Enthaltsamkeit in Zeiten der befreiten Sexualität, Lustlosigkeit im Angesicht vielfältiger Stimulanzien, Rückzug vor dem Hintergrund einer ent-intimisierten Privatheit: Während Erotik und Sexualität immer größere Teile der medialen Wahrnehmung erobern, gewinnt ein Phänomen an Aufmerksamkeit, das sich dem Zeitgeist gänzlich zu widersetzen scheint: Asexualität. Wenig scharf in seiner Definition, vielfach voreilig attestiert und umstritten in der tatsächlichen Bedeutung beschäftigt das Fehlen sexuellen Verlangens Sexualforscher - und Betroffene.
"Der Niedergang der Sexualität war ein Phänomen, das man auf der ganzen Welt beobachten konnte, es betraf alle Gesellschaftsschichten, alle Industrieländer und verschonte nur Heranwachsende und sehr junge Menschen": Michel Houellebecq, französischer Schriftsteller und umstrittener Visionär in Sachen Asexualität, zeichnet in Büchern wie "Die Möglichkeit einer Insel" ein düsteres Bild des sexuellen Reifegrades der gegenwärtigen Gesellschaft. Bombardiert mit erotischen Inhalten, getrimmt auf Lüsternheit und gezwungen zur sexuellen Aktivität suchen die Menschen in Houellebecqs Romanen ihr Heil in der Flucht nach vorne: der kollektiven Aufgabe jeglicher sexuellen Begierde.
Eine Schlussfolgerung, die nicht ganz von der Hand zu weisen ist, wie Sexualforscher einräumen. Denn das Besondere und Magische droht der Sexualität abhanden zu kommen, warnt Sexualtherapeutin Gerti Senger im Gespräch mit dem "Wiener Journal". "Heute ist alles dermaßen sexualisiert, dass durch die Trivialisierung der Sexualität ihre wuchtige Wirkkraft verloren gegangen ist", so Senger. Während in der Biedermeierzeit bereits ein entblößter Damenknöchel für pochende Männerherzen sorgen konnte, sei fraglich, was in der heutigen Zeit überhaupt noch aufzuregen vermag, stellt die Sexualforscherin zur Debatte. Die Sexualität sei "entzaubert": Die Präsenz von sexuellen Inhalten in Medien, Werbung und Internet hinterlasse bei den Menschen ein Völlegefühl - das eben auch in Lustlosigkeit münden kann.
Ein Gegengewicht
"Uns werden ständig Reize vor die Nase gehalten, die dem Ideal von Jugendlichkeit, Schönheit und Vitalität entsprechen", stellt auch Irene Berkel, Herausgeberin des Sammelbandes "Postsexualität. Zur Transformation des Begehrens", fest. Ideale, vor denen nach Ansicht der Kulturwissenschafterin viele Menschen nicht bestehen könnten - und dadurch eine Kränkung erfahren. "Ich könnte mir vorstellen, dass Lustlosigkeit oder Asexualität eine Reaktion, eine Form des Protests gegen die Übersexualisierung des öffentlichen Raumes ist", so Berkel.
"Da das Sexuelle im Allgemeinen über die letzten Jahre so dominant war, ist das Bedürfnis entstanden, da ein Gegengewicht zu setzen", meint auch Senger, um freilich sogleich davor zu warnen, dieses Nachlassen des sexuellen Interesses bereits als Asexualität zu bezeichnen. Denn das ist nach Ansicht der Sexualforscherin wieder ein anderes Phänomen - und zwar ein seit langem bekanntes.

Was aber ist die Asexualität dann eigentlich? Im Allgemeinen wird darunter eine individuelle Ausrichtung verstanden, die durch das Fehlen sexueller Bedürfnisse gekennzeichnet ist - ohne das Vorhandensein von Gefühlen für oder die Zuneigung zu anderen Menschen auszuschließen. "Es besteht kein Verlangen, kein Begehren", bringt Senger die Thematik auf den Punkt. "Versteht man unter Asexualität die Abwesenheit jeglicher sexuellen Erregung, ist das vermutlich äußerst selten", fügt Berkel hinzu.
Wann und wie Asexualität als medizinisches Phänomen entsteht, lässt sich dabei kaum beantworten. Ein "born with-out sexual feelings", also eine genetische Disposition, sei nach Ansicht Sengers jedenfalls in Frage zu stellen. Vielmehr ist für die Sexualforscherin plausibel, dass bestimmte Erlebnisse diese sexuelle Einstellung verursachen. "Wenn ein Mensch sagt, dass er sich noch nie sexuell angezogen gefühlt hat, wird es vermutlich entsprechende Erfahrungen gegeben haben", so die Therapeutin.
"Tatsächlich hat es das aber schon immer gegeben", betont Senger. So hätte etwa die namhafte Sexualpsychologin Helen Singer Kaplan die Asexualität schon vor 30 Jahren genau beschrieben. Die Zahlen, die sie damals nannte, dürften sich kaum geändert haben.
Einer Studie unter 20.000 Menschen zufolge betraf Asexualität rund ein Prozent der Befragten, wie Senger erläutert - zugleich klarstellend, dass die Verlässlichkeit derartiger Erhebungen mit Vorsicht zu genießen ist. Dass Asexualität aktuell mehr Aufmerksamkeit zuteil wird, sei hingegen auf das Begreifen der Asexualität als eine gesellschaftliche Reaktion auf das sexuelle Überangebot zurückzuführen - eine Auslegung, die allerdings mit einer Definitionsproblematik verbunden ist. "Asexualität wird sehr oft missbräuchlich verwendet: Wenn Menschen ausdrücken wollen, dass Sexualität für sie nicht an erster Stelle steht, sagen sie schnell einmal, dass sie asexuell sind", konstatiert die Sexualforscherin. So wäre es beispielsweise ganz normal, dass Menschen im Laufe ihres Lebens einzelne Phasen durchmachen, in denen sexuelle Impulse blockiert werden - etwa nach persönlichen Krisen oder Trauerfällen. Daraus eine Asexualität herzuleiten, wäre nach Ansicht Sengers allerdings nicht angemessen.
