• vom 07.06.2013, 13:30 Uhr

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Update: 07.06.2013, 14:39 Uhr

Raumfahrt

Emanzipation im Weltraum




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Von Christian Pinter

  • Vor 50 Jahren, am 16. Juni 1963, brach mit Walentina Tereschkowa die erste Frau ins All auf. Es dauerte allerdings fast zwanzig Jahre, bis ihr weitere Kosmonautinnen und schließlich auch Astronautinnen folgten.

Die sowjetische Partei- und Regierungschefin Nikita Chruschtschow hat sich 1963 höchtspersönlich für Walentina Tereschkowa als erste Kosmonautin entschieden. - © Archiv

Die sowjetische Partei- und Regierungschefin Nikita Chruschtschow hat sich 1963 höchtspersönlich für Walentina Tereschkowa als erste Kosmonautin entschieden. © Archiv

Technisch betrachtet bringt das Jahr 1963 keine wirklichen Neuerungen in der bemannten Raumfahrt. In Ost und West laufen bloß die Flüge mit den ersten, noch einsitzigen Raumschiffen aus. Die Sowjetunion liegt damals noch immer klar in Führung. Sie hat seit 1957 mehrmals Weltraumgeschichte geschrieben: mit Sputnik, dem ersten Satelliten, mit Laika, der ersten Hündin im All, und mit dem beliebten Juri Gagarin, dem ersten Raumfahrer.

"Gagarin im Rock"

Sally Ride war 1983 die erste US-Amerikanerin im All.

Sally Ride war 1983 die erste US-Amerikanerin im All.© NASA Sally Ride war 1983 die erste US-Amerikanerin im All.© NASA


Nun planen Chefkonstrukteur Sergei Koroljow und Nikolai Kamanin, der Leiter der Kosmonautenausbildung, eine weitere Sensation: Eine Frau wird den Weltraum erobern! Danach soll sie bei Pressekonferenzen und auf Auslandsreisen möglichst viel Sympathie für das Sowjetsystem wecken. Man sucht eine "Gagarin im Rock".

Da zunächst niemand wusste, wie Menschen mit dem Aufenthalt im All zurechtkommen, hatte man die Kandidatensuche auf Düsenjet-Piloten beschränkt. Sie sind am ehesten mit den enormen Beschleunigungskräften vertraut, wie sie beim Start der Raumschiffe und beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre auftreten. Das festigt auch die Vormachtstellung der Militärs, denn nur sie können Jetpiloten bereitstellen. Um eine weibliche Kosmonautengruppe zu bilden, greift Kamanin auf Fallschirmspringerinnen zurück.

Waleri Bykowski (l.) und Walentina Tereschkowa auf einer sowjetischen Briefmarke: Ihre beiden Raumkapseln vom Typ Wostok trennten 1963 im All nur fünf Kilometer voneinander.

Waleri Bykowski (l.) und Walentina Tereschkowa auf einer sowjetischen Briefmarke: Ihre beiden Raumkapseln vom Typ Wostok trennten 1963 im All nur fünf Kilometer voneinander.© Christian Pinter Waleri Bykowski (l.) und Walentina Tereschkowa auf einer sowjetischen Briefmarke: Ihre beiden Raumkapseln vom Typ Wostok trennten 1963 im All nur fünf Kilometer voneinander.© Christian Pinter

Schließlich enden die Weltraummissionen für alle sowjetischen Kosmonauten zunächst noch am Fallschirm - und nicht in der Kapsel "Wostok". Die Anwärterinnen dürfen höchstens 30 Jahre alt sein, 170 cm groß und 70 kg schwer.

Seit dem Frühjahr 1962 leben fünf dieser ausgesuchten Frauen im Sternenstädtchen bei Moskau. Im abgeschirmten Trainings- und Schulungszentrum werden sie in Zentrifugen herumgewirbelt, in Isolationskammern gesperrt, mit der Technik der Raketen und mit den Instrumenten der Wostok vertraut gemacht. Kamanin unterstützt das Projekt nach Kräften. Er glaubt, dass auch die NASA bereits Astronautinnen ausbildet.

