• vom 31.07.2014, 13:28 Uhr

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Update: 31.07.2014, 13:35 Uhr

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Klavier lernen – ein Selbsversuch




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Von Georg Friesenbichler

  • Der Pianist Jens Schlichting unterrichtet auch erwachsene Anfänger am Klavier.

Aller Anfang ist schwer. Wie sitzt man richtig, wie hält man die Hände...

Aller Anfang ist schwer. Wie sitzt man richtig, wie hält man die Hände...© G.Friesenbichler Aller Anfang ist schwer. Wie sitzt man richtig, wie hält man die Hände...© G.Friesenbichler

Es ist gewiss nicht die wissenschaftliche Erkenntnis über die hirnaktivierende Funktion von Musik, die sechs Menschen an diesem Frühlingsabend in den "Bösendorfer Stadtsalon" in der Wiener Innenstadt treibt. Nicht einmal der 38-jährige Arzt ist besonders an diesen medizinischen Implikationen interessiert. Seine Motivation, selbst Musik machen zu wollen, ist die Fröhlichkeit seiner Großmutter, wenn diese mit ihren 92 Jahren noch immer am Klavier sitzt. Eine zierliche Dame, die gerne klassische Konzerte besucht, hat der Umstand, dass sie in einem musikalischen Umfeld lebt, von befreundeten Pianisten angefangen bis zu ihrem komponierenden Ehemann, zum Kommen bewogen. Für eine Münchner Angestellte eines Software-Hauses war es schließlich der Stress, der sie nicht nur vom Außen- in den Innendienst wechseln ließ, sondern auch die therapeutische Wirkung des Pianospiels entdecken ließ. Weil sie dabei, wie sie sagt, ihre Klavierlehrer zur Verzweiflung bringt, sucht sie bei einem Wochenend-Kurs in Wien neue Zugänge zum Erlernen des Instruments.
Für Jens Schlichting, deutscher Musikpädagoge mit Stammsitz nahe Heidelberg, der diesen Workshop leitet, ist der Ansatz der Münchnerin keine Überraschung. Immer wieder gibt es in seinen Kursen Leute, die eine Neuorientierung suchen. Oft sind dies Angehörige der "Generation 50+",  aber die neuen Lebensphasen beschränken sich nicht auf das Alter, weshalb sich durchaus Teilnehmer ab Mitte 20 finden. Generell, glaubt Schlichting, resultiert das Interesse an seinen Kursen oft aus dem Nachdenken darüber, was man mit seinem Leben anfangen will. Eine solche Lebensänderung  kann nach dem Abschluss der Schulzeit oder des Studiums erwünscht sein, dann, wenn die Kinder "aus dem Gröbsten raus" sind, wenn man beruflich endlich in eine stabilere und überschaubare Situation gekommen ist, oder eben, wenn man in den Ruhestand kommt.
Allerdings, merkt der Musiker und Musiklehrer an, nivelliert sich der Altersunterschied in seinen Kursen sehr rasch, weil die gemeinsame Faszination im Vordergrund stehe. Freilich trägt auch der Kursleiter das Seine dazu bei, etwa, indem er allen Teilnehmern sogleich das Du-Wort anbietet. Jens, wie wir ihn also eingedenk dessen nun nennen wollen, hat sich in den Jahren, in denen er sich neben seiner Tätigkeit als Pianist mit Musikpädagogik beschäftigt hat, vor allem mit der Musikvermittlung für Erwachsene auseinander gesetzt. Denn da gibt es einige Unterschiede gegenüber dem Unterricht für Kinder. Steht bei denen oft noch das Ziel vor Augen, einen bestimmten Grad des Könnens am Instrument erreichen zu wollen, geht es den Erwachsenen eher um den Spaß an der Freud’. Und deshalb bleibt bei Jens zunächst das mühsame, oft den Zugang zur Musik verleidende, Erlernen der Notenschrift auf dem Wartegleis.
Aber zur Musik finden sich ja noch viele andere Zugänge als durch Noten: Den des simplen Nachspielens bekannter Melodien etwa, das Suchen des richtigen Tons auf der Tastatur – Erwachsene haben ja, anders als Kinder, ein immenses Repertoire an bereits Gehörtem. Aber auch der umgekehrte Weg ist spannend: Einfach einmal Tasten drücken und nachlauschen, welche Klänge da kommen und was sie mit einem machen.
Und schließlich gibt es noch das spontane Musizieren, wie es auch den persönlichen Vorlieben von Jens entspricht. Er spielt nämlich nicht nur Klassik, sondern improvisiert auch gerne, bei Jazz ebenso wie bei Live-Musik zu Stummfilmen. Bei seinen Kursen ist die Improvisation indes vor allem seinen Schülern vorbehalten. Jeder Tag – Freitagabend wird begonnen, Sonntagnachmittag aufgehört – wird damit beendet, dass Jens wiederkehrende Ostinato-Figuren auf weißen oder schwarzen Tasten spielt und die Kursteilnehmer dazu ihrer rechten Hand freien Lauf lassen. Wenn es schräg klingt, stört das niemanden. Falsche Töne gibt es ja nicht, lautet einer von Jens’ Stehsätzen, nur überraschende. Und so gibt die Improvisation das gute Gefühl, dass man doch nicht ganz unbegabt ist.

