• vom 08.02.2013, 13:00 Uhr

WienerJournal

Update: 08.02.2013, 13:21 Uhr

Ritter

Alles außer Stechen




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Von Mathias Ziegler

  • Wettkampf der Ritter als Sport der Gegenwart
  • Wenn Heinrich Stefan Wurzian und seine Kumpane in voller Rüstung aufeinander losgehen, folgen sie dabei festen Wettkampfregeln – und betreiben einen Sport, der schon mehr als 800 Jahre auf dem Schildbuckel hat.

Klonk! Schepper! Krach! Wie wild dreschen die beiden Kontrahenten aufeinander ein, und es hat nicht den Anschein, dass auch nur einer von ihnen dem Gegner irgendetwas schenken möchte. Angst und bange könnte einem beim Zuschauen werden – wüsste man nicht, dass es sich um Mitglieder des VgVK Wien handelt. Der Verein für gerüsteten Vollkontaktkampf Wien, so der vollständige Name, besteht aus aktuell 13 Vollmitgliedern, die sich dem Vollkontaktkampf in historischer Rüstung verschrieben haben, wobei sie meist die englische Abkürzung "HMB" ("historical medieval battles") benutzen. Was das genau heißt? "Wir kämpfen in Rüstungen, die aus historisch belegten Materialien gefertigt sind und sich auch an historischen Vorlagen orientieren", erläutert Vereinsobmann Heinrich Stefan Wurzian, den das "Wiener Journal" beim Training im Turnsaal der Wiener Volksschule Laimäckergasse 17 besucht hat. Dort halten sich die edlen Recken, deren Alter von 16 bis 48 reicht, regelmäßig fit und verfeinern ihre Kampftechniken.
Dreimal in der Woche gibt es gemeinsames mehrstündiges Training, einige absolvieren darüber hinaus fast täglich noch weitere Trainingseinheiten. Schließlich ist das, was sie hier tun, nicht nur ein Hobby, sondern auch ein ernstzunehmender Sport, bei dem es sogar eine eigene Weltmeisterschaft gibt, die sich "Battle of the Nations" nennt. Diese findet heuer Mitte Mai in Frankreich statt, 26 Nationen aus aller Welt – auch Neuseeland und die USA sind dabei – werden daran teilnehmen und dürfen bis zu 50 Kämpfer entsenden, die sich dann in verschiedenen Disziplinen im Zweikampf, aber auch in Gruppenkämpfen messen. Ein Schauspiel, das es in Mitteleuropa unter dem Namen Buhurt schon seit dem 12. Jahrhundert gibt. Damals wie heute treten die Kämpfer in voller Rüstung gegeneinander an, allerdings mit stumpfen Klingen. Und je nach Bewerb geht es entweder darum, möglichst viele Trefferpunkte zu machen oder den Gegner zu Boden zu ringen. Das wilde Tohuwabohu eines solchen Gruppenkampfes, der sich in Friedenszeiten größter Beliebtheit erfreute, ist bereits auf vielen mittelalterlichen Darstellungen festgehalten, damals gab es allerdings weitaus mehr Verletzte als heute, mitunter sogar Tote, vor allem bei der gefährlicheren Form, dem Turnei, die mitunter auch mit scharfen Waffen ausgetragen wurde. Heutige Buhurte schauen aber nicht weniger spektakulär aus: Erlaubt sind Schwertschläge, Tritte, Klammergriffe, Würfe – also so gut wie alles außer Stechen. "Das wäre zu gefährlich, deshalb ist es ebenso verboten wie gezielte Schläge direkt auf Hals, Ellbogenbeuge, Kniekehle und Füße, weil diese Körperstellen nicht gut genug geschützt werden können", meint Heinrich Wurzian.

In voller Montur.

Dabei sind die Kämpfer alles andere als schlecht geschützt. Mehrere Millimeter dick sind ihre Metallrüstungen, die vor jedem Turnier genau geprüft werden und in der Regel aus Osteuropa stammen. "Unser Lieblingsschmied sitzt in der Ukraine, der ist auch ein guter Freund von uns", sagt der Vereinsobmann, der unumwunden zugibt, dass es zwar auch in Österreich Hersteller gäbe, diese aber viel teurer sind. "Und vor allem sind sie für unsere Zwecke nicht so gut geeignet, weil sie eher für Schaukämpfe als für Vollkontaktkämpfe produzieren – und das sind zwei ganz verschiedene Paar Schuhe." Interessanterweise ist eine Vollkontaktkampf-Rüstung mit 15 bis 20 Kilo im Durchschnitt nur halb so schwer wie eine Schaukampf-Rüstung. Bei der Materialwahl ist Authentizität genauso wichtig wie Praktikabilität und Sicherheit. Selbst die unteren Schutzschichten sollten möglichst originalgetreu sein, in der Szene verpönt sind etwa Kunststoff-Schutzpanzer. "Das wäre wie Rugby mit Helm", meint Heinrich Wurzian, der seine Rüstung nach der Abbildung eines Soldaten der deutschen Hansemarine im späten 14. Jahrhundert anfertigen hat lassen. Kostenpunkt für eine Montur: ab 1500 Euro, "nach oben gibt es natürlich keine Grenze". Weil es weltweit nur knapp zwei Dutzend ernstzunehmende Hersteller gibt, die natürlich ausgelastet sind, beträgt die Wartezeit auf Rüstungsteile mehrere Wochen bis Monate. Wenn sie dann einmal da ist, will so eine Rüstung natürlich auch ordentlich gewartet werden: "Es gibt natürlich Verschleißteile, aber bei guter Wartung halten die Metallteile ewig, solange man Rost verhindert." Beulen und Abrieb im Zuge von Kämpfen lassen sich freilich nicht verhindern. Aber wie heißt es so schön: "Ein Ritter in glänzender Rüstung hat sie noch nie benutzt."

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Dokument erstellt am 2013-02-05 19:54:59
Letzte nderung am 2013-02-08 13:21:06



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