Schon 1962 hat man zwei Raumschiffe im Erdorbit bis auf Sichtkontakt aneinander herangeführt. In der Wostok-3 saß damals Andrijan Nikolajew, in der Wostok-4 Pawel Popowitsch. Beide sind Militärflieger. Nun sollen zwei Frauen dieses Manöver wiederholen. Doch das Verteidigungsministerium legt Einspruch ein: Es will mit Waleri Bykowski einen weiteren Jagdflieger im All sehen. So bleibt bloß eine der beiden Wostoks für den weiblichen Premierenflug übrig.

Fallschirmspringerin
Unter den drei besten Kandidatinnen entscheidet sich Partei- und Regierungschef Nikita Chruschtschow höchstpersönlich für Walentina Tereschkowa. Sie ist ein Kind der Kriegsgeneration, an Entbehrungen gewöhnt, mutig und linientreu. Am 6. März 1937 bei Jaroslawl an der Wolga geboren, hat sie ihren Vater zu Beginn des Zweiten Weltkriegs verloren. Wie ihre Mutter schlug sie sich zunächst als Fabrikarbeiterin durch, in einem Reifen- und dann in einem Textilwerk. Abends ließ sie sich zur Textiltechnologin ausbilden, und im örtlichen Fliegerklub erlernte sie den Fallschirmsport. Gagarin ist ihr Idol. Seit dessen Weltraumpremiere am 12. April 1961 träumt sie davon, ebenfalls in den Weltraum vorzudringen.

Knapp vor dem Start treten in Bykowskis Wostok-5 Probleme mit einigen Kanälen des Funkgeräts auf; die Weltraumtechnologie ist nach wie vor störungsanfällig. Man lässt ihn trotzdem abheben. Zwei Tage später, am 16. Juni 1963, jagt ihm Walentina Tereschkowa in der Wostok-6 hinterher.

Rasch melden Waleri und Walentina direkten Funkkontakt im Orbit. Sie sind kaum fünf Kilometer voneinander entfernt. Der Erde fühlt sich Walentina nun "näher" als je zuvor. Unglaublich schön sei diese Welt, wird sie später erzählen; jeder Kontinent zeige eine charakteristische Farbe.

Funkzeichen "Möwe"
Chruschtschow meldet sich via Funktelefon, nennt die Kosmonautin vertraulich "Walja". Sie selbst nimmt mit der Bodensta- tion Kontakt unter dem Funkzeichen "Tschaika" (russ.: "Möwe") auf. Ihr Flug wird verlängert. Doch über die dann folgenden Ereignisse liegen widersprüchliche Aussagen vor. Wie schon German Titow, der 1961 in der Wostok-2 flog, scheint auch Walentina an der Weltraumkrankheit zu leiden. Die Schwerelosigkeit narrt das Gleichgewichtsorgan im Innenohr. Die resultierenden Symptome ähneln denen der Seekrankheit: Erbrechen, Schwindelanfälle, Kopfschmerzen und Müdigkeit.

Walentina meldet sich immer seltener, was man freilich auch funktechnischen Problemen zuschreiben könnte. Für die Übelkeit macht die 26-Jährige hingegen die schlechte Bordverpflegung verantwortlich. Für den zweiten und dritten Flugtag hat man kaum Aufgaben für sie vorbereitet. Dennoch muss die Kosmonautin im Sitz angeschnallt bleiben, 48 Erdumkreisungen lang, von denen jede eineinhalb Stunden dauert. Ein nicht enden wollender Wadenkrampf stellt sich ein. An die Öffentlichkeit dringt von all diesen Problemen nichts. Allerdings zeigen sich Koroljow, Flugmediziner und Vertreter der Luftwaffe unzufrieden mit Walentina: So mancher Entscheidungsträger sucht sowieso Argumente, um Frauen aus dem Kader zu drängen. Doch Kamanin verteidigt die Kosmonautin.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-06-07 11:08:09
Letzte ─nderung am 2013-06-07 14:39:01



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