Information

Jens Schlichting ist Musiker, Komponist und Klavierpädagoge. Seine Kurse für erwachsene Anfänger und Wiedereinsteiger bietet er vor allem in seinem Klavierstudio Hirschberg nahe Heidelberg und Mannheim an, aber auch in verschiedenen Klavierhäusern, unter anderem in den Bösendorfer-Niederlassungen in Montreux und in Wien. Im Sommer gibt es außerdem für Schnupperkurs-Absolventen und andere Klavierspieler von Anfängern bis Fortgeschrittenen eine Klavierwoche in der Toskana.

www.klavier-kurse.de


Der Bösendorfer Stadtsalon, beheimatet im Gebäude des Wiener Musikvereins (Canovagasse 4), beherbergt die Flügel und Klaviere des traditionsreichen Klavierherstellers, die in der Preisklasse von mittleren bis hin zu teuren Luxusautos liegen. Das große Topmodel "Imperial" können Pianisten auch für eine Übungsstunde mieten. Besichtigen und antesten kann man aber alle Modelle Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr. Und gelegentlich bietet der Schauraum auch Platz für kleine Konzerte.

Eine solche Selbsteinschätzung gerät am letzten Tag vor der Abschlussimprovisation ein wenig ins Wanken. Da geht es nämlich darum, ein in Zweiergruppen eingeübtes kurzes Stück – der Autor dieser Zeilen war an der Wiedergabe einer vereinfachten Chopin-Mazurka beteiligt – vor den Kollegen zu Gehör zu bringen.  Aber trotz manchen Stolperers gibt es von allen freundlichen Applaus. Nicht nur hat jeder am eigenen Leib erfahren, dass das Einlernen in so kurzer Zeit ein schwieriges Unterfangen darstellt. Man hat auch schon zu einer Homogenität zusammengefunden, die keinen Konkurrenzdruck zulässt. Denn den Großteil der Zeit werden die Teilnehmer gemeinsam unterrichtet, schon wegen des Klangvolumens eines Klaviers keine Selbstverständlichkeit. Aber es gibt ohnehin  einiges, was man in der Gruppe lernen kann. Gleich zu Beginn das Klatschen, um Takt und Rhythmus zu studieren, oder die richtige Sitz- und Handhaltung; am zweiten Tag (schließlich doch) die Einführung in die Welt der Noten und ihrer Längen, oft mit überraschenden und unkonventionellen Lernmethoden und Gedächtnistricks; oder die Übungen zur Koordination zwischen linker und rechter Hand, die bekanntlich beim Klavierspielen unabhängig voneinander agieren müssen. Und die Anleitungen zu weiteren Übungen, die dann doch einzeln an den vielen Bösendorfer-Flügeln durchgeführt werden.
Ob bei diesem Kurs für erwachsene Anfänger schließlich mehr herausschaut als das Jux-"Schnupper-Diplom", das Jens am Ende überreicht, liegt natürlich an den Teilnehmern selbst, an ihrem Eifer und an der Zeit, die ihnen fürs Üben zur Verfügung steht. Reichlich Anregungen hat ihnen dieses Wochenende jedenfalls geboten.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2014
Dokument erstellt am 2014-07-31 13:30:35
Letzte Änderung am 2014-07-31 13:35:10


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