Belgier sind ja ganz allgemein als Menschen bekannt, die gerne essen und trinken. Die Brüsseler haben gleich das ganze Jahr 2012 zum Feinschmeckerjahr erklärt und servieren mehrere Monate lang unter dem Motto "Brusselicious" Essen an außergewöhnlichen Orten wie ein Drei-Gänge-Dinner in der Straßenbahn, Muschelessen am Brüsseler Stadtstrand, Picknick im Park, Slow Food in der Abtei "Roodkloster", das Fünf-Sinne-Dinner im Museum für Naturwissenschaften und noch viele weitere.
Dass auch die Genter das gute Leben lieben, lässt sich leicht erkennen. Mehr als 300 Restaurants für jeden Geschmack und jedes Budget, so schätzt der Stadtführer Johann, gibt es in Gent. Wenn man durch Gent flaniert, hat man den Eindruck, es müssen mindestens doppelt so viel sein.
Einige der Protagonisten der jungen Szene in Gent haben in etablierten Sterne-Restaurants gelernt und sich danach selbständig gemacht, um eigene Ideen verwirklichen zu können. Wie zum Beispiel Joost Arijs. Der 25-Jährige hat gemeinsam mit seiner Freundin in der Vlaanderenstraat in der Genter Innenstadt eine Patisserie und Chocolaterie aufgemacht. Zwei Jahre lang war er Chef-Patissier im Restaurant "Hof Van Cleve", einem mit drei Michelin-Sternen ausgezeichneten Gourmettempel in der kleinen flämischen Gemeinde Kruishoutem. Hier in Gent in seinem eigenen Laden zaubert er bunte Pralinen aus Früchten, Kräutern und Schokolade, bäckt flaumige Makronen in allerlei Geschmacksrichtungen, kunstvolle Törtchen und Kuchen und mixt fantasievolle Konfitüren. Nach Rezepten oder Ingredienzen gefragt, gibt er lächelnd nur ein Geheimnis preis: Alles sei mit Liebe gemacht.
Mit Liebe und Herzblut stellt auch Nicolas Vanaise in seiner Chocolaterie Yuzu feine Pralinen her. Yuzu ist der Name einer japanischen Zitrusfrucht und die Liebe zu allem Japanischen zieht sich wie ein roter Faden durch das kleine Geschäft in der Walpoortstraat, in dem es nicht nur Bonbons sondern auch Tee, Kräuter, Gewürze und Porzellan aus Japan gibt. Woher seine Liebe zu Nippon stammt, kann Monsieur Vanaise nicht beantworten. Schon als Kind liebte er das Land, das er gemeinsam mit seiner Frau mindestens einmal im Jahr bereist. Für seine berühmten Pralinen lässt er sich inspirieren von Gerüchen, Erlebnissen und Menschen und er betrachtet sie als eine Art Tagebuch. Die akkurat rechteckigen Schokoziegel tragen Namen wie Josephine B. (mit karamelisierten Bananen), Malaquais - nach dem gleichnamigen Quai an der Seine in Paris mit weißer Schokolade und Mandeln - oder Jeanne Lanvin - mit Veilchen und in Blau gehalten, weil das die Lieblingsfarbe der Modeikone gewesen ist. Neben den klassischen Zutaten experimentiert der Meister auch mit Senf, Basilikum, Pilzen und belgischem Bier. Eine Auswahl von 30 Pralinen, die Vanaise zärtlich mit weißen Zwirnhandschuhen in die Yuzu-farbene Schatulle schlichtet, kostet 21,50 Euro.
Die Geburtsstunde der Praline schlug vor 100 Jahren im Jahr 1912 in Brüssel, als der junge Apotheker Jean Neuhaus damit begann, anstatt bitterer Pillen geröstete Nüsse oder auch frische Sahne mit einem Schokomäntelchen zu umhüllen. Neuhaus, der aus der Schweiz stammte, nannte seine Kreationen Pralinen. Im Durchschnitt isst jeder Belgier neun Kilo Schokolade pro Jahr und es gibt ungefähr 2200 Schokoladengeschäfte im Land. Chocolatier darf sich im Übrigen nur nennen, wer mindestens 24 verschiedene Sorten herstellt.
Waffeln aus Gent

Chocolatiers, Patissiers und Bäckereien gibts in Gent an allen Ecken und Enden. Die Lust, Süßes zu schlemmen, scheint ungetrübt von ernährungswissenschaftlichen Erkenntnissen. Dick mit Schlagobers, Zucker und Marmelade verziert, werden im Etablissement Max am Gouden Leeuwenplein mit Blick auf den Belfried die berühmten Brüsseler Waffeln serviert. 1839 erfand Max Consael die Kalorienbombe und um seine Erfindung unter die Leute zu bringen, baute er sich einen Marktstand und klapperte damit die Jahrmärkte ab. Die schweren Waffeleisen wurden ursprünglich mit Steinkohle befeuert, später stellte man auf Gasbetrieb um. Heute, sechs Generationen später, werden die schweren Eisen bei Max noch immer mit Gas geheizt, aber Ur-Ur-Ur-Urenkel Yves hat den Traditionsbetrieb behutsam ins neue Jahrtausend überführt. Die prächtige Jugendstilausstattung des Etablissement Max wurde ebenfalls bewahrt. Frische Waffeln gibts jeweils ab 14 Uhr und wenn man Glück hat, findet man sogar einen Platz.
Gleich in der Nähe am Donkersteg findet sich eine weitere Genter Institution: das Mokabon, 1937 gegründet. Die "Mokkabohne" ist ein kleines Café, in dem nur fünf Kaffeesorten angeboten werden, aber die sind selbst geröstet. Abgegriffene Thonetstühle, die nüchterne Neonreklame "Salon du Café" - von außen nichts Besonderes und dennoch ein Erlebnis. Feinschmeckern sei die Sorte Maragogype empfohlen, wer es lieber stärker mag, entscheidet sich für die Sorte Mokka, wer es sanfter bevorzugt, wählt Dessert.
Bier wie im Mittelalter
Seit kurzem hat Gent auch wieder eine Stadtbrauerei. In einer ehemaligen Fabrik für Gaslampen hat sich die Braumeisterin Annick de Splenter einen Traum erfüllt und 2009 mit der Stadsbrouwerij Gruut ihre eigene Brauerei gegründet. Das wäre in einem Land, in dem es an die 500 verschiedenen Biersorten gibt, noch nichts Besonderes. Doch Annick braut nach mittelalterlichen Rezepturen Bier aus einer Kräutermischung, Wasser und Malz, doch ohne Hopfen. Drei verschiedene Sorten - Weiß, Blond und Amber - mit verschiedenem Alkoholgehalt von fünf bis acht Prozent werden derzeit angeboten. Die Kräutermischung, die Annick in jahrelanger Forschungsarbeit recherchiert hat, ist geheim. Nur so viel lässt sich herausfinden: Die Kräuter kommen aus Österreich und Deutschland. Das Weiße schmeckt ein wenig nach spritziger Melissenlimonade, das Blonde wie ein Pils und das Dunkle wie ein starkes Malzbier. Doch der Alkoholgehalt ist nicht zu unterschätzen. Gruut macht ausgesprochen fröhlich und weil kein Hopfen drinnen ist, gibts später auch kein Kopfweh, verspricht die Braumeisterin.
