• vom 28.04.2017, 17:30 Uhr

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"Umweltgifte machen Pollen aggressiver"




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Von Cathren Landsgesell

  • Abgase, Antibiotika, Klimawandel: Die Umweltmedizinerin Claudia Traidl-Hoffmann von der Technischen Universität München erklärt im Interview, warum Allergien zunehmen und Städte besonders belastend sind.



Claudia Traidl-Hoffmann ist die Leiterin des Instituts für Umweltmedizin an der TU München.

Claudia Traidl-Hoffmann ist die Leiterin des Instituts für Umweltmedizin an der TU München.© TU München Claudia Traidl-Hoffmann ist die Leiterin des Instituts für Umweltmedizin an der TU München.© TU München

"Plus Gesundheit": Sind Allergien und im speziellen Pollenallergien heute häufiger als noch vor dreißig oder vierzig Jahren?

Claudia Traidl-Hoffmann: Das ist definitiv der Fall. Wir haben einen exponentiellen Anstieg der Allergien seit den 1960er Jahren. Zwischen 30 und 40 Prozent der Bevölkerung hat eine Form der Allergie. Gegen Pollen und Gräser sind 20-30 Prozent allergisch. Es sind zunehmend mehr Menschen betroffen.

Darunter sind leichte Reaktionen bis hin zu schweren Allergien?

Genau. Es gibt viele Formen entzündlicher Reaktionen. Die Symptome reichen von leichtem Augentränen bis hin zu Asthma und Neurodermitis. Wer etwa Neurodermitis hat, erlebt während der Pollensaison massive Schübe. Hinzu kommt, dass die Pollen auch bei Nichtallergikern Symptome hervorrufen, weil die Pollen entzündungsfördernde Substanzen freisetzen und zum Beispiel auf der Nasenschleimhaut eine Entzündung machen - ob ich nun Allergiker bin oder nicht.

Der Fruchtstand des Traubenkrauts, Ambrosia, auch "Ragweed" genannt. Die Pollen sind extrem aggressiv und gelten in den USA als Allergen Nummer 1. Auch in Österreich nehmen Ambrosia-Allergien zu.

Der Fruchtstand des Traubenkrauts, Ambrosia, auch "Ragweed" genannt. Die Pollen sind extrem aggressiv und gelten in den USA als Allergen Nummer 1. Auch in Österreich nehmen Ambrosia-Allergien zu.© Wikipedia Der Fruchtstand des Traubenkrauts, Ambrosia, auch "Ragweed" genannt. Die Pollen sind extrem aggressiv und gelten in den USA als Allergen Nummer 1. Auch in Österreich nehmen Ambrosia-Allergien zu.© Wikipedia

Warum nehmen diese entzündlichen Reaktionen sogar bei Nichtallergikern zu?

Der Klimawandel ist ein ganz entscheidender Faktor. Er hat dazu geführt, dass wir täglich sehr viel mehr Pollen haben und die Pollenflugzeiten länger sind. Der Pollen fliegt bereits im Januar und dann bis in den Oktober hinein. Wir haben aber nicht nur mehr Pollen und längeren Pollenflug, sondern auch neue Pollen. Die Pollen des Traubenkrauts, Ambrosia, sind zum Beispiel sehr aggressiv und rufen starke Entzündungsreaktionen an der Schleimhaut hervor. In den USA ist das Kraut das Allergen Nummer 1. Wir gehen deshalb davon aus, dass es in zwanzig bis dreißig Jahren auch bei uns sehr viele Ambrosia-Allergiker geben wird.

In großen Städten wie Wien sind die Belastungen aus Autoabgasen und die Feinstaubbelastung teilweise extrem hoch. Sie konnten zeigen, dass Umweltgifte generell zu Allergien beitragen.

Ja genau, das ist das nächste Problem. Umweltschadstoffe zum Beispiel aus Abgasen erhöhen beim Menschen die Durchlässigkeit unserer Epithelien - der Haut und der Schleimhäute. Sie werden wie ein Sieb, durch das vermehrt Pollen oder andere Allergenträger dringen. Umweltschadstoffe verursachen per se Entzündungen. Der Pollen trifft dann auf eine bereits entzündete Schleimhaut und macht alles noch schlimmer.

