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Update: 09.03.2017, 18:02 Uhr

Energieversorgung à la Bitcoin




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Von Klaus Fischer

  • Blockchain-Technologien haben das Potenzial, die Energiewirtschaft gründlich zu verändern. Für ihren flächendeckenden Einsatz sind allerdings noch einige Herausforderungen zu bewältigen.

"Europa sollte sich seinen Vorsprung nicht nehmen lassen", sagt Erwin Smole, Gründer von GridSingularity

"Europa sollte sich seinen Vorsprung nicht nehmen lassen", sagt Erwin Smole, Gründer von GridSingularity© GridSingularity "Europa sollte sich seinen Vorsprung nicht nehmen lassen", sagt Erwin Smole, Gründer von GridSingularity© GridSingularity

Befürwortern zufolge könnte sie die Energiewelt revolutionieren: die Blockchain-Technologie, bekannt durch die "Kryptowährung" Bitcoin. Im Energiesektor ermöglichen Blockchains den Kunden, Strom und Wärme direkt bei Erzeugern zu kaufen. So würden klassische Energieversorger als "Zwischenhändler" überflüssig oder gingen Teilen ihrer Wertschöpfungskette verlustig. Debatten dazu sind in der Energiewirtschaft seit längerem im Gang. Ein Grund ist die zunehmende Bedeutung der "dezentralen" Erzeugung von Strom, nicht zuletzt mit der vielzitierten "Photovoltaikanlage auf dem Dach". Sie macht den Stromkunden zum "Prosumer", der Energie nicht nur verbraucht, sondern auch erzeugt und möglicherweise den Wunsch hat, Überschüsse an andere Stromkunden zu verkaufen.
In einer aktuellen Studie beschreibt die Deutsche Energieagentur DENA Blockchains als internetbasierte dezentrale Datenbanken. Benutzer speisen für jede zwischen ihnen geplante Handelstransaktion automatisch eine Mitteilung in die Datenbank ein. Sie wird von den anderen Benutzern der Blockchain authentifiziert und in einem "Pool" gespeichert. In regelmäßigen Abständen werden anstehende Transaktionen im Pool zu Datenblöcken (Blocks) zusammengefasst und zur Validierung an alle Benutzer ausgesandt. Sobald die Mehrheit davon neue Datenblöcke validiert hat, werden diese in die bereits vorhandenen Blöcke integriert und die Transaktionen abgeschlossen. So entsteht eine "Kette" als gültig anerkannter Blöcke, wovon sich die Bezeichnung "Blockchain" ableitet.

Chancen und Herausforderungen
Erwin Smole, Mitgründer und Vertriebschef der Wiener GridSingularity, die Blockchain-Lösungen im Bereich der Energiewirtschaft entwickelt, geht davon aus, dass die klassischen Energieunternehmen auch weiterhin ihren Platz haben werden. Nichts spreche dagegen, dass diese die Technologie selbst nutzen und damit verbundene Angebote erarbeiten. "Es ist ja möglich, dass die Photovoltaikanlage eines Prosumers ausgerechnet dann nicht funktioniert, wenn er Strom liefern soll. Für solche Fälle würde das Energieunternehmen Reserveleistung zur Verfügung stellen", erläutert Smole. Denkbar sind beispielsweise blockchainbasierte "Rundum-sorglos-Pakete nach dem Motto: Liebe Kunden und Prosumer, ihr könnt in meinem Netz so gut wie alles machen. Sollte etwas nicht funktionieren, springe ich ein".
Bevor Blockchains in der Energiewirtschaft flächendeckende Verbreitung finden, sind noch manche rechtlichen sowie regulatorischen Fragen zu klären. Juristen zufolge fehlen beispielsweise Haftungsregeln für den Betrieb von Blockchain-Plattformen. Ferner ist offen, ob jeder noch so "kleine" Prosumer im rechtlichen Sinn als Stromversorger gilt und damit verbundene Verpflichtungen zu erfüllen hat, etwa die Erstellung von Geschäftsbedingungen für die Belieferung.
Weiters gilt es, Unzulänglichkeiten bestehender Blockchain-Technologien zu beseitigen. So arbeitet GridSingularity etwa an der Verbesserung der Betriebssoftware Ethereum. Diese kann die großen Datenvolumina und hohen Transaktionszahlen im Energiesektor noch nicht zufriedenstellend bewältigen. Nur wenige tausend Geschäfte lassen sich pro Sekunde abwickeln. GridSingularity will diesen Wert innerhalb der kommenden ein bis zwei Jahre auf eine Million Transaktionen steigern. Ferner werden zur Errechnung der Kontrollwerte für die Validierung der Datenblöcke erhebliche Strommengen benötigt.
Laut dem Umweltökologen Sebastiaan Deetman von der Universität Leiden sind derzeit weltweit Kraftwerke mit rund 350 Megawatt (MW) im Einsatz, um Bitcoins zu erstellen. Zum Vergleich: Das leistungsstärkste österreichische Donaukraftwerk, Altenwörth, kommt auf 329 MW. Smole zufolge ist deshalb geplant, den Strombedarf für den Blockchain-Betrieb um mindestens 90 Prozent zu vermindern. Und er fügt hinzu: "Europa ist in Sachen Blockchain weltweit führend. Diesen Vorsprung sollten wir uns nicht nehmen lassen."
Die E-Wirtschaft zeigt sich dem Thema gegenüber aufgeschlossen. Laut einer Umfrage der DENA halten es 60 Prozent der deutschen Energieunternehmen für "wahrscheinlich", dass Blockchains weitere Verbreitung in der Branche finden werden. Rund 21 Prozent halten diese sogar für einen "Game-changer". Dem gegenüber glauben nur 14 Prozent an eine Beschränkung der Technologie auf Nischenanwendungen. Gar nur fünf Prozent halten ihr Potenzial für "gering" bzw. "nicht existent".

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-09 17:57:47
Letzte nderung am 2017-03-09 18:02:35



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