• vom 19.05.2015, 14:34 Uhr

WienerJournal

Update: 19.05.2015, 14:43 Uhr

Unsichere Zeiten




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Von Christian Hoffmann

Der Historiker Oliver Rathkolb sieht in der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Lage Europas gefährliche Parallelen zu der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Eine Generation, die Gefahr läuft, die Fehler ihrer Urgroßeltern zu wiederholen.


Ukraine: "Ich bin ein Marodeur, ich schlage und bestehle Zivilisten", steht auf dem Schild, das pro-russische Separatisten ihrem Gefangenen umgehängt haben. 
 - © Mstyslav Chernov / AP

Ukraine: "Ich bin ein Marodeur, ich schlage und bestehle Zivilisten", steht auf dem Schild, das pro-russische Separatisten ihrem Gefangenen umgehängt haben.

© Mstyslav Chernov / AP

Wiener Journal: Die Frage, die Milo Rau in der Inszenierung "The Civil Wars" aufwirft, lautet: In was für Zeiten leben wir? Angesichts der Veränderungen in der internationalen Politik und im Inneren des Landes scheint diese Frage viele Menschen zu bewegen. Was sagt der Historiker dazu?

Oliver Rathkolb: Momentan ist die Ansicht weit verbreitet, die aktuellen Probleme wären neu, die Migrationskonflikte, das Elend, wie es bei den Flüchtlingstragödien am Mittelmeer sichtbar wird, die Menschenrechtsverletzungen. Aus historischer Sicht ist die Situation aber nicht gar so neu, neu ist höchstens die Nähe der Ereignisse durch moderne Medien und Verkehrstechnik. Aber es gibt erschreckend viele Parallelen zu der Zeit zwischen 1870 und 1914, vor dem Ersten Weltkrieg. Damals wuchs der Druck von vielen Seiten, durch die Industrialisierung, den Modernisierungsschub in der Wirtschaft, die Krisen der Gründerzeit, die Probleme der Migration. Auch damals gab es eine Generation, die unter relativ ruhigen Bedingungen aufgewachsen war und eine Politik, die auf die Probleme keine wirksame Antwort geben konnte.

Information

Zur Person

Oliver Rathkolb ist Professor am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien; Sprecher des Initiativkollegs "Europäische Historische Diktaturen- und Transformationsforschung" der Universität Wien und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats für das "Haus der Europäischen Geschichte" beim Europäischen Parlament. Unter anderem Autor von "Die paradoxe Republik. Österreich 1945–2015"; Paul Zsolnay-Verlag Wien (ausgezeichnet mit dem Donauland-Sachbuchpreis Danubius und dem Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch).

Also ein Zustand der Verunsicherung?

Man spricht nicht zufällig vom Turbokapitalismus. Wir erleben eine Periode der unglaublich schnellen Veränderung in allen Lebensbereichen, ganz ähnlich der Gründerzeit. Damals wurde nach und nach die Idee sehr populär, dass man durch einen Befreiungsschlag, durch eine einzige große Aktion, die Lage zum Guten wenden könnte. Deswegen war dann 1914 die Begeisterung für den Krieg so groß, auch unter den Intellektuellen, unter denen die Kriegsgegner wie Karl Kraus oder Arthur Schnitzler ja eine winzige Minderheit blieben. Die Mehrheit hoffte wie Schönberg oder Kokoschka auf eine große Zeitenwende durch den Krieg. Heute haben wir eine Generation, die unter recht stabilen Verhältnissen aufwuchs, ähnlich ratlos einer Anhäufung von Problemen gegenübersteht und deswegen Gefahr läuft, die Fehler ihrer Urgroßeltern zu wiederholen. Man muss sich vorstellen, dass Kaiser Franz Josef die berühmte Erklärung "An meine Völker" auf Kur in Bad Ischl abgeben hat, in einem bizarren Akt der Entschleunigung. Die aktuelle Ratlosigkeit der Politik erinnert an diese Zeit. Weder die EU, noch die USA oder China sind imstande, einen effizienten Plan zu entwickeln, zum Beispiel auf Ebene der UNO, um mit den aktuellen Problemen zurecht zu kommen. Auf diesem Boden kann eine Bewegung wie die Isis stark werden.

Milo Rau zitiert aus der Vorbereitung seiner Inszenierung "The Civil Wars" den belgisch-libanesischen Politaktivisten Dyab Abou Jahjah mit den Worten: "Entweder wir finden eine gemeinsame Erzählung oder wir haben in wenigen Jahren einen Bürgerkrieg in Europa".

Wir haben hier am Institut gerade ein Symposium unter der Leitung von Gerhard Botz gehabt, das die Aufarbeitung der Traumata aus dem spanischen und aus dem österreichischen Bürgerkrieg verglich. Dabei hat man gesehen, wie unglaublich viel Zeit vergehen muss, um solche Traumata aufzuarbeiten, zwei oder drei Generationen. Allein bei der Einschätzung der Rolle von Kanzler Dollfuß in der Geschichte der Ersten Republik geraten sich heute noch, achtzig Jahre später, die Politiker in die Haare. Zwanzig Prozent neigen dazu, ihn positiv zu sehen, zwanzig Prozent sehen ihn genau umgekehrt, dem Rest ist es egal.
Die historische Lehre aus den tiefen Wunden, die solche Ereignisse zurücklassen, besteht darin, die wechselseitigen Narrative einmal ruhig zu stellen. Damit wäre schon viel erreicht. Das war ja der Fehler in Jugoslawien, dass man von oben herab eine gemeinsame Erzählung verordnen wollte: Wir waren alle Antifaschisten, haben Widerstand geleistet und bauen jetzt einen neuen Staat auf. Das hat nicht funktioniert und unter der Oberfläche sind die alten Nationalismen weitergewachsen. Die Erfahrung lehrt, dass schon viel erreicht wäre, wenn man sich einmal nüchtern mit Narrativen der anderen beschäftigt. Auch für die türkische Elite scheint es nicht möglich zu sein, zwei Schritte zurückzugehen und das Leid anderer anzuerkennen. Das Gleiche gilt übrigens für die Geschichte der Deutschen im Osten.

In was für Zeiten leben wir also?

Wir leben in unsicheren Zeiten, auch wenn das soziale und ökonomische Netz in Europa trotz der Krise von 2008 vorerst stabil geblieben ist. Ich habe erst unlängst einen Vortrag von Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker gehört, in dem er pessimistisch klang. In der Weltwirtschaft verlieren die europäischen Staaten tendenziell an Boden, die demografische Entwicklung Europas, also die Überalterung, ist ungünstig und demografische Probleme potenzieren sich in wenigen Generationen. Wenn es nicht gelingt, die europäische Integration und die Fragen der Migration zu bewältigen, dann wird Europa erdrückt. Und wenn dieser Druck zu groß wird, dann überwiegen die nationalen Interessen. Historisch hat ein solcher Druck zu der Wahnsinnsentscheidung für den Weltkrieg geführt.

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Dokument erstellt am 2015-05-19 14:37:09
Letzte ─nderung am 2015-05-19 14:43:07



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