• vom 09.03.2017, 16:33 Uhr

Plus Energie

Update: 09.03.2017, 17:34 Uhr

Wasser(stoff) marsch!?




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  • Auch Fahrzeuge brauchen Energie, und diese muss umweltfreundlicher werden, wenn die Kyoto-Ziele erreicht werden sollen. Ein möglicher emissionsfreier Antrieb der Zukunft ist der Wasserstoff. Doch der hat Anlaufschwierigkeiten.

Wiens erste und bisher einzige öffentlich zugängliche Wasserstofftankstelle. - © Jasmin Ziegler

Wiens erste und bisher einzige öffentlich zugängliche Wasserstofftankstelle. © Jasmin Ziegler

Es könnte so einfach sein: Statt die Umwelt mit Benzin- oder Dieselabgasen zu verpesten oder stundenlang Strom zu laden, stellt man das Auto an die Wasserstofftankstelle, und vier Minuten später ist der Tank für die nächsten 400 bis 700 Kilometer Reichweite (je nach Tankgröße) gefüllt, auf denen das Fahrzeug überhaupt keine Schadstoffe ausstößt. Denn der Wasserstoff (H2) reagiert mit Sauerstoff (O), diese Energie wird von einer Brennstoffzelle umgewandelt – aus dem Auspuff kommt nur Wasserdampf. Zudem entspricht der Energiegehalt von 1 Kilo Wasserstoff jenem von 2,8 Kilo Benzin. Und doch bleibt das Brennstoffzellenauto, das seinen elektrischen Antrieb aus einem Wasserstofftank speist, wohl noch länger ein Nischenprodukt.
Dabei ist Wasserstoff schier unbegrenzt verfügbar, und allein die OMV könnte schon jetzt in ihrer Raffinerie in Wien-Schwechat so viel Wasserstoff erzeugen, dass die Hälfte des gesamten Wiener Autobestandes problemlos umgerüstet werden könnte. Und Brennstoffzellenautos, deren Tanks 3 bis 4 Kilo (Wasserstoff wird nicht in Litern berechnet) fassen, sind im Betrieb auch nicht teurer als Verbrenner. 1 Kilo Wasserstoff kostet bei der OMV 9 Euro, um 36 Euro komme man an die 500 Kilometer weit, rechnete der damalige OMV-Chef Gerhard Roiss Mitte Oktober 2012 bei der Eröffnung der ersten öffentlichen Wasserstofftankstelle Österreichs an der Shuttleworthstraße in Wien-Floridsdorf vor. Bis dahin gab es nur zwei nicht-öffentliche Tankmöglichkeiten für Brennstoffzellenautos an der Technischen Universität Graz und in Sattledt in Oberösterreich.

Erst drei öffentliche Tankstellen in Österreich
Seit der Eröffnung der ersten und einzigen Wiener Wasserstofftankstelle – die man, so Roiss, noch nicht als kommerzielles Projekt verstehen dürfe, vielmehr sei es ein Prototyp – sind gerade einmal zwei weitere dazugekommen: eine in Innsbruck (März 2015) und eine in Asten bei Linz direkt an der Westautobahn (September 2016).
Auf der anderen Seite sieht es auch nicht viel besser aus: In ganz Österreich sind laut Statistik Austria derzeit gerade einmal 13 Wasserstoffautos angemeldet, auch weil die Hersteller derzeit eher die Entwicklung von batterieelektrischen Autos forcieren und bei der Brennstoffzelle zurückhaltend sind. Solange sich das nicht ändert, werden die wenigen verfügbaren Modelle wohl auch nicht billiger werden (ein Mittelklasse-Wasserstoffauto kostet derzeit um die 50.000 Euro).
"Wasserstoff hat derzeit ein Henne-Ei-Problem", meint dazu Georg Denoke, Vorstandsmitglied des deutschen Industriegaskonzerns Linde, mit dem die OMV bei ihren Wasserstofftankstellen kooperiert. Wenn niemand in Infrastruktur investiere, fehle den Hersteller der Anreiz, entsprechende Autos zu bauen. Auf der anderen Seite sei es ökonomisch wenig reizvoll, in Tankstellen für Fahrzeuge zu investieren, die noch gar nicht auf dem Markt seien.


