Umwälzung von Unterdrückung und Untertanentum als mündige Begünstigte der Menschenrechte selbst zu befreien.

Neuerdings wird die Aufklärung im Westen gern zum alten Eisen geworfen, doch den Profit tragen nur die Schrotthändler der demokratischen Errungenschaften und hart erkämpften Freiheitsrechte davon. Denn die europäische Aufklärung ist sui generis ein Werk ohne Alterungswert, das freilich der fortwährenden Energiezufuhr aus den frischen Quellen des wachsamen Geistes bedarf, um nicht zu versickern.

Für die Verbreitung der Werte der Aufklärung nahmen durch die Jahrhunderte Menschen Verfolgung, Verfemung, Verbannung, zuweilen auch Kerker und den Tod auf sich; etliche der besten aufklärerischen Ideen wurden im Exil, fernab von Aussicht auf Wirkung und Verwirklichung, geformt.

Es ist der Saturiertheit mancher postmodernen Kreise im Westen zuzuschreiben, dass das "Projekt Aufklärung" eine Zeitlang bloß als eine "große Erzählung" abgetan wurde, deren Universalismus unweigerlich in einer Sackgasse mündete. Indes, gleichzeitig gelang es im europäischen Osten dem aufsässigen Willen von freiheitssüchtigen Bürgern, die von den Idealen der Aufklärung geleitet wurden, nach jahrzehntelangem Ausharren ein bis an die Zähne bewaffnetes System der kollektiven Freiheitsberaubung zu zerschlagen.

Kampf um Bürgerrechte
Unausgesetzt wird in allen Weltgegenden hartnäckig um mehr Freiheits- und Bürgerrechte für den Einzelnen gerungen. Stets lautet die unausgesprochene Parole: der "Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit" muss erzwungen werden. Und fortwährend geht der Kampf weiter: Gestern Tunesien und Libyen. Heute Ägypten und Syrien. Morgen Iran, Nordkorea, China? Freilich, der Ausgang bleibt immer ungewiss, wie einst im größten Wirkungs- und Minenfeld der Aufklärung: in der Französischen Revolution.

Hinzu kommt die Bedrohung aufklärerischer Errungenschaften durch den religiösen Fundamentalismus, sei es durch gewaltschürende Islamisten, sei es durch die auch politisch immer unduldsamer auftretenden amerikanischen Evangelikalen. Überall, wo religiöser Fanatismus einen Glauben als alleinseligmachend verbreiten will, werden die Werte der Aufklärung mit Füßen getreten.

Die Definition "Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit" hat Kant 1784 in seiner berühmten, für die "Berlinische Monatsschrift" verfassten Programmerklärung als seine Antwort auf die Frage "Was ist Aufklärung?" dargelegt: "Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich des Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Anleitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" Sein Plädoyer umfasst ausdrücklich die uneingeschränkte Freiheit, sich öffentlich "seiner eigenen Vernunft zu bedienen und in seiner eigenen Person zu sprechen". Nur so könnte mehr Gerechtigkeit und Friede in der Welt errungen werden.

Ein "Weltbegriff"
Wie sehr Kant in seinen Grundgedanken über eine rechtsstaatliche Gemeinschaft freier Bürger auf Jean-Jacques Rousseaus enthusiastische Befreiungsschriften des sich seiner natürlichen Rechte bewussten Menschen fußte, hat der Kant-Kenner Ernst Cassirer einst, in den 1930er Jahren, verdeutlicht. Die große Bedeutung Rousseaus lag für Kant darin, "die Rechte der Menschen herzustellen".

Das ist das größte Verdienst der Aufklärung. Sie ist längst zu einem Weltbegriff geworden: "Weltbegriff heißt hier derjenige, der das betrifft, was jedermann notwendig interessiert", schreibt Kant.

François-Marie Arouet, genannt Voltaire, war einer der wortmächtigsten und einflussreichsten Aufklärer.

François-Marie Arouet, genannt Voltaire, war einer der wortmächtigsten und einflussreichsten Aufklärer.© Bild: Zeitgenössiches Porträt/WIkipedia François-Marie Arouet, genannt Voltaire, war einer der wortmächtigsten und einflussreichsten Aufklärer.© Bild: Zeitgenössiches Porträt/WIkipedia

weiterlesen auf Seite 2 von 3




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2012-09-06 18:54:13
Letzte Änderung am 2012-09-07 14:34:13



Werbung




Werbung


Werbung