Umweltgifte verändern aber auch die Pollen, wie Sie in Studien gezeigt haben. Trägt das zu Allergien bei?

Ja, sie machen den Pollen aggressiver. Stick- und Schwefeloxide, , Ozon etc. lösen im Pollen Stressreaktionen aus. Das führt dazu, dass vermehrt die allergenen Eiweiße freigesetzt werden.

Sind die Pollen der Bäume, Sträucher und Gräser in einem städtischen Park also aggressiver als jene auf dem Land?

Ja, das ist so. Gerade in der Stadt sollte man zum Beispiel seine Joggingzeiten nach dem Pollenflug richten.

Macht es dann potenziell kränker, in der Stadt mit dem Rad zur Arbeit zu fahren?

Auf alle Fälle macht es anfälliger für Allergien und für Erkrankungen. Um den Effekt zu mildern, kann man mit Maske fahren oder, um eine Pollenallergie zu vermeiden, einen speziellen Pollenfilter für die Nase verwenden. Besonders wichtig ist, sich über die Pollenflugprognose zu informieren und Aktivitäten danach auszurichten.

Ist das empfehlenswert, auch wenn ich noch keine Allergie habe?

Ja, ich würde mich auf jeden Fall trotzdem über die Pollenflugzeiten informieren und versuchen, meine Outdoor-Aktivitäten danach zu richten.

Aber Sie würden nicht sagen, wir sollten aufhören, mit dem Fahrrad zu fahren?

Nein, denn Bewegung ist grundsätzlich ja gesundheitsfördernd. Man muss es nur richtig timen.

Schreiben sich die Allergien in die DNA ein und sind damit vererblich?

Es gibt eine genetische Empfänglichkeit für allergische Erkrankungen, wobei Gene aber nicht alles sind. Aus der epigenetische Forschung wissen wir, dass Gene ein- und ausgeschaltet werden können. Dieses Ein- und Ausschalten passiert unter anderem durch Umweltfaktoren. Das heißt aber auch, wenn ich ein durch Umweltfaktoren eingeschaltetes Gen habe, gebe ich das an meine Kinder weiter.

Warum gewöhnt sich das Immunsystem nicht einfach an die veränderten Bedingungen ohne Allergien auszubilden?

Wir können uns nicht gewöhnen, da wir durch die Umwelt- und Lebensbedingungen zugleich einen generellen Toleranzverlust des Immunsystems haben. Nicht nur Kinder werden immer "sensibler", sondern auch ältere Menschen. Auf einmal sehen wir 60- oder 70-Jährige, die eine Allergie oder Neurodermitis entwickeln.

Warum kommt es zu diesem Toleranzverlust?

Ein Grund, der sich wie ein roter Faden durch alle neueren Studien zieht, ist der Verlust an Diversität. Unsere Nahrung ist nicht mehr so vielfältig, unsere mikrobielle Umgebung auch nicht. Man konnte zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit für Allergien sinkt, je vielfältiger man ein Kind im ersten Lebensjahr ernährt. Das sind relativ neue Erkenntnisse, die zu einem Paradigmenwechsel geführt haben. Früher dachte man, man muss bei allergischen Kindern verschiedene allergene Nahrungsmittel ganz vorsichtig und schrittweise einführen, heute weiß man, dass es eher die Exposition ist, die vor Allergien schützt. Der zweite Punkt ist der Verlust an mikrobieller Diversität in unserer Umgebung. Meine Kollegin Erika von Mutius hat Amish-People in den USA untersucht, die ja sehr traditionell leben. Die Amish haben kaum Allergien. Sie haben sehr viel Kontakt mit der Erde und zu Tieren - Kühen, Schweinen, Hühnern. Die Kinder sind sehr viel draußen. Die Frauen arbeiten auf dem Feld, wenn sie schwanger sind. Wir haben diese traditionelle Lebensweise spätestens seit den 1960er Jahren aufgegeben, und das hat unser Immunsystem empfindlicher gemacht. Die Toleranzgrenzen wurden nach unten verschoben.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-28 14:33:08
Letzte ─nderung am 2017-04-28 15:10:23



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