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Erzeugung von Wasserstoff ist sehr energieintensiv
Auf den ersten Blick ist beides kaum nachvollziehbar, scheint doch diese Antriebstechnologie nur Vorteile zu haben: "Wasserstoff kann praktisch unbegrenzt verfügbar gemacht werden und eignet sich als effizienter, umweltfreundlicher Treibstoff. Im Einsatz mit einer Brennstoffzelle liegt der Wirkungsgrad doppelt so hoch wie bei einem Verbrennungsmotor – und dabei entsteht Wasser als einzige Emission", erklärt der OMV-Wasserstoffexperte Otmar Schneider. Doch es folgt das große Aber: Wasserstoff ist ausschließlich in Verbindungen zu finden, aus denen man ihn erst herauslösen muss. Heute wird er vor allem aus fossilen Energieträgern wie Erdöl, Erdgas, Kohle oder Biomasse gewonnen, und zwar mittels Dampfreformierung: Dabei wird Wasserdampf mit einem fossilen Brennstoff wie Erdgas zusammengebracht und auf 830 Grad erhitzt – ein sehr energieintensiver Prozess.
Und auch an der Tankstelle ist es nicht so einfach. Denn auch dort muss der Wasserstoff mit sehr großem Druck ins Auto umgefüllt werden. Deshalb ist die Errichtung entsprechender Zapfsäulen nicht gerade billig – wie viel ihre Wasserstofftankstellen gekostet haben, verrät die OMV nicht. Man forscht daher an Alternativen, um zumindest die Produktion effizienter zu machen. In Zukunft soll der Wasserstoff aus erneuerbaren Energien wie Sonne oder Windkraft erzeugt werden.
Bis dahin könnte es dann auch mehr Tankstellen geben: Die nächsten sind in Graz, Salzburg und Wiener Neudorf geplant. Und gemeinsam mit ihrem deutschen Partner H2 Mobility, dessen Gesellschafter sie auch ist, will die OMV in den kommenden Jahren im Rahmen eines europäischen Förderprojekts rund 20 Wasserstofftankstellen entlang der wichtigsten europäischen Korridore errichten. In Deutschland, wo die OMV bereits zwei Tankstellen in Baden-Württemberg und drei in Bayern betreibt, strebt H2 Mobility bis 2023 insgesamt 400 Tankstellen an.


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Bei Brennstoffzellen braucht man einen langen Atem
Langfristig könnte sich die Brennstoffzelle also tatsächlich als echte Alternative zu den Verbrennern erweisen und den Markt erobern, zumindest in Deutschland, vielleicht auch in Österreich. Zumal die Konkurrenz schwächelt: Beim Biosprit rudert die EU inzwischen zurück. Wegen des breiten Widerstands gegen Sprit aus Nahrungsmitteln wird die Biosprit-Beimischung von den geplanten 10 Prozent bis 2020 auf 5 Prozent reduziert. Und bei den mit Batterien betriebenen E-Autos spielen die Kunden (noch) nicht mit. Die Autos sind ihnen zu teuer, die Reichweiten zu gering, und da die künftigen Entwicklungen in dieser Beziehung für die Konsumenten noch völlig unklar sind, warten viele lieber ab und hoffen auf die nächste, bessere Generation von E-Autos.
Der Vorteil von Brennstoffzellen gegenüber Batteriefahrzeugen liegt laut Ernst Pucher, der an der Technischen Universität Wien und an der University of California San Diego zu diesem Thema forscht, bei größeren Stückzahlen: "Bei Kleinstmengen ist das Wasserstoffauto in der Herstellung teurer, aber wenn es in weiterer Folge vielleicht auch um die Bestückung von Lkw geht, fährt man damit auf jeden Fall billiger." Es sei aber eben auch eine Frage des Wollens, meint er: "Ich selbst arbeite in Kalifornien seit 15 Jahren mit Brennstoffzellen-Autos. In Österreich hat diese ganz kleine Infrastruktur eher Demonstrationscharakter."


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Dennoch glaubt Pucher an die Zukunft der Brennstoffzelle: "Man muss sich halt bewusst sein, dass man Einführungsszenarien über Dekaden hinweg braucht. In Europa sind mehrere hundert Millionen Fahrzeuge unterwegs – da dauert eine Umstellung entsprechen lange. Aber auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt. Man braucht halt einen langen Atem." Ähnlich sieht es Herbert Kohler, Leiter der Konzernforschung beim Autohersteller Daimler: "Der Weg zur Elektromobilität gleicht vielmehr einem Marathon als einem Sprint."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-09 16:47:02
Letzte ─nderung am 2017-03-09 17:34:59



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