
Es ist halb sechs, Andreas Pessenlehner, der Fotograf, und ich treffen Katharina Straßer in der Kantine der Wiener Volksoper. Klein und zierlich sitzt die Schauspielerin vor einer Tasse Tee und begrüßt uns freundlich. Sie sei erkältet, erklärt sie gleich und habe ein wenig Angst, ob die Vorstellung auch gut gelingen werde. Die Eliza sei schließlich eine anspruchsvolle Rolle, sie müsse singen, spielen und tanzen und seit der letzten Vorstellung sei schon eine Weile vergangen. Die Nervosität ist Katharina Straßer anzumerken, aber sie macht kein Nervenbündel aus der sympathischen jungen Schauspielerin sondern lässt sie einfach die Risiken klar einschätzen. Fast 40 Mal hat sie die Titelrolle der Eliza Doolittle in "My fair Lady" schon verkörpert und die Routine hilft, sie schafft die Vorstellung ohne Probleme, ist charmant, witzig und überzeugend, das Publikum dankt mit überschwänglichem Applaus.
Aber noch sitzt Katharina Straßer ungeschminkt und ein wenig nervös einer Journalistin gegenüber, um ihr zu erzählen, was Verkleidung für sie bedeutet. "Schlüpfen Sie gerne in eine fremde Haut? Wie sehr hilft Ihnen das Kostüm die Bühnenfigur zu begreifen?", lautet die erste Frage. "Ja es hilft schon sehr", antwortet Katharina Straßer spontan, "aber auf der anderen Seite ist es manchmal auch wahnsinnig mühsam. Gerade bei der Lady habe ich viele Umzüge und das muss dann ganz schnell gehen und es sind schwierige Kleider, mit vielen Nähten und Fischbeinen, hinten zu schließen. Aber ohne das Kostüm wäre ich halt einfach ich selber. Im Privatleben verkleide ich mich übrigens gar nicht gern, Fasching hasse ich, Faschingsgschnas ist für mich ganz schlimm. Ich bin eh ständig verkleidet." Privat ziehe sie sich dann eher langweilig an, lächelt sie und zupft an ihrem grauen Rollpulli. Sie erzählt davon, wie zum Beispiel eine Corsage einen förmlich dazu zwingt, eine andere Haltung anzunehmen, aufrechter zu stehen; wie schwierig es sei, mit schweren Unterröcken zu tanzen und sich natürlich zu bewegen, wenn man kiloweise Stoff um sich drapiert hat. Dabei habe man bei den Proben kaum Zeit, sich an die Kostüme zu gewöhnen. "Beim Theater probt man etwa zwei Wochen vor der Premiere in den Originalkostümen. Hier", und sie meint die Volksoper, werde nur bei den Proben mit Orchester im Kostüm gespielt. Das sind im Normalfall inklusive Generalprobe drei oder vier Kostümproben, aber dann gehts in die Manege, sprich vors Publikum. "Das ist schon recht wenig", meint sie.

Mir fällt der legendäre britische Schauspieler Alec Guinness ein, der in dem Film "Adel verpflichtet" in jeweils verschiedenen Kostümen und Masken ein ganzes Adelsgeschlecht im Alleingang darstellte und ich frage Katharina Straßer, ob sie sich als Verwandlungskünstlerin sieht. "Nein", überlegt sie, "ich bin natürlich immer die Katharina Straßer, die etwas anderes anhat und dann auch anders ist. Ich habe vor kurzem ein Interview mit Christoph Waltz gelesen, der gemeint hat, er verstehe das gar nicht, dass Leute sagen, sie schlüpfen immer in andere Rollen. Da müsste ja jeder Schauspieler schizophren sein. Da müsste man ja, wenn man einen Killer spielt, Leute umbringen und so. Man kann sich nur so gut es geht mit der Rolle anfreunden, finde ich, und da helfen einem dann die Maske, die Frisur und gerade bei der Lady auch das Kostüm, aber letztendlich bin das ich und wie ich mir eine Rolle vorstelle."
Gleiches gelte auch für moderne Stücke, in denen die Kostüme mehr oder weniger der Alltagskleidung entsprechen. Der Mechanismus bleibt derselbe: Man zieht mit dem Kostüm eine Rolle an, geht auf die Bühne und spielt. Sie hätte bisher nur selten Kostüme angehabt, die sie auch privat anziehen würde, erzählt Katharina Straßer: "Meist passt der Stil nicht."
Lieblingskostüm Pippi Langstrumpf
Beim Filmen, erklärt die junge Schauspielerin, die als Maja in der Krimireihe "Schnell ermittelt" einem größeren Fernsehpublikum bekannt sein dürfte, sei alles noch viel genauer, ja geradezu perfektionistisch. "Da muss man genau auf den Anschluss achten. Wenn in einer Einstellung der Rollkragenpullover sich so verrutscht", und sie legt zur Demonstration in ihren Rollkragen eine Falte, "dann muss das in der nächsten Einstellung ganz genauso sein, sonst ist es ein Anschlussfehler." Sie legt Wert auf die Feststellung, dass die Maja nur eine Rolle von vielen sei, die mit ihrem Privatleben nichts zu tun habe. "Als Maja hab ich Sachen an, die würde ich privat nie anziehen, die sind ja zum Teil unmöglich, aber das hilft mir wiederum sehr, das Trutscherl zu spielen, das die Maja ja ist."

Die mit dem Karl-Skraup-Preis und dem Nestroy als beste Nachwuchsschauspielerin ausgezeichnete Schauspielerin stammt aus einer Künstlerfamilie. Als Kind, erinnert sich die in Innsbruck geborene junge Frau, da hätte sie sich gerne verkleidet und die Rollen, in denen sie ihre Mutter gesehen hat, nachgespielt. Aus jeder Kleinigkeit hätte sie ein Kostüm gebastelt, aus jedem Stofffetzen einen Umhang gemacht. Ihre liebste Verkleidung sei die der Pippi Langstrumpf gewesen.
"Die Mama hat mir Drähte gebastelt, damit die Zöpfe schön abstehen, und ich durfte mir die Haare mit einem auswaschbaren roten Spray färben und dann hab ich von ihr zerrissene Strumpfhosen übereinander angezogen und für oben hat sie mir etwas genäht... alles total zusammengestoppelt - ich habe das geliebt." Während sie in Erinnerungen schwelgt, kippt sie vom Hochdeutschen ganz leicht ins Tirolerische.