Jahrhundertelang wurde in der Medizin so getan, als gäbe es nur ein Geschlecht - und zwar das männliche. Kein Wunder, dass Herzinfarkte bei Frauen deshalb oft unerkannt blieben, denn die Symptome sind anders als bei Männern. "Es schockierte mich, als ich erfahren musste, wie viele Frauen vom Arzt mit der (Fehl-)Diagnose Angstattacke oder hysterischer Anfall wieder weggeschickt wurden, obwohl sie mit ernsten Anzeichen eines Herzinfarkts zur Untersuchung gekommen waren", schreibt die US-amerikanische Kardiologin Marianne Legato in ihrem Buch "Evas Rippe". Dies war die Initialzündung für Legato, sich fortan der sogenannten Gender-Medizin zu widmen. Sie gilt als Vorkämpferin und ist bis heute führende Expertin auf dem Gebiet der geschlechtsspezifischen Medizin.
Oft falsch behandelt
Schon Ende der 1980er Jahre hatte sie sich mit Herzkrankheiten bei Frauen beschäftigt und war immer öfter auf Besonderheiten im Vergleich zu Männern mit denselben Erkrankungen gestoßen. Sie entdeckte immer mehr Fälle, in denen Frauen nicht nur falsch diagnostiziert, sondern auch falsch behandelt wurden. Das Wissen über die Unterschiede zwischen Mann und Frau in der Medizin ist seither immens gestiegen.
Alexandra Kautzky-Willer, seit 2010 Inhaberin des Lehrstuhls für Gender-Medizin an der Medizinischen Universität Wien, rechnet mit noch vielen spannenden Ergebnissen im Rahmen ihrer Forschungstätigkeit auf diesem Gebiet. In ihrem neu erschienen Buch "Gesundheit: Eine Frage des Geschlechts" zeigt sie auf, warum es wichtig ist, dass die Medizin einen Unterschied zwischen Mann und Frau macht.
Schon in der Diagnosestellung gibt es erhebliche Differenzen. Während Männer ihre Beschwerden gezielt angeben, verlieren sich Frauen häufig in unspezifischen Schilderungen. Wesentliche Symptome werden auch oft verschwiegen. Nicht selten kommt es dazu, dass dadurch Krankheiten nicht rechtzeitig erkannt und behandelt werden können. Die Hormone, die Erbanlagen, die Anatomie und Stoffwechselvorgänge tun ihr Übriges, um für unterschiedliche Ausprägungen ein und derselben Krankheit zu sorgen.
Für Frauen und Männer
Gen-der-Medizin ist allerdings keineswegs mit Frauenmedizin gleichzusetzen. Meist werden die Frauen deshalb hervorgehoben, "weil dort einfach die Unterschiede krasser sind und Nachholbedarf besteht", erklärt Kautzky-Willer. Es gibt allerdings auch Beispiele - etwa der Darmkrebs -, wo Männer häufiger mit aggressiveren Formen und einem rascheren Fortschreiten zu kämpfen haben. Vermutlich wird man aus diesem Grund bald das Alter für die Darmkrebsvorsorgeuntersuchung bei Männern um fünf Jahre heruntersetzen - nämlich auf 45 Jahre.
Bei Frauen treten hingegen Allergien, Autoimmunerkrankungen, Depressionen, Osteoporose, Diabetes und chronische Erkrankungen viel häufiger auf. Im Steigen sind auch die sogenannten Zivilisationskrankheiten wie Adipositas, degenerative Erkrankungen der Wirbelsäule und Erkrankungen aufgrund mangelnder Bewegung, was auf einen veränderten Lebensstil mit Mehrbelastung und Stress zurückzuführen ist.
Aber auch bei der Depression sind die Unterschiede nicht zu unterschätzen. Während die Diagnose bei Frauen aufgrund vieler unklarer Symptome zu häufig und oft zu Unrecht gestellt wird, wird sie bei Männern meist gar nicht als Möglichkeit herangezogen. Mit ein Grund dafür ist, dass depressive Männer eher zu aggressivem Verhalten oder zu Alkoholmissbrauch neigen und damit falsch diagnostiziert werden.
Medikamentenstudien
Ein weiteres Problem: Der Prototyp für Medikamentenstudien ist der 30- bis 40-jährige, weiße, normalgewichtige Mann mittlerer Körpergröße. Einerseits liegt das an langwierigen Zulassungsverfahren für Arzneien und der Angst, Medikamente an Frauen zu testen, die unbemerkt schwanger sein könnten. Auch zeigt der weibliche Körper stärkere hormonelle Schwankungen, was die Wirkung von Medikamenten unterschiedlich beeinflussen kann. Aber auch Kinder oder alte Menschen sind damit von der Pharmaindustrie vernachlässigt. Nur langsam rücken die Unterschiede in den Blickpunkt der Forschung.
In der Diagnose und Therapie scheinen die Männer bevorzugt und dennoch sterben sie früher. Frauen hingegen leben länger, allerdings weniger Lebensjahre in guter Gesundheit. Das Doppel-X Chromosom dürfte bei Frauen grundsätzlich für eine Bevorzugung im Immunstatus und in den Genen für die Herz-Kreislauffunktion sorgen, was zu einer längeren Lebenserwartung führt, erklärt Kautzky-Willer. Je mehr sie sich jedoch den männlichen Lebensstil aneignen, desto mehr wird in den nächsten Jahren auch dieser biologische Vorteil verloren gehen.
Aus dem Bereich der Gender-Medizin kommen fast täglich neue Erkenntnisse. Und: Es profitieren beide Geschlechter davon.
La Pura Women´s Health Resort
Als wissenschaftliche Leiterin betreut Alexandra Kautzky-Willer seit vergangenem Jahr das erste frauenspezifische Gesundheitsresort in Österreich: Das der Vamed-Gruppe angehörige "la pura women´s health resort Kamptal" richtet seinen Fokus ausschließlich auf die Gesundheit der Frau. Das Team des Hauses in Gars am Kamp setzt die Erkenntnisse der gendermedizinischen Forschung in ganzheitliche Gesundheitsangebote um. Frau kann Kraft tanken, sich einen neuen Schwung für den Alltag holen oder Hilfe bei bestehenden Erkrankungen erhalten. Das Ärzteteam, angeführt von Gabrielle Dienhart-Schneider, versucht, im Rahmen eines ärztlichen Erstgesprächs, die Problemfelder jedes einzelnen Gastes abzustecken, um gezielte Therapien anbieten zu können.
