Lust entsteht historisch mit der Entwicklung der Sexualität, die über den Sex hinausreicht. Lust ist nicht instinktgesteuert, sie ist also etwas anderes als der direkte Trieb oder die unmittelbare Begierde. Die Sexualität der Menschen ist mehr als die Befriedung der Instinkte, in ihr wird die Befriedigung eines Bedürfnisses zum Akt eines selbstständigen, ja tendenziell selbstbestimmten Genusses.
Lust ist ein Artefakt. Natur ist ihr nur Stoff, nicht Inhalt. Mag Sex noch Natur sein, so ist es Sexualität nicht mehr. Sie hat mit der Fortpflanzung nur noch am Rande zu tun, der Instinkt selbst ist bloß noch eine ferne Quelle, die mit der Etablierung der Erotik jeden Vorrang verloren hat. Der Menschen Lust ist originell, aber nicht originär.
In der Lust entfalten sich vielmehr die besten Momente der Humanisierung, von der zartesten Berührung bis zur heftigsten Durchdringung. Ganz allgemein ist die Lust als spezifische Kultivierung menschlicher Grundbedürfnisse zu fassen und somit weit über diese hinausweisend. Was auflebt, ist die Fantasie.
In der Lust geben sich die Menschen nicht den Trieben hin, sondern in der Lust wird der Trieb transformiert. Kein basic instinct steht an, mag man sich einbilden, was man will. Lust reflektiert und zelebriert das Begehrte. So sehr, dass ihr eine andere Qualität zugestanden werden muss. Dezidiert pflegt die Lust Prozeduren, die in der Natur nicht vorgesehen sind. Sie ist keine Manifestation der Überwältigung, so sehr man sich auch "überwältigt" fühlt. Lust ist nur beiläufig läufig, im Prinzip hat sie sich von der Läufigkeit emanzipiert.
Wollen und Können
Nennen wir sie vorerst das Affizieren und Partizipieren von Annehmlichkeiten. Sie ist etwas, das aus dem Inneren kommt, aber der Äußerung via Betätigung bedarf, um dann wiederum als Innerung auszuklingen. Lust genügt sich nicht im Schwelgen des Gefühls, sie will den Effekt spüren und genießen. Lust verlangt nach Erleben und Befriedigung. Kennzeichnend dafür ist der Wechsel von Spannung und Entspannung. Sie ist nicht das eine oder das andere, sondern in der Lust wird das eine im anderen aufgehoben. Lust orientiert in ihrem Werden auf das Resultat, sie ist Wollen samt Können. Die Scheidung in eine Lust als Möglichkeit und eine Lust als Wirklichkeit ist nur bedingt zulässig. Beide gehören zusammen. Sie sind zwar nicht eins, aber wollen es werden.
Lust meint Empfindung samt Findung. Sie "hat die Gewissheit, dass an sich schon dies Andere es selbst ist" (G.W.F. Hegel, "Phänomenologie des Geistes", 1806). Das An-Sich wird zum Für-Sich, folgen wir dieser Denkfigur. "Die genossene Lust hat wohl die positive Bedeutung, sich selbst als gegenständliches Selbstbewusstsein geworden zu sein, aber eben sosehr die negative, sich selbst aufgehoben zu haben." (ebenda) Sie negiert die Spannung, indem sie diese positiv einlöst. Aber die Verwirklichung zeitigt eine Wirkung, die das Verwirken in sich trägt. Lust geht also im Lust-gehabt-Haben, das dem Lust-Haben folgt, unter. Lust ist kein Zustand von Dauer, sondern einer von Momenten. Sie hat demnach eine gewisse Eile und lässt sich nicht perpetuieren oder gar konservieren. Sie blüht in den Augenblicken der Diskontinuität, sie ist nicht planbar und auch nur eingeschränkt steuerbar.
In ihren Genüssen ist die Lust schier unendlich. Ein Zuviel kann es kaum geben. Es mag eine Fresssucht, eine Spielsucht, eine Drogensucht ausmachbar sein, eine Lustsucht gibt es mitnichten. So ist die Lust ein Ansinnen, das alles treffen könnte, aber dann doch dieses oder jenes trifft, also sich konkretisieren muss, will sie Wirklichkeit werden, nicht reines Verlangen bleiben. Erfüllte Lust meint Verschmelzung. Immer geht es um eine reelle oder ideelle Einverleibung. Stets regt sich Appetit. Was außen ist, soll zu mir kommen oder auch in mir werden. Das Terrain der Lust ist grenzenlos, kein Gebiet, auf dem sie nicht ihre Mannigfaltigkeit demonstriert.
Kann das Realitätsprinzip als Einsicht in die Notwendigkeit charakterisiert werden, so das Lustprinzip als Aufleben der Bedürftigkeit. Das Realitätsprinzip beschreibt Freud als "den Aufschub der Befriedigung, den Verzicht auf mancherlei Möglichkeiten einer solchen und die zeitweilige Duldung der Unlust auf dem langen Umwege zur Lust" (Sigmund Freud, "Jenseits des Lustprinzips", 1920). Der Umweg ist freilich ein Unweg. Eine Straße, die nicht zur Lust leitet, sondern die Lust um- und letztlich ableitet. Lust wird dabei zwar nicht verboten, sondern als ewiges Versprechen installiert. Somit ist sie aber bloß noch leere Projektion, verliert sich in einem Wollen, das zu keinem Vermögen mehr findet.
Das Problem "Unlust"
Freud hält ganz nüchtern fest, dass das Lustprinzip nicht herrschen kann, denn sonst müsste "die übergroße Mehrheit unserer Seelenvorgänge von Lust begleitet sein oder zu Lust führen, während die allgemeine Erfahrung dieser Folgerung energisch widerspricht".
Das soll gar nicht abgestritten werden. Indes, warum widerspricht sie ihr? Diese Frage ist unmittelbar anzuschließen, der Befund nicht als eherne Gegebenheit zu lesen, die keiner weiteren Erläuterung bedarf. Denn tatsächlich geht es im einzigen Leben um das gute Leben, d.h. das Dasein den Lüsten anzunähern, die Notwendigkeiten zurückzudrängen und die Annehmlichkeiten zu erweitern. Es geht darum, so viel als möglich gerne zu tun, nicht weil wir es positiv denkend so zu interpretieren haben, sondern weil es einfach Freude macht.