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  • vom 12.10.2012, 14:00 Uhr

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Update: 12.10.2012, 14:22 Uhr
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Rettungsschirm des Jahres 1922


Von Gerhard Strejcek

  • Vor 90 Jahren flossen Österreich aus einer Völkerbund-Anleihe rund 650 Millionen Goldkronen zu. Die folgende Sanierung des Staatshaushaltes brachte aber keine nachhaltige politische Stabilität.

Angesichts der (noch anhaltenden), zumindest relativen Stabilität des Euro und der langen Prosperität der Schilling- und Hartwährungsära zuvor, ist es für viele Mitbürger, die den Zeigefinger heute gerne in den Süden der EU richten, kaum mehr vorstellbar, dass in der Ersten Republik einmal "griechische" Zustände bei uns geherrscht haben. Am Höhepunkt jener Krise, die sich in galoppierender Inflation und einem katastrophalen Verfall der Kronenwährung auswirkte, musste die Republik Österreich sogar auf internationalen Druck hin ihre Notenpressen still legen und versiegeln lassen.

Sondermarke, 1922.

Sondermarke, 1922.Archiv Sondermarke, 1922.Archiv

Das geschah vor neunzig Jahren, am 18. November 1922, in Form eines feierlichen Aktes, der sich auf einen Staatsvertrag stützte. Infolge der Genfer Protokolle vom 4. Oktober 1922, die Bundeskanzler Seipel nicht ohne Geschick und Drohungen (mit Anschluss und Souveränitätsverlust entgegen dem Vertrag von St. Germain) herausverhandelt hatte, erhielt Österreich von einigen Völkerbund-Staaten eine Goldkronenanleihe im Nominale von rund 690 Millionen Gold-Kronen. Wie viel Geld Österreich effektiv aus der Anleihe erhielt, ist nicht unstrittig, da kursabhängig, aber um die 650 Millionen Goldkronen dürften durch den lebenswichtigen Kredit effektiv in die Kassen der Republik geflossen sein.

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Souveränitätsverlust
Der Erfolg dieser Finanzspritze, die als "Völkerbund-Anleihe" in die Geschichte eingegangen ist, wurde von vornherein durch mehrere Tatsachen getrübt, unter denen die politische Uneinigkeit über den neuen Kurs die schmerzhafteste war. Wie im EU-Mitglied Griechenland von heute, wog aber der damalige Eingriff in die nationale Souveränität Österreichs psychologisch betrachtet in breiten Bevölkerungskreisen am schwersten, obwohl die Kuratel, unter die das Land international gestellt wurde, faktisch weitaus harmloser war als es den Anschein hatte.

Alfred Zimmermann, vormaliger Bürgermeister von Rotterdam (NL), wurde zum Kommissär des Völkerbundes ernannt und traf am 18. Dezember in Wien ein, um die Bedingungen der Anleihe zu überwachen. Rasch erwarb sich der "Aufpasser" den Ruf des unbeliebtesten Gastes. Doch noch ehe er den Fuß ins Land setzte, hatten Regierung und Parlament heimlich Gegenmaßnahmen beschlossen, um seine Machtfülle und Effektivität einzuschränken.

Die finanzpolitische Souveränität des Parlaments wurde dem Buchstaben nach durch den Vertrag vom 4. Oktober stark eingeschränkt, die Budgethoheit war dadurch praktisch dahin. Neben einer dramatischen Verkleinerung des Beamtenheeres, das aus der Monarchie in die Republik übernommen worden war, verlangte der Völkerbund sogar die Reduktion der österreichischen Regierungsmitglieder, eine Forderung, die durch Umbildung des Kabinetts Seipel 1 im April 1923 auch tatsächlich erfüllt wurde.

Der vehemente ausländische Druck, eine Reduktion der Beamten umzusetzen und auch de facto den Abbau eines Drittels der aktiven Bediensteten der Gebietskörperschaften zu erreichen, erinnert stark an die griechischen Zustände von heute und an die Reaktion westeuropäischer EU-Mächte darauf. Auch die Reaktion des betroffenen Staates, das "Handling" in Form passiver nationaler Resistenz und vehementer Arbeiteraufstände weckt Erinnerungen an die Erste Republik.

Seipel, damals noch nicht als "Prälat ohne Milde" bekannt, war wild entschlossen, mit Hilfe des großdeutschen Koalitionspartners durchzugreifen. Das war nicht ungefährlich, denn auch in den Reihen der Konservativen werkten viele Staatsdiener, die allerdings zum Teil ungeschoren blieben. Im Gegenteil, eine unvorstellbare Titelsucht ("Titel statt Mittel") rief im "Wasserkopf" Wien Erinnerungen an den feudalen Staat des 18. Jahrhunderts wach.

Dennoch hielt die Regierung zumindest nominell Wort. Immerhin sank die Zahl der aktiven Bundesbeamten (vor allem bei Post und Eisenbahn) drastisch von rund 277.000 im Herbst 1922 auf 192.000 im Jahr 1925. Inwieweit durch Pensionierungen, Funktionsänderungen und andere Tricks die Zahl "geschönt" wurde, bleibe dahingestellt. Außerdem erfolgten diese Maßnahmen um den Preis des sozialen Friedens, was sich in Gründung von Wehrverbänden und dem Aufleben der "Hakenkreuzler" in letztlich verheerender Weise niederschlug.

Obwohl nicht direkt vom Beamtenabbau betroffen, waren es vor allem sich mit den arbeitslosen Eisenbahnern solidarisierende Arbeiter, welche die Maßnahmen der Regierung Seipel bei Demonstrationen geißelten. Die Agitation der Parteiführung unter Bauer und Danneberg tat das Übrige.

Die Wahrheit lag, wie so oft, in der Mitte. Natürlich versuchte die rechte Regierung in auffälliger Weise, ihre eigene Klientel zu schützen. Auffällig ist nämlich, dass keine nachhaltige Sanierung der Wirtschaft gelang, sondern nur ein Sektor, nämlich die Landwirtschaft, sich längerfristig konsolidieren konnte.

Hingegen versagten dringend notwendige Infrastrukturmaßnahmen, wie der Bau von Wasserkraftwerken oder die Modernisierung der Bergbaubetriebe, welche der Arbeiterschaft genutzt hätten. Dies schob man unter anderem der tschechischen Republik in die Schuhe, welche angeblich kein Interesse an der Konsolidierung Österreichs hatte (ein durch Fakten widerlegbares Vorurteil). Insgesamt erschienen die Bemühungen der Kabinette Seipels durchaus als redlich, die teils überzogene Opposition der Linken dagegen auch als Ausdruck ihrer Sorge, die bürgerlichen Kräfte könnten sich durch Sanierungserfolge an der Staatsspitze etablieren.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-10-12 11:11:11
Letzte Änderung am 2012-10-12 14:22:43


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