"Wiener Zeitung": Herr Aerni, wie viele Bücher lesen Sie pro Jahr?

Urs Heinz Aerni: Keine Ahnung, da ich parallel lese und auch manchmal ein Buch nicht auslese, wenn es mir zu bunt oder zu langweilig wird. Würde ich eine Statistik führen, wüsste ich nicht, ob ich ein Buch als gelesen taxieren sollte, wenn die letzten 89 Seiten ungelesen bleiben.
Was kann ein Buch bei Ihnen bewirken: Erkenntnis? Zerstreuung? Unterhaltung? Konstruktive Langeweile? Oder etwas ganz anderes?
Es darf und soll mich faszinieren, inspirieren, belehren, anregen, erregen, verführen, verwirren, irritieren, aber es darf mich nicht für dumm verkaufen.
Kann ein routinierter Profi im Buchgeschäft wie Sie überhaupt noch von einem Buch überrascht werden?
Weder bin ich routiniert noch Profi, das riecht so nach Abgeklärtheit. Ich will lesen wie ein staunendes Greenhorn mit offenen Sensoren. Doch ehrlicherweise muss ich zugeben, dass sich schon manchmal ein Sättigungsgefühl bemerkbar macht.
Wann zum Beispiel?
Wenn ich Redewendungen zum tausendsten Mal lesen muss, wenn Plots austauschbar werden, wenn Familiengeschichten sich durch Ironie und originelle Figuren aus Omas Zeit immer mehr gleichen. Wenn spürbar die Register für ein Quotenpublikum gezogen werden. Wenn Klappentexte nacheifernd das Buch bewerben, damit das Kielwasser eines Bestsellers aus dem Konkurrenzverlag genutzt werden soll. Wenn die Story wichtiger ist als die Kunst am Text.
Führen Romane mit ihren fiktiven Handlungen nicht oft sehr weit vom wirklichen Leben weg?
Dürfen sie das nicht? Wollen nicht auch das Kino, das Theater und die Musik die Menschen in ferne Welten schicken, sodass wir manchmal nach dem Film wieder auf der regennassen Straße stehen und nicht wissen, wie uns geschah? Es ist legitim, Fantasiewelten zu gestalten, auch auf die Gefahr hin, dass der Konsument dann am liebsten in dieser Welt bleiben möchte.
Allerdings interessieren mich Romane mehr, die bodennah und doch etwas schwebend erzählen, wenn sie unser Zeitgeschehen brüchig machen, oder wenn sie nach dem Lesen Klötzchen in der Magengrube hinterlassen, sei es durch Unruhe oder durch neue Fragen ans Leben.
Sie sind nicht nur Literaturvermittler, sondern auch Literaturagent. Suchen Sie sich als solcher Ihre Autoren und Autorinnen strikt aus? Lehnen Sie auch Angebote ab?
Der Vermittler befindet sich in derselben Lage wie ein Buchhändler; beide schätzen eine Mindestqualität des Textes und ein potenzielles Zielpublikum. Wenn der Buchhändler nur Bücher verkaufte, die ihn ansprechen, kann er den Laden dichtmachen. Aber jedes Buch mit einer Mindestqualität, sprich mit einer guten Sprache, interessanten Geschichte und mit einem guten Verlag samt Lektorat hinter sich, peilt ein entsprechendes Zielpublikum an. Der Händler wie der Agent schätzt dann ein, welches Publikum das ansprechen könnte. Und ja, Angebote habe ich schon abgelehnt. . .
Aus welchen Gründen?
Entweder weil die Mindestqualität des Textes nicht erreicht wurde, die zwischenmenschliche Chemie nicht stimmte, oder einfach die zeitlichen Ressourcen fehlten.
Als Literaturvermittler nützen Sie auch neue Medien und Methoden. Sie betreiben zum Beispiel einen Blog oder veranstalten Büchershows. Wie laufen diese ab und wie kommen sie beim Publikum an?
Auf meiner Website (siehe Kasten) erscheint ab und zu ein neuer Text, aber nicht in einem Tempo, das bei Blogs sonst üblich ist. Die Büchershow gibt es seit 2006, da bot ich an, mich für eine mit Anekdoten bestückte, einstündige Bücherpräsentation zu buchen. Sie kennen ja diese Tupperwarepartys - so in der Art funktioniert das auch, einfach als Bookerwareparty. Allerdings verkaufe ich die Bücher nicht, ich stelle sie nur vor. Mit den Jahren wurden diese Auftritte immer kabarettistischer, ich habe sie mit unterhaltsamen Geschichten rund um Sprache und Kommunikation angereichert.
Und wer bucht Sie?
Büchereien, Buchhandlungen, Kleinkunstbühnen, Firmen für Personalfeste. Oft werde ich auch von privaten Lesezirkeln gebucht, zu Freundeskreisen eingeladen, oder ich trete als Überraschung für die viellesende Schwiegermutter auf. Jeweils zu einem Honorar, das individuell ausgehandelt wird. Einmal war ich sogar mit meinen Büchern zu einer Hochzeit eingeladen - als literarische Tischbombe quasi.
Das ist ein sehr ungewöhnlicher Rahmen, um Bücher zu präsentieren. Welche Lektüre haben Sie dafür ausgesucht, und wie haben die Hochzeitsgäste reagiert?
Dem Anlass entsprechend habe ich Bücher über Frau/Mann, Erotik und Pädagogik ausgesucht. Ich will mich hier ja nicht selber loben, aber die Gäste waren sehr angetan, der Abend war lustig, ich musste dreimal nach vorne.
Das klingt sehr unterhaltsam, was man nicht immer von literarischen Veranstaltungen behaupten kann. Schlafen Sie hin und wieder bei Autorenlesungen ein?
Nur dann, wenn die Lesung zu lange dauert - was meistens der Fall ist - und wenn eine Lispelstimme einen Text vorträgt, der genau das beinhaltet, was ich vorhin kritisiert habe.
Ist die gute alte Lesung nicht überhaupt längst passé?
Mitnichten! Die Lesung ist eine wichtige und sprachbewusste Veranstaltungsform, die im Party-Getöse und Eventzirkus gut tut. Wenn der Vortragende sich dann auch noch etwas Mühe bei Lautstärke und Modulation gibt, umso besser. Doch ein Schreibender sollte immer noch besser schreiben können als Schauspielern, außer er ist auf beiden Bühnen gut. Zudem schätze ich bei literarischen Veranstaltungen Gespräche, die Einblicke in die Arbeit am Buch geben oder das thematisieren, was das Buch auslöst oder auslösen sollte.