
In manchen Erdteilen sollte man besonders gut darauf achten, wohin man tritt: Auf der Insel Bali etwa kann ein unachtsamer Schritt schnell zu einem Fauxpas im wahrsten Sinn des Wortes führen - nämlich wenn man unversehens in eine der zahlreichen, scheinbar achtlos am Boden verstreuten Opfergaben tritt. Allzu leicht übersieht man die etwa Mannerschnittenpackerl-großen Flechtkörbchen aus jungen Kokospalmblättern, die nebst bunten Blüten auch eine winzige Kleinigkeit Nahrhaftes enthalten - etwa ein Keks, ein Schnipserl Obst oder auch nur einen Kaugummi oder ein Zuckerl. Stets ist eine kleine Stärkung drin. Für wen eigentlich?
Es ist so: Die Opfergaben am Boden sind für die Dämonen. Auf Bali wird nämlich nicht nur den Göttern geopfert, sondern auch den bösen Geistern. Denn was bringts, wenn einem zwar der Himmel hold ist, die Bösewichte hingegen grollen? Um das zu vermeiden, soll es den dunklen Mächten genauso an nichts mangeln wie den Göttern. Und so falle ich halb in Ohnmacht, als ich am menschenleeren Sandstrand der kleinen Insel Nusa Penida, auf der blinden Flucht vor einem heftigen Monsun-Regenguss, ein Opfergabenkörbchen umrenne und platttrete. Werden mich nun die Dämonen bis ans Ende meines Lebens mit ihrer Rache verfolgen?
Wayan, unser Guide, beruhigt: "Nein, wenn es unabsichtlich passiert, ist das kein Problem! Übel wäre es, wenn du die Opfergabe mutwillig zerstörst." Glück gehabt!
Das ist typisch für Bali: Alles hat zwei Seiten; und es gibt für alles einen Ausweg.
Götterinsel
Die beliebte asiatische Ferieninsel Bali wird werbewirksam als "Insel der Götter" verkauft. So sehr dieser Begriff auch strapaziert ist, so richtig ist er. In kaum einem anderen Land der Welt haben Religion und Glaube einen so hohen Stellenwert im Alltagsleben wie hier, nirgendwo sonst gibt es eine so allgegenwärtige, tief verwurzelte Spiritualität.
Bali ist aber auch eine Religionsinsel: Das Mutterland Indonesien ist mit seinen exakt 17.058 Eilanden und 230 Millionen Einwohnern der größte islamische Staat der Welt. Während auf 17.057 Inseln in der Mehrheit Muslime leben (oder besser gesagt, auf 10.980 der insgesamt 10.981 bewohnten Eilande), ist einzig Bali hinduistisch - in einer Sonderform: Die balinesische Hindu-Dharma-Religion ist eine Mischung des Hinduismus mit altmalaiischen Glaubensvorstellungen, Elementen des Buddhismus, Naturreligionen sowie Ahnenverehrung und einzigartig auf der Welt.
Mehr als 20.000 Tempel, unzählige Schreine, Pagoden und Statuen zeugen von der Allgegenwart überirdischer Heerscharen - sowie ihrem Gefolge von Geistern und Dämonen. Gelebt wird diese Spiritualität in farbenprächtigen Festen und traditionsreichen Zeremonien und ist untrennbar mit Kunst und Kultur verbunden - etwa der Gamelanmusik, Tempeltänzen oder Schattentheater. Das alles, gemischt mit einer ordentlichen Portion Lebensfreude sowie asiatischer Gelassenheit, macht das Geheimnis des Tropenurlaubsparadieses Bali aus.
Die Balinesen selber sind überzeugt, dass "der Himmel nur ein zweites Bali" ist. Sie können sich nicht vorstellen, dass das himmlische Jenseits schöner ist als ihre geliebte Insel. Übrigens: Der Name Bali stammt von "Uali" (für Opfergabe oder Zeremonie) ab.
Balinesische Weltordnung
Bali pflegt weiters eine Vielzahl weltentrückter Besonderheiten, die das Eiland so einzigartig machen: Da ist einmal der unabdingbare Glaube an die kosmische Ordnung. Sie gibt den Menschen Orientierung und seelisches Gleichgewicht. Ihr zufolge ist die Welt zweigeteilt, was in Gegenüberstellungen wie Himmel und Erde, Sonne und Mond, Tag und Nacht, Götter und Dämonen, Leben und Tod zum Ausdruck kommt. Gut und Böse, hell und dunkel, schwarz und weiß - eines ist so wichtig wie das andere, es kommt auf das harmonische Gleichgewicht dieser Gegensätze an. Daher muss stets den entgegengesetzten Kräften gleich viel Beachtung geschenkt werden. Und so muss Dämonen wie Gottheiten gleichsam gehuldigt werden. Die Götter erhalten ihre Opfergabe allerdings nicht am Erdboden, sondern in luftiger Höhe am Altar, dem steinernen Lotosthron. Da kann man sie wenigstens nicht umrennen!

Wer durch Bali reist, stellt sehr bald fest, dass zahlreiche der allgegenwärtigen Figuren und Statuen, ja selbst große Bäume liebevoll in eine schwarz-weiß karierte Schürze gewickelt sind. Diese halten übelwollende Geister fern, das Schwarz und Weiß steht für die Gegensätze Yin und Yang.
Erfreulicher Weise haben Balinesen kein Problem, Touristen an ihrer Spiritualität teilhaben und sie in ihre Tempel zu lassen - solange diese sich mit gebührendem Respekt verhalten. Dazu gehört beispielsweise, den innersten Tempelhof stets mit einem Sarong bekleidet zu betreten. Diese Art Wickelrock muss die als "unkeusch" geltenden Knie bedecken.
Die große Toleranz und das Harmoniebedürfnis des balinesischen Hinduismus drückt sich im durchlässigen Kastenwesen aus. Im Gegensatz zu Indien sind hier die Abgrenzungen sehr locker, Unberührbare gibt es nicht. Oberste Kaste sind die Brahmanen (Priester), 93 Prozent der Bevölkerung gehören der untersten Kaste des einfachen Volkes (Bauern und Handwerker) an. Die Kastenzugehörigkeit eines Balinesen spiegelt sich im vollen Namen wider.