• Artikel vom 07.01.2012, 08:00 Uhr

WienerJournal

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Die Stille des Anfangs


Von Stefan Meisterle
  • Es gibt kaum einen deutlicheren Anfang als die Geburt. Auch für den gewordenen Vater bedeutet dieser Augenblick den Anfang eines neuen Abschnitts, auch wenn das Neue Zeit braucht, um sich zu zeigen.


© Nick Daly/cultura/Corbis © Nick Daly/cultura/Corbis

Bis zu jenem großen Tag war das Leben normal, zeitweise schön oder hart, glücklich oder tragisch, aufregend oder langweilig. Im Grunde aber bewegte sich alles in geordneten Bahnen, der Bruch war eher die Ausnahme als die Regel. "Was gibt es Neues", wollten Bekannte gelegentlich wissen. Meine Antwort darauf war zumeist nur ein belangloser Bericht des Alltäglichen, der Zufriedenheit, gewiss auch der Momente des Glücks oder des Bedauerns. Aber etwas Neues, gar ein Anfang? Wo ließe sich der bloß finden? Die Antwort darauf sollte sich mit einem Ereignis einstellen, das zweifellos alles im Leben ändern musste und würde: die Geburt des ersten Kindes. Allein - es kam ganz anders als erwartet.

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Hoffnungsfroh hatte ich mich mit meiner Frau - ohne die Freude auf unseren gemeinsamen Nachwuchs zu schmälern - auf jenen großen Tag vorbereitet, steigerte von Schwangerschaftswoche zu Schwangerschaftswoche meine Erwartungen über das "Wunder der Geburt", das alle Koordinaten des Daseins verschieben würde. Als es endlich so weit war, konnte ich es nicht fassen - denn wieder war alles: normal. Auf die Schmerzen, die meine Frau zu bewältigen hatte, waren wir - soweit das möglich ist - vorbereitet, hatten die gewaltige Nervosität und Anspannung eingeplant und wurden selbst vom nicht ganz drehbuchgetreuen Geburtsverlauf nur kurzzeitig aus der Bahn geworfen. Der Blick in die Unendlichkeit, den ich mir insgeheim vom Augenblick der Geburt erhofft hatte und der das Leben doch für immer verändern sollte, wie man werdenden Eltern gerne prophezeit, blieb aus. Eine plötzliche Weitsicht, ein abrupter Eintritt in das eigentliche Erwachsenendasein, gar eine schlagartig erlangte Reife? Fehlanzeige.

Vorher und nachher

Ich gebe zu: Ich war enttäuscht. So groß die Zärtlichkeit war, die mich übermannte, als wir unsere Tochter erstmals zu Gesicht bekamen, als sie mit verletzlicher Stimme erstmals Gehör verlangte, so groß war die persönliche Ernüchterung: Nicht einmal die Geburt unseres Kindes vermochte es, meinem Leben einen neuen Drall zu verleihen. "Es ist ein Wunder, wie das Leben entsteht", machte mich ein restlos selbstvergessener Nachbar, der zur gleichen Zeit junger Vater wurde, ausgerechnet in dieser Phase noch ratloser. Während ich mit Ratschlägen und glückseligen Erfahrungsberichten wie diesen haderte, vergeblich nach innen horchte, ob sich da nicht doch etwas bewegt hatte, verdrängten die praktischen Anforderungen und Herausforderungen der Vaterschaft diese Luftschlösser glücklicherweise ebenso schnell wie effizient. Das Windelwechseln, das bei den ersten Versuchen an den Rand der Verzweiflung treiben kann, die Furcht, unserer Tochter beim Aufheben Schmerzen zuzufügen, jeder kleine Seufzer unseres Kindes, der uns augenblicklich in Schockstarre versetzte, oder die erschütternde Sorge, die nur ein paar Sekunden der unregelmäßigen Atmung auslösen konnte - all das vermochte durchaus abzulenken.

Als ich feststellte, dass nicht nur der mütterliche Körper vor und nach der Geburt einem Transformationsprozess ausgesetzt ist, sondern auch die väterliche Konstitution mit einer Reihe von Anpassungsmaßnahmen auf das Familiendasein reagiert, war ich regelrecht verblüfft. Es war zunächst eine Sinnesschärfung, die sich schlagartig bemerkbar machte: Der Duft unserer neugeborenen Tochter überwältigte mehr als jeder andere Geruch, den ich je wahrgenommen hatte, mein Gehör schien sich auf das kleinkindliche Geräuschspektrum auszurichten. Daneben zeigten sich freilich noch ganz andere Anpassungserscheinungen. Die schier unersättliche Gier nach Kaffee als maßgeblichen Treibstoff war noch einigermaßen erklärbar, die plötzlich größere Umsicht eines sonst zur Tollpatschigkeit neigenden Bewegungsapparats gar eine unerwartete Freude. Aber auf das ganze Maß an körperlich-seelischer Forderung war ich nicht vorbereitet. Reizbarkeit, Selbstsucht und die konsequente Missachtung aller außerfamiliären Befindlichkeiten mögen mir in dieser Zeit nicht sonderlich viel Sympathie eingebracht haben - in diesem Augenblick aber akzeptierte ich diese Wesenszüge bereitwillig, wissend, dass sich die notwendige Kraft zur Selbstzähmung nicht aufbringen ließ.

"Na Servus", brachte ein Freund mit anatomisch geschultem Blick die vermutlich typische väterlich-körperliche Verfassung wenige Wochen nach der Geburt auf den Punkt. Dass nächtlicher Schlaf und Kleinkinder nicht besonders kompatibel sind, konnten wir uns zwar zusammenreimen. Auch die Länge der Erholungsphase nach den Geburtsstrapazen überraschte kaum. Unerwartet kam dagegen die doppelte Erkenntnis, die die nervliche und körperliche Dauerbelastung provozierte: Das Reservoir an körperlichen Energiereserven, deren Existenz mir vorher nicht einmal bewusst gewesen war, faszinierte. Musste frühmorgens - nach spärlichen Schlafphasen - das Fläschchen ausgekocht werden, war das zumindest anfangs eine Selbstverständlichkeit. Der Körper funktionierte, weil er es eben musste. Und doch wurde ich körperlicher Grenzen gewahr, die ich frühestens ab dem 60. Lebensjahr erwartet hatte, erlebte Schwindelanfälle und Trägheitsphasen bei vermeintlich einfachen Tätigkeiten. Es war in diesen ersten Wochen nach der Geburt, als ich mich eines Tages plötzlich bei der Sehnsucht nach Normalität ertappte - jenem leidlich vertrauten Zustand, der mich wenige Monate zuvor noch verzweifeln hatte lassen.



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Dokument erstellt am 2012-01-03 12:35:16


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