Es knirscht und knarzt. Wenn Afrikas Luxuszug Rovos Rail ruckelnd Fahrt aufnimmt, ist in dem Eisenbahn-Soundtrack Charmaines "Ding-Dang-Dong" kaum zu hören. Mittags und abends schnappt sich die Waitresse ein Xylophon und ruft Herrschaften aus ihren Suiten in den eleganten Speisewagen. Nach einem Klangspiel vor 36 Abteilen in 13 Waggons erreicht sie am Zugende den Aussichtswaggon mit offener Terrasse. "Yes, we are ready for dinner", lächeln Mr. und Mrs. Snyder aus England und trinken ihren Champagner in einem Zug aus.
Hinter dem "Observations-Car" fliegen Schienenstränge wie schwarze Pfeile auf Townships und die senfgelben Abraumhalden der Witwatersrand-Goldfelder bei Johannesburg zu. Seit im Jahr 1886 ein Goldschürfer jene Stelle in einem Binnensee entdeckte, an der vor zwei Milliarden Jahren ein Meteorit eine goldhaltige Ader zerschlug, entwickelte sich dort aus einer Zeltstadt das robuste kantige "Joburg". Was für Südafrika eine sprudelnde Goldgrube ist, bietet für eine nostalgische Eisenbahnfahrt mit dem "Pride of Africa" allerdings ein reichlich unspektakuläres Panorama.
Als nehme Alvin Blom auf den Mangel an landschaftlicher Ästhetik Rücksicht, schippt der Heizer seiner "Anthea" ein paar zusätzliche Schaufeln Kohle in den feurigen Schlund. Dampfschnaubend zieht die Lok das rollende Komforthotel die Höhenkämme bei Johannesburg hinauf. Noch 750 Kilometer bis Durban am Indischen Ozean.
"Jede Dampflokomotive ziert ein Frauenname aus der Familie von Zuggründer Rohan Vos", hatte "Fireman" Blom im kleinen Bahnhof "Capital Park" am Stadtrand von Pretoria gesagt. Dort empfängt die Eisenbahngesellschaft "Rovos Rail" (Rohan Vos = Rovos) seit 1999 in einem gediegenen filmreifen Salon zahlungskräftige Gäste mit Sekt und Canapés, um sie in mondänem Charme wie vor 100 Jahren reisen zu lassen.
Meistens sind alle Abteile belegt - bis auf eines. Es könnte ja sein, dass Südafrikas ungekrönter Bahnkönig Vos zusteigt. Vor 23 Jahren hatte er seine erste Dampflok wieder flottgemacht und zusammen mit alten Eisenbahnwaggons als nostalgische Luxusherbergen auf die Schienen gestellt. Mehr als fünf Dutzend im Stil der 1920er und 1930er Jahre umgebaute dunkelgrüne Salonwagen warten in "Capital Park" auf ihren Einsatz. Das kostet Zeit, und viel Geld. 850.000 Euro verschlingt der Umbau eines einzigen ausrangierten Wagens. Ein Ersatzrad ist nicht unter 3500 Euro zu haben. Einige Veteranen lagen im Gra-ben oder im Gestrüpp und mussten erst wieder auf die Gleise gehievt werden. Rohan Vos kann sich seine Inszenierung des goldenen Bahnzeitalters leisten. Mit Schrottautos und alten Traktoren hatte er schnell eine fabelhafte Summe Dollars verdient. Wer nun meint, "Tempo" sei ein bestimmender Begriff im Leben und Mar-ketingkonzept des 65-jährigen Südafrika-ners, der reist auf dem falschen Gleis. Bei 70 Kilometern pro Stunde haben seine restaurierten Klassiker ihre Höchstgeschwindigkeit bereits erreicht. Die Reisenden sollen sich ein bisschen wie in einem Hollywoodfilm, wie in "Jenseits von Afrika" fühlen, sagt der Mann, dessen Initialen "Rovos" auf jedem Waggon stehen.

Zum Dinner sind alle Reisegäste im schicken Zwirn erschienen. Es wäre kein feiner Zug, den noblen Speisewagen nicht im Abendkleid und in Anzug mit Krawatte zu betreten. Lederstühle auf einem grünen Teppich, Art-Deco-Lampen, von Kordeln gehaltene Fenstervorhänge und Silberaccessoires auf den Tischen vereinen sich in dem Mahagonny vertäfelten Restaurant zu einem geglückten viktorianischen Stilambiente. Kellner balancieren mit der Grazie eines Jongleurs gefüllte Suppenteller durch das schlingernde Nobelrestaurant. Zu Tagliatelle mit Safran, Meeresfrüchten und spritzig-frischer Cremevariation servieren sie eine Auswahl von zwei Dutzend südafrikanischen Weinen, die jedem Sterne-Restaurant zur Ehre gereichen. Ein Glas 2008er "Kanonkop Kedette" rutscht fast von der feinen Damasttischdecke, als der Zug auf 1900 Meter Höhe die Ortschaft Heidelberg passiert.
Zwischen Häppchen und Aperitifs hatte ein sanfter Stoß verraten, dass "Anthea" jetzt einer E-Lok Platz macht. Dampfrösser seien zum Schutz der Umwelt nur auf einem 30 Kilometer langen Abschnitt nach und vor Pretoria erlaubt, erzählt Zugbegleiter Regardo, und dass der Lokwechsel im April 2010 zu einem schweren Unglück führte. Beim Abkoppeln der Waggons rollten Wagen ungebremst das hügelige Gelände herunter und prallten später auf einen Rammbock. Vier Menschen starben in dem entgleisten Horror-Train, für den Rohan Rovos sofort alle Sicherheitsstandards verschärfte.
Ra-tatam, Ra-tatam. In gleichmäßigem Trott rumpelt die Privatbahn in eine weite Linkskurve. Ein paar Kilometer weiter steht ein Signal auf Rot. Linienverkehr und scheinbar endlose Güterzüge haben auf der meistens eingleisigen Route Vorfahrt. Damit die Stopps für die wohlhabende Reiseschar keine bösen Überraschungen nach sich ziehen, sind die Wagentüren zum Schutz vor Dieben von außen nicht zu öffnen.
