• vom 13.02.2014, 14:00 Uhr

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Update: 14.02.2014, 15:42 Uhr

Physik und Metaphysik

Philosophische Falschmünzer




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Von Norbert Leser

  • Der Reduktionismus ist als wissenschaftliche Methode nützlich, darf sich jedoch nicht zur alles erklärenden Weltdeutung aufspielen.

Anton Zeilinger gehört zu jenen nicht-reduktionistischen Physikern, die auch einen Sinn für Metaphysik haben.

Anton Zeilinger gehört zu jenen nicht-reduktionistischen Physikern, die auch einen Sinn für Metaphysik haben.© apa/Herbert Pfarrhofer Anton Zeilinger gehört zu jenen nicht-reduktionistischen Physikern, die auch einen Sinn für Metaphysik haben.© apa/Herbert Pfarrhofer

Im vergangenen Jahr sind zwei Bücher erschienen, die mehrere Gemeinsamkeiten aufweisen und als Denkanregungen zum Weiterwirken über den Tag hinaus bestimmend bleiben sollen. Das erste, aus dem Englischen ins Deutsche übersetzte mit dem Titel "Geist und Kosmos" verrät schon im Untertitel das Anliegen der Schrift und deren wesentlichen Inhalt. Sie ist als eine Art Kampfschrift und Manifest "gegen die neodarwinistische materialistische Konzeption der Natur" gedacht, die zwar in der laufenden Debatte zwischen Naturwissenschaft und Philosophie eine große Suggestivkraft ausübt, trotzdem aber "so gut wie sicher falsch ist".

Das zweite, demselben Anliegen gewidmete Buch stammt aus meiner Feder und ist nicht wie das erwähnte Buch in einem deutschen Verlag, nämlich Suhrkamp Berlin, sondern in dem österreichischen Ibera Verlag European University Press erschienen. Es trägt den Titel "Gott lässt grüßen" und gibt die Absicht ebenfalls im Untertitel "Wider die Anmaßung des Reduktionismus und Evolutionismus" zu erkennen.


Verwandte Geister
Zur Gemeinsamkeit des Charakters der Kampfschriften trägt auch die gemeinsame Herkunft der Autoren bei. Ist der amerikanische Autor Thomas Nagel ein emeritierter Professor für Philosophie und Recht an der New York University, so bin ich ehemaliger langjähriger Professor für Sozialphilosophie an der Universität Wien. Der Umstand, dass wir beide sowohl Philosophen als auch Juristen sind, ist keineswegs bloß zufällig und bedeutungslos, sondern findet in der Argumentationskette der Ausführungen in beiden Werken ihren Niederschlag. So beklagt Nagel, dass die reduktionistische Philosophie bzw. Pseudo-Philosophie offenkundig "unfair" mit der traditionellen Philosophie umgehe, deren Argumente unterschlägt, ja sich erhaben über sie fühlt, ohne die übergangenen Argumente durch bessere zu ersetzen.

Wenn zwei verwandte Geister und Naturen, die in verschiedenen Ländern, ja auf verschiedenen Kontinenten wirken, gemeinsam vor einer Gefahr warnen, so ist dies ein Beleg dafür, dass die Denkrichtung, um die oder gegen die es geht, ein mehr oder weniger universelles zeitgenössisches Phänomen ist.

In den Vereinigten Staaten nimmt die reduktionistische materialistische Philosophie, die nicht nur eine gedankliche Aussage, sondern auch eine Haltung und Willensrichtung impliziert, mitunter eine aggressive, militante Gestalt an, so bei Richard Dawkins mit seinem "Gotteswahn". In Österreich sind solche schon in der Wortwahl unfairen Auslassungen eher die Ausnahme, so wenn die Biologin Renée Schroeder in einer Fernsehdiskussion alles nicht-materialistische Denken unwidersprochen als "Quatsch" abqualifiziert. Im allgemeinen aber überwiegt die ironische Herablassung und Nachsicht und schlichtweg die Ignorierung der Tradition, wie sie der gern zu allem und jedem Stellung nehmende Modephilosoph Rudolf Burger, mit einem Schuss Nietzsche gespickt, übt.

Was alle Vertreter des Reduktionismus bei aller sonstigen Verschiedenheit eint, ist die als Selbstverständlichkeit ausgegangene Überzeugung, im Besitze des Alleinvertretungsanspruches auf wissenschaftliche Gültigkeit zu sein. Sie üben damit, so weit ihr Einfluss reicht, eine Art "Einschüchterung" aus, wie es Nagel nennt. Sie verfehlen mit dieser Taktik nicht ihre Wirkung auf das breitere Publikum, das sich gerne für die scheinbar leichtere Form der Lösung philosophischer Probleme entscheidet. Es stört sie auch nicht, dass sie namhaftere Kollegen ihres Faches desavouieren. Nagel charakterisiert die Geisteshaltung der Reduktionisten denn auch als "Mangel an Demut", ich selbst habe den Begriff der "Anmaßung" gewählt, um diese Haltung zu definieren.

Eine weitere Erklärung für die Verbreitung und Beliebtheit des Reduktionismus ist wohl darin gelegen, dass er es versteht, auch in philosophischer Hinsicht das walten zu lassen und vorzunehmen, was der deutsche Soziologe Niklas Luhmann als "Reduktion der Komplexität" charakterisiert hat. Aber dieses Entgegenkommen gegenüber dem verständlichen Wunsch nach Vereinfachung sollte nicht auf Kosten der Wahrheit, die nun einmal nicht billig und einfach erhältlich ist, erfolgen.

Der Mensch ist "mehr"
Schon Viktor E. Frankl sah sich veranlasst, gegen den Reduktionismus seiner angestammten Disziplin, der Psychologie, Stellung zu nehmen. Dieser Reduktionismus dominiert nicht nur in der experimentell-mechanistischen, behavioristischen Psychologie, sondern auch in der philosophisch im biologischen Materialismus steckengebliebenen Psychoanalyse, der auch die Empiristen unter den Psychologen die Gültigkeit absprechen.

Der Reduktionismus war und ist aber nicht nur in der Psychologie zu Hause, es gab und gibt auch einen soziologisch determinierten Reduktionismus, der vor allem im "Diamat" des Sowjetkommunismus historisch Gestalt angenommen hat, mit dem Zusammenbruch des Kommunismus aber nicht gänzlich verschwunden, sondern auch in anderen Verkleidungen vorzufinden ist. Im Rahmen der Hirnforschung stehen Forschernamen wie Gerhard Roth und Wolf Singer für eine Tendenz, mit empirischen Argumenten der Willensfreiheit, die Kant als "Postulat der praktischen Vernunft" nominiert und hochgehalten hat, zu Leibe zu rücken und sie mit unabsehbaren Folgen für Recht und Gesellschaft in den Bereich der Mythologie zu verbannen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-02-14 10:23:07
Letzte nderung am 2014-02-14 15:42:19



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