• vom 18.07.2014, 13:35 Uhr

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Reduktionismus

Forschung und Sinnfrage




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Von Paul R. Tarmann

  • Die Debatte zwischen der reduktionistischen Naturwissenschaft und der Philosophie führt meist nicht sehr weit, da es keinen gemeinsamen denkerischen Boden gibt.

Wissenschaftskritiker Karl Jaspers.

Wissenschaftskritiker Karl Jaspers.© Foto: ATV/Interfoto/picturedesk.com Wissenschaftskritiker Karl Jaspers.© Foto: ATV/Interfoto/picturedesk.com

Die Frage nach dem Verhältnis von Naturwissenschaften und Philosophie ruft immer wieder emotionsgeladene Antworten hervor. In der Debatte fällt auf, dass Philosophie und Wissenschaft meist nicht als unterschiedliche Zugänge zur selben Wahrheit, also als Einheit, sondern als grundsätzlich unversöhnliche Gegensätze gedacht werden.

Die Frage nach der wissenschaftlichen Zuständigkeit ist stets aktuell, da die verschiedenen Zugänge zu ein und demselben Thema durch unterschiedliche Hinsichten motiviert und Missverständnisse scheinbar vorprogrammiert sind. Manche Fragen, wie jene nach dem Warum, dem Sinn und damit verbundenen Aufgaben bleiben ausgeklammert. Diese Ausklammerung entspricht der bewussten Entscheidung der Wissenschaften, empirisch vorzugehen und nur den jeweils konkreten Gegenstandsbereich zu untersuchen, weshalb man vom "freiwilligen Reduktionismus" spricht. Diesem ist der Fortschritt in den einzelnen Disziplinen zu verdanken, daher ist er zwar wünschenswert, aber keineswegs zureichend.


Es ist tatsächlich nicht Aufgabe der empirischen Wissenschaften, Grundfragen zu stellen oder gar zu versuchen, diese mithilfe ihrer Methoden zu beantworten. Ein Arzt beispielsweise soll zur Heilung eines konkreten Menschen beitragen. Die Warum-Frage ist im Akutfall genauso fehl am Platz wie die Frage nach dem Wesen und der Bestimmung des Menschen. Diese Fragen könnten sogar tödlich enden, falls ein Arzt in einer Notsituation ganz in Gedanken vertieft seine eigentliche Aufgabe als Lebensretter vernachlässigt.

Interdisziplinäre Arbeit
Wenn er diese Fragen - unter günstigeren Bedingungen - trotzdem stellt, hat er den Aufgabenbereich der ärztlichen Wissenschaft verlassen, wie es Karl Jaspers und Viktor E. Frankl auf je unterschiedliche Weise zeigten. Erst durch das Überwinden des Reduktionismus - des Versuchs der Beantwortung aller Fragen mithilfe einer einzigen Wissenschaft und ihren Methoden - kann gegenseitige Wertschätzung über die Fachgrenzen hinweg entstehen und versucht werden, in interdisziplinärer Arbeit die vielfältigen gegenwärtigen Herausforderungen zu meistern.

Die Wissenschaften brauchen einander, aber es bedarf auch einer "überwissenschaftlichen" Grundlage, einer gemeinsamen Sicht. Die Schwierigkeiten liegen nicht an den durchaus berechtigten, ja sogar wünschenswerten unterschiedlichen Meinungen bzw. Forschungserträgen zu einzelnen Themen, sondern am meist fehlenden denkerischen Zusammenhang, den die Philosophie zu bringen aufgerufen ist. Diese anerkennt die Ergebnisse der Wissenschaften, sieht aber auch die Notwendigkeit zu interdisziplinärer Vernetzung und lehnt daher - wenn sie ihrem Anspruch entsprechen will - die Reduktionismen ab. Sie geht umfassender vor als die einzelnen Disziplinen und ist deshalb nicht mit den jeweiligen Methoden dieser Disziplinen zu verstehen.

Die Ablehnung des Reduktionismus führt nicht notwendig zu einem in sich konsistenten, widerspruchsfreien Weltbild, das Aufzeigen von Widersprüchen kann aber helfen, Unklarheiten und Missverständnisse auszuräumen. Der "Wissenschaftsaberglaube" bzw. Szientismus mache autoritätshörig, wie Karl Jaspers, dem als Arzt, Psychiater, Psychologen und Philosophen keine Einseitigkeit vorzuwerfen ist, kritisiert: Man wolle eigentlich nicht wissen, sondern gehorchen, weil dies bequemer sei. Dies erinnert an Martin Heideggers bekannten Vorwurf, die Wissenschaft denke nicht.

Der Philosophie geht es nicht nur um einen Überblick und eine Interpretation der unterschiedlichen wissenschaftlichen Ergebnisse, sondern auch um das sich daraus ableitende Sollen, das Gute, um die Moral, die jede menschliche Handlung und somit auch die Forschung auf ihre Motive und Ziele hin prüft: Ist es das alleinige Ziel der Wissenschaft, immer Neues zu erfinden, um in die Medien und zu Geld zu kommen, oder geht es auch um Höheres?

Wissenschaft, die diesen Namen verdient, weil sie sich nicht durch Reduktionismen zurückhalten lässt, wirkt umfassend und hat ein übergeordnetes Ziel, nämlich die sich je nach Situation neu stellende Frage nach dem Guten, dem Gemeinwohl. Es geht um einen Beitrag zu mehr Solidarität und Gerechtigkeit, zur Wahrung der auf die Menschenwürde aufbauenden Menschenrechte, zu Frieden und Ausgleich.

Der Einheit von theoretischer und praktischer Vernunft entspricht eine Einheit von Wissenschaft und Ethik, von Freiheit und Verantwortung. Der Reduktionismus in seinen verschiedenen Ausprägungen bekämpft aber diese Einheit und lässt auch die Frage nach dem ethisch Richtigen, dem Guten, nicht zu. Er bietet daher keine Hilfe in lebenspraktischen Belangen. Die Wissenschaft hingegen ist frei, sie braucht und darf keine Fragen ausklammern, ihre Erwartungshaltung und ihr Ziel sollen aber nicht nur kurzfristig angelegt sein, sondern nachhaltig und verantwortungsbewusst.

Der reduzierte Mensch
Eine alle Fachgrenzen übersteigende Frage ist jene nach dem Menschen. Besonders hier lässt sich der Unterschied zwischen einer verkürzten, reduktionistischen Definition von einer umfassenden, der Lebenserfahrung entsprechenden unterscheiden. So heißt es oft, der Mensch sei "nur" dieses oder jenes, "nichts anderes als" - eine Engführung, die schon Viktor Frankl wiederholt und entschieden ablehnte. Beispielsweise wird gemeint, der Mensch sei nur Materie oder nur Resultat evolutionärer Prozesse bzw. sozio-kultureller Einflüsse. Er ist aber weit mehr als diese Verkürzungen und ist somit, pointiert behauptet, per definitionem undefinierbar. Jede Grenze bestimmt der Mensch durch seine Freiheit selbst, weshalb das typisch "Menschliche", das ihn als solchen auszeichnet, offenbar genau diese Freiheit ist.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-07-17 16:14:06
Letzte Änderung am 2014-07-18 13:34:43



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