An der Mode ist ein Trend am leichtesten festzumachen. Allerdings für uns Otto-Normal-Verbraucher immer nur der aktuelle. Der des kommenden Jahres bleibt unter Verschluss, bis wir via Magazine und Fernsehen eingeweiht werden und den Zaubercode erfahren, der da heißen kann: Luxus ist megaout oder Recyclingmode ist in oder im Grün liegt die Seligkeit.
Oh du mein Kaufhaus!
Alle reden von der Krise. Gibt es eine "Krisenmode"? Greift Frau zu Schere und Nadel und näht sich in Sack und Asche? Wohl kaum.
Ein Gang durch die Häuser der großen Ketten macht uns schlauer, welche Farben Muster und Silhouetten in diesem Frühjahr in sind. Shorts in allen Größen und Mustern - von der abgeschnittenen Jean über die edle Weiße bis hin zur Gold-Bestickten - erobern die City. Schon staksen die ersten langbeinigen Girls durch die Straßen. Oben drüber schwebt eine hauchdünne Bluse im Blumen- oder Paisleymuster. Oder auch im guten, alten Hermèsmuster - eben dieses, welches einst die Halstücher der goldbehängten Ladies oder braver Klosterschülerinnen aus der Oberschicht zierte oder das man mit Vorliebe am Flughafen für die Schwiegermutter kaufte. Aus diesen Erinnerungsmustern werden jetzt Röcke und ganze Kleider genäht. Was dann aussieht, als wären mehrere solcher Tücher einfach zusammengenäht worden.
An Farben gibt es so ziemlich alles - von sehr kräftig bis hin zu pastellig-langweilig. Gelb und Orange sind die Hingucker der Saison. Manche Trenddeuter interpretieren das als Aufbruchssignal und meinen den "arabischen Frühling" darin symbolisiert zu sehen. Schwarz wird nur mehr am Abend getragen, Grau und Braun sind in der Schublade verschwunden. Aber Pink ist nicht umzubringen, stöhnt der Trendforscher Peter Wippermann und sagt dieser Verniedlichungsfarbe noch sieben fette Jahre voraus. Psychologen wiederum glauben zu wissen, warum manche Frauen sich von Kopf bis zu den Söckchen in Pink hüllen: Sie wollen nicht erwachsen werden und sehen sich noch immer als junges Mädchen oder als Traummodel.
Eines steht fest: Farben werden von der Industrie festgesetzt und sind ein wesentlicher Bestandteil des Marketings. Aufgabe der Trendforschung ist es, herauszufinden, welche Farbe zu welcher gesellschaftlichen Entwicklung passt.
Als die Autoindustrie und die globale Wirtschaft 2008 zu schwächeln begannen, da sah man auf einmal mitten unter den langweiligen grauen und schwarzen Autos froschgrüne, zitronengelbe oder auch pinkfarbene durch die Straßen kurven. Sie sollten Optimismus verbreiten. Und wie man hört, geht es der Autoindustrie ja inzwischen wieder bestens. Ob es an den neuen Farben liegt? Sicher nicht nur.
Gemeinsam kreativ sein
In der jetzigen Mode orten die Trendforscher verschieden Strömungen, die gesellschaftliche Gegebenheiten reflektieren, wie etwa Vintage, die Rückkehr in das vorige Jahrhundert und die Abkehr von der krisengeschüttelten Gegenwart. Oder die ökologische Schiene, die aus dem Bewusstsein um die gefährdete Umwelt und die zu Ende gehenden Ressourcen entstanden ist.
Eine deutliche Hinwendung zum Handwerklichen - von Trendforschern lange schon vorausgesagt und von mündigen Käufern gefordert und gesucht - ruft die Kreativen auf den Plan. Sie arbeiten immer noch fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Bis auf die wenigen, die es auf das internationale Modeparkett geschafft haben. Seit einigen Jahren jedoch macht sich in Wien eine kreative Szene ganz deutlich bemerkbar. Junge Designer wagen den Schritt in die Selbständigkeit, tun sich zu Produktionsgemeinschaften zusammen oder stellen auf Designermessen aus.
Woher weht dieser frische Modewind? Gabriele Skach ist künstlerische Leiterin der Modeschule Wien in Hetzendorf. Sie besucht jährlich einmal das Seminar von Li Edelkoort, einer der erfolgreichsten Trendforscherinnen zwischen New York und Paris, und setzt die dort gewonnenen Einsichten in ihrem Unterricht um. Für die kommenden Jahre bis 2020 sei die Rückbesinnung auf die Gemeinschaft ein ganz wesentlicher Trend, meint Edelkoort. Ihr Überbegriff für 2013 lautet "Glückseligkeit". Eine gewagte Prophezeiung? "Nein, gar nicht", meint Gabriele Skach. "Woraus schöpfen wir Glück, wenn alles um uns dunkel und drohend ist? - Aus der Gemeinschaft!" Deshalb hält sie die Schülerinnen an, ein visuelles Tagebuch zu führen. Darin sollen sie ihre persönlichen Beobachtungen auf der Straße, in den Medien und wo auch immer festhalten. In Klassen übergreifenden Sitzungen werden die Gemeinsamkeiten herausgearbeitet und danach Stil- und Moderichtungen festgelegt, wie etwa "Opulenz" in Stoff, Muster und Silhouette. Aber auch minimalistische Tendenzen genauso wie Neigungen zum Unfertigen, zum Experiment.
"Wichtig ist das gemeinsame Herausarbeiten der Tendenzen, die dann am Ende des Schuljahres in der Modeschau visualisiert werden", erklärt Gabriele Skach. "Im Team liegt ein ungeheures Potenzial an Kreativität. Dieses Wissen macht unsere Schüler auf dem freien Markt wettbewerbsfähig und auch widerstandsfähig gegen den Massentrend in der Mode. Sie lernen, selbstbewusst eigene Trends zu kreieren", so Gabriele Skach.

