Der Fluss Dnjepr teilt Kiew in arm und reich, schick und heruntergekommen, strahlend und grau. Die Hauptstadt der Ukraine ist eine Stadt der Gegensätze. Ein Lokalaugenschein am Final-Schauplatz der Fußball-Europameisterschaft.
Sieben Brücken verbinden in Kiew, was eigentlich nicht zusammengehört. Auf der rechten Seite des Dnjepr der prunkvolle Teil der Hauptstadt mit den oberen paar Zehntausend der Bevölkerung, links des Flusses die weniger Begüterten. Je weiter weg von der Innenstadt, desto mehr Ostblock-Charme mit erschwinglicheren Wohnungen in Plattenbauten.
Schon beim Überqueren der Fußgängerbrücke im Zentrum zu einer der zahlreichen Inseln im Dnjepr fängt der Unterschied an, sichtbar zu werden. Plötzlich sind nicht mehr alle jungen Frauen groß, schlank und durchgestylt von den Haaren über Minirock bis zu den hohen Hacken. Die Brücke als Zwischenwelt. Ein Begegnungsort zwischen Arm und Reich. Zumeist ist es jedoch der ärmere Teil der Bevölkerung, der den Weg nach drüben, in die Scheinwelt der Reichen und Schönen, macht. Wohnen hüben, Arbeiten drüben.
Im schicken Hotel Fairmont zum Beispiel. Für 319 Euro pro Nacht ist hier das günstigste Zimmer zu haben. Knapp einen Monat lang müsste ein Kellner im gleichen Haus arbeiten, um sich das leisten zu können. 13.000 Euro löhnt man für eine Nächtigung in der 260 Quadratmeter großen Präsidenten-Suite. Das Fünf-Sterne-Haus im zentralen Bezirk Podil, direkt am Dnjepr gelegen, ist das schickste Hotel, das die 2,8-Millionen-Einwohner-Stadt derzeit zu bieten hat.
Erst im März hat es eröffnet. Gerade rechtzeitig vor der Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine ab 8. Juni. Das völlig neu erbaute Haus der kanadischen Fairmont-Kette ist klassisch eingerichtet. Palast-ähnlich, mit zahlreichen Kristalllustern ausgestattet, wirkt vor allem der Ballsaal. Das großteils sehr junge Personal ist äußerst freundlich und bemüht, auch wenn ihm die Unsicherheit häufig noch anzumerken ist. In der Ukraine gebe es eben keine so gute Ausbildung für Hotel-Bedienstete wie etwa in Österreich, weiß Christoph G. Ganster, steirischer General Manager der Nobelherberge. Vor acht Monaten wechselte der 36-jährige Absolvent der Tourismus-Schule Klessheim von Kairo in die ukrainische Hauptstadt.

Nur zwei Flugstunden von Wien entfernt, wartet Kiew darauf, von Urlaubern entdeckt zu werden. Was bisher freilich noch nicht so zahlreich geschehen ist. Nicht, dass die Stadt nichts zu bieten hätte, vielmehr hatte die Ukraine bisher kein großes Interesse an der touristischen Vermarktung von Stadt und Land. Offizielle Fremdenverkehrsinformationen gibt es nicht. Geschäftsreisende zog und zieht es schon viel eher nach Kiew. Auch Österreicher. Nicht nur die große Zahl der schwarzen Giebelkreuze auf gelbem Grund zeugt davon. Quantitativ fast nur überboten von Kirchtürmen. "Die Stadt der 100 Kirchen" wird Kiew genannt. Sie sind auch die Hauptsehenswürdigkeiten in der überschaubaren, auf einem Hügel gelegenen Altstadt, die sich gut zu Fuß erkunden lässt. Die mächtige Sophien-Kathedrale mit ihrem 76 Meter hohen Eingangsturm und den 13 mit goldenen Kuppeln bestückten Türmen ist das Juwel der Stadt. Bereits im 11. Jahrhundert wurde sie erbaut. Die Kirche, die zu einem Museum umfunktioniert wurde, ist Teil des Unesco-Weltkulturerbes. An das Originalbauwerk erinnert heute allerdings nicht mehr viel. Nur noch Teile der Mauern sind tatsächlich rund 1000 Jahre alt. Zu oft wurde sie zerstört und dann wieder neu errichtet. Ein Schicksal, das die nach der Hagia Sophia in Istanbul benannte Kathedrale mit vielen Bauwerken in Kiew teilt. Etwa auch mit der in Kobaltblau erstrahlenden Michaels-Kathedrale. Das gerne als Hochzeitskirche genutzte Gotteshaus wurde seit seiner Errichtung im 11. Jahrhundert neunmal bombardiert. Die bewegte Geschichte der Stadt ist den historischen Bauwerken zumindest äußerlich nicht anzumerken. Vieles wurde wieder auf Hochglanz gebracht. Römisch-katholische Symbole weniger. Sie wurden während der Sowjet-Zeit aus der Stadt verbannt. Nur zwei katholische Kirchen sind Kiew geblieben. Dabei waren die Katholiken äußerst wichtig für die Geschichte der Stadt.

