Das Bild zeigt eine Frau um die vierzig. Sie ist Näherin auf Mauritius. Mit ihren Kolleginnen steht sie unter einem schattigen Baum im Hof des Betriebes, wo sie seit einigen Jahren beschäftigt ist. Die Frauen haben Pause. Allein die Tatsache, dass sie überhaupt eine Pause haben - eine am Vormittag, eine zu Mittag und eine am Nachmittag -, verdanken sie Organisationen, die sich weltweit für Fairen Handel einsetzen. Eine von ihnen ist die österreichische Entwicklungszusammenarbeit (EZA) Fairer Handel. Seit 2005 arbeitet das Unternehmen mit dem sozial engagierten Betrieb auf Mauritius direkt zusammen. Dort entsteht ein Teil der Kollektionen des Labels Anukoo, der Modemarke von EZA. Seit sechs Jahren setzt die EZA verstärkt auf Fair Fashion. Eine Herausforderung, erzählt Andrea Reitinger, Sprecherin von EZA Fairer Handel. "Die Trends wechseln schnell. Das erfordert eine intensive Zusammenarbeit mit unseren Partnerorganisationen vor Ort." Mit Katharina Mühlberger, Fashion Verantwortliche der EZA, wurde eine Person gefunden, die mit ihrer Ausbildung - sie studierte Sozial- und Kulturanthropologie sowie textiles Design - zwei Welten verbindet: die Welt der Produzenten und die Welt der Mode. Das spiegelt sich auch im Namen des Modelabels Anukoo. Der Begriff ist aus dem Hindi inspiriert und steht für "passend, geeignet, vorteilhaft".
Green Fashion, Fair Fashion, Öko-Mode - viele Begriffe für eine Sache: nachhaltige Kleidung. Allerdings haben die Mode-Labels unterschiedliche Ansprüche. Sie unterscheiden oft zwischen sozialer und/oder ökologischer Nachhaltigkeit. Bei Anukoo verfolgt man beides. Faire Handelsbeziehungen mit den Partnerorganisationen im Ursprungsland stehen im Vordergrund. Dazu ist die Baumwollkollektion auch mit dem GOTS Gütesiegel (Global Organic Textile Standard) ausgezeichnet, das für strenge ökologische Standards entlang der gesamten Herstellungskette steht.
Der Weg der Kleidung ist transparent. Die Fairtrade zertifizierte Bio-Baumwolle wird in Indien gepflückt, entkernt und gesponnen. Das Garn kommt per Schiff nach Mauritius. Dort entstehen die Stoffe und landen schließlich bei Craft Aid, ein Betrieb, der ursprünglich für sozial benachteiligte und beeinträchtigte Arbeitnehmer gegründet wurde und dessen Textilabteilung in den letzten Jahren am stärksten gewachsen ist. Gleich zu Beginn ist auch das Wiener Designer-Label "Göttin des Glücks" auf die EZA zugekommen. Jetzt werden die Baumwollkollektionen beider Marken auf Mauritius zu Kleidung verarbeitet. Danach geht es in die EZA-Zentrale nahe Salzburg. Von dort werden aktuell über 50 Geschäfte beliefert - Weltläden in ganz Österreich und der Anukoo Shop in Wien.
DESIGN UND ENTWICKLUNGSARBEIT
Für Anukoo gehen schönes Design und sinnvolle Aufbauarbeit in den Ursprungsländern Hand in Hand. Katharina Mühlberger arbeitet mit einem Team von Designern und mit den Partnern vor Ort. "So können diese ihre Ideen und ihr kreatives Potenzial einfließen lassen", erzählt Shop-Leiterin Karin Lebelhuber. Auf den Leinenkleidern aus Indien etwa finden sich Anklänge an die traditionelle Kantha-Stickerei.

Mit der Idee einen Fair-Fashion-Shop zu eröffnen wurde laut Lebelhuber "der Nerv der Zeit getroffen". Ein Jahr gibt es den Shop jetzt und "er läuft sehr gut". Vor allem würden Frauen ab 30 Jahren angesprochen. Allerdings kämen auch immer mehr junge Menschen. "Wenn heute über Missstände in der Textilproduktion informiert wird, dann lässt das Jugendliche nicht kalt", sagt EZA-Sprecherin Reitinger. "Aus dem Bewusstsein über das Unrecht entsteht auch die Frage nach konkreten Alternativen."
Damit sozial und ökologisch verantwortlich produzierte Mode auch gekauft wird, muss sie zu allererst gefallen. Davon ist man bei EZA überzeugt. "Das Design muss stimmen, die Inhalte und natürlich auch das zeitgemäße, moderne Ambiente, in dem Mode präsentiert wird", sagt Lebelhuber. Sie will jene abholen, die bewusst nach fairer Mode suchen, genauso wie jene, die zufällig am Shop vorbeikommen und sich vom "Einfach Schönen" anziehen lassen. Es gehe ihr um einen lebendigen, lebensfrohen Zugang, um die Lust am Produkt. "Und um ein positives Storytelling über jene Menschen, die diese Mode produzieren", so Lebelhuber.
Artikel erschienen am 20. April 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 18-21