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  • vom 19.10.2012, 13:30 Uhr

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Update: 19.10.2012, 14:10 Uhr
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Am atomaren Abgrund


Von Rolf Steininger

  • Erst im Nachhinein veröffentlichte Dokumente zeigten, wie knapp die beiden Supermächte während der Kuba-Krise vor 50 Jahren an einer Katastrophe vorbeischrammten.

Präsident Kennedy beim Besuch eines US-Luftwaffenstützpunktes während der Kuba-Krise. - © CORBIS

Präsident Kennedy beim Besuch eines US-Luftwaffenstützpunktes während der Kuba-Krise. © CORBIS

Um 13 Uhr des 22. Oktober 1962, einem Montag, kündigte der Pressesprecher des Weißen Hauses in Washington für 19 Uhr eine Rundfunk- und Fernsehansprache des Präsidenten von "höchster nationaler Dringlichkeit" an.

Als John F. Kennedy sechs Stunden später seine Ansprache begann, schauten 100 Millionen Amerikaner zu. Der Präsident teilte etwas Ungeheuerliches mit: Die Sowjetunion habe Atomraketen auf Kuba stationiert. Jede dieser Raketen könne die meisten großen Städte der westlichen Hemisphäre treffen. Dies sei eine explizite Bedrohung für den Frieden und Sicherheit aller Amerikaner.

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Kennedy kündigte eine "Quarantäne" an, eine Blockade gegen alle Schiffe, die offensiv-militärisches Material nach Kuba bringen wollten. Dann machte er unmissverständlich klar: Sollte auch nur eine Rakete von Kuba aus abgeschossen werden, werde dies als ein Angriff der Sowjetunion auf die Vereinigten Staaten angesehen und zu einem massiven Vergeltungsschlag gegen die Sowjetunion führen.

In Alarmbereitschaft
Für die amerikanischen Streitkräfte galt ab sofort weltweit Alarmstufe 3, für das Strategische Luftwaffenkommando wurde das am 24. Oktober auf die Alarmstufe 2 angehoben - dies zum ersten und bis heute einzigen Mal in der US-Geschichte (Alarmstufe 1 bedeutet Atomkrieg). Das hieß: 204 Interkontinentalraketen im Westen der USA wurden für den Start vorbereitet, 12 U-Boote mit 140 Polarisraketen an Bord an die Küsten der Sowjetunion beordert, weitere 220 Raketen auf fünf Flugzeugträgern einsatzbereit gemacht; 62 B-52 Bomber mit 196 Wasserstoffbomben an Bord waren nun ständig in der Luft; 628 weitere Bomber mit mehr als 2000 Atombomben waren rund um die Welt in Alarmbereitschaft.

Nach der Entdeckung der sowjetischen Raketen tagte seit dem 16. Oktober in Washington ein kleiner Stab von Experten - Executive Committee oder Excomm genannt - unter Leitung Kennedys in Permanenz. Unbemerkt von den Teilnehmern - möglicherweise mit Ausnahme seines Bruders Robert - hat Kennedy diese Gespräche auf Tonband aufnehmen lassen. 1997 sind sie veröffentlicht worden. Sie machen die ganze Dramatik jener Tage deutlich. Sie zeigen aber auch die zwei Lager in dieser Beratungsrunde, die "Tauben" und die "Falken". Beide Gruppen waren sich in einem Punkt einig: die Raketen mussten weg, so oder so.

Die Militärs plädierten von Anfang an für sofortige Luftangriffe, gefolgt von einer Invasion. Kennedy entschied sich dann für die "Quarantäne", die er am 22. Oktober bekannt gab. Drei Tage später stoppten zwar die sowjetischen Schiffe, aber für die USA war damit das Problem keinesfalls gelöst: An den Abschussrampen auf Kuba wurde nämlich mit Hochdruck weitergearbeitet, und auf amerikanischer Seite gingen die militärischen Vorbereitungen für eine Invasion in Kuba weiter.

Die Stabschefs wollten zwölf Stunden nach einem entsprechenden Befehl des Präsidenten angreifen. Geplant waren sieben Tage lang massive Luftangriffe - 1091 allein am ersten Tag! - , um die Raketenbasen, das Luftabwehrsystem und sämtliche Flugplätze zu zerstören. Anschließend würde die Invasion mit 120.000 Soldaten durchgeführt. Die Marine hatte in den Gewässern rund um Kuba drei Flugzeugträger, zwei schwere Kreuzer und sechs Zerstörer stationiert. Einige Kommandeure spielten dabei mit dem Gedanken, taktische Atomwaffen anzufordern. Bei der Armee lief jedenfalls alles in Richtung militärische Lösung.

Über die Hintergründe der größten Geheimoperation in der Geschichte der Sowjetunion - Atomraketen auf Kuba zu stationieren - lässt sich nach wie vor nur spekulieren. Noch immer sind die Moskauer Archive nahezu unzugänglich. Manches deutet darauf hin, dass es Chruschtschow um den Schutz Kubas vor einer Invasion ging. Damit verbunden war aber auch eine Veränderung des strategischen Kräfteverhältnisses: Mit den geplanten 40 Mittel- und Langstreckenraketen auf Kuba hätte sich die Zahl der sowjetischen Raketen, die die USA treffen konnten, verdoppelt.

Samstag, der 27. Oktober, ist als "Schwarzer Samstag" in die Geschichte der Kubakrise eingegangen. Kubas Führer Fidel Castro befürchtete eine amerikanische Invasion und drängte Chruscht- schow am Morgen dieses Tages, einen Atomschlag gegen die USA zu führen.

Auf Kuba waren inzwischen acht Basen für Mittelstreckenraketen einsatzbereit. Das wussten die Amerikaner, aber sie wussten nicht, dass inzwischen auch die atomaren Sprengköpfe an die Raketen herangebracht worden waren, und zwar in der Größenordnung von insgesamt acht Megatonnen TNT (erst seit 1992 bekannt). Das war so viel Sprengkraft wie alle Bomben, die während des Zweiten Weltkrieges abgeworfen worden waren! Acht weitere Mittelstreckenraketen mit Atombomben standen in Reserve.

Gleichzeitig hatten die Sowjets drei Cruise Missiles mit Atomsprengköpfen - Größenordnung dreimal Hiroshima - gegen die amerikanische Marinebasis Guantanamo auf Kuba in Stellung gebracht und zum Abschuss vorbereitet. Auch das wussten die Amerikaner nicht - und es ist im Übrigen erst seit 2008 bekannt.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-10-19 10:44:07
Letzte Änderung am 2012-10-19 14:10:33


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