• vom 02.04.2016, 13:32 Uhr

WienerJournal

Update: 02.04.2016, 13:40 Uhr

Wiener Prater

"Nackt müsst Ihr sein natürlich"




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Von Christa Hager

  • Abseits von Karussell und Ringelspiel wurde im Prater auch die Schaulust befriedigt. Nicht nur durch Bauwerke, Zirkus, Zauberer und Freaks, sondern auch durch Menschen von anderen Kontinenten.

Stereotype über Fremde sagen meist mehr aus über diejenigen, die sie verwenden, als über die Fremden, die damit beschrieben werden. Stereotype können sich ändern oder sich ins Gedächtnis der kollektiven Wahrnehmung einbrennen. In jedem Fall zeugen sie von geschlossenen Schranken im Umgang mit anderen Kulturen. Buffalo Bill zum Beispiel, der mit seiner Show rund um die Jahrhundertwende zwei Mal im Prater gastierte, trug mit seinen Reisen durch Europa wesentlich dazu bei, dass sich viele unter "Indianern" Menschen mit Federschmuck am Kopf vorstellen.

Wie in den meisten Großstädten Europas wurden im 19. und 20. Jahrhundert auch in Wien Menschen aus fernen Ländern zur Schau gestellt. Zu sehen waren Alltagszenen, Folklore, mitunter Akrobatik, manchmal auch mit Tieren aus den jeweiligen Ländern. Diese Schaustellungen waren aber keine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Bereits Kolumbus hatte Menschen aus der Karibik an den Hof nach Spanien gebracht, der Eroberer Hernán Cortés nahm Jongleure und Ballspieler aus Mexiko mit, und 1580 gab es ein erstes "Indianerdorf" in Frankreich. Diese Veranstaltungen waren damals noch Privileg des Adels. Erst im 19. Jahrhundert wurden Menschen von außerhalb Europas einem breiten Publikum zugänglich gemacht – ein blühendes Geschäft der neuen Unterhaltungsindustrie.

Kleinere Ausstellungen von exotischen Menschen gab es zuvor auch schon in Wien. So präsentierte zum Beispiel 1825 das Café Sperl eine Inuit-Familie mit zwei Kindern. Der Mann musste mit einem Speer auf Münzen werfen, die das Publikum in die Luft warf. Und der Hund, den die Familie mitgebracht hatte, zog einen bemannten Schlitten quer durch den Tanzsaal des Cafés. Im 19. Jahrhundert wurden die Darbietungen von fremden Menschen immer größer. Zum Teil waren sie als lebendes Museum, zum Teil als Revue geplant und zu immer umfassenderen Shows ausgebaut. Einer der einflussreichsten Veranstalter solcher Schauen war der deutsche Tierhändler Carl Hagenbeck. Er organisierte Tourneen durch Europa und machte im Prater erstmals im September 1878 mit seiner "Nubierkarawane" halt. Um seine Veranstaltungen von den Schaubuden, wo Fremde und Freaks bis dahin ausgestellt wurden, abzugrenzen, gab er seinen Menschenausstellungen den Anstrich der Wissenschaft. Programmhefte lieferten Informationen zu Land und Bräuchen, auch arbeitete er mit der anthropologischen Gesellschaft in Berlin zusammen. Die Menschen mussten sich der Wissenschaft für Vermessungen und sonstige Untersuchungen zur Verfügung stellen, sie wurden akribisch vermessen und beschrieben, von der Hautfarbe, den Haaren, Augen bis hin zu den Zehennägeln.

Was waren die Beweggründe dafür? War es rein privatwirtschaftliches Kalkül oder Unterstützung der imperialen Kolonialpolitik? Wohl beides. Auch wenn man dem Deutschen Hagenbeck nicht vorwerfen kann, mit seinen Schaustellungen die österreichischen kolonialen Bestrebungen in Afrika direkt unterstützt zu haben, so förderten er, wie alle anderen Völkerschaubetreiber auch, stereotype Bilder vom Wilden, vom Exoten. Gängige rassistische Lehren aus der Anthropologie wurden auf diesem Weg populär und zementierten hierarchische Verhältnisse:Die Anderen wurden als unterlegen dargestellt und dienten zur Legitimation von Ausbeutung und Demütigung.Durch die Auffassung, die Afrikaner seien primitiv und am Anfang ihrer geschichtlichen Laufbahn stehend, galten sie als Rohmaterial, das nach europäischem Vorbild geprägt werden sollte. Die Europäer sahen sich an der Spitze der Menschheit, die sogenannten "Naturvölker" als Vorstufe der Zivilisation.

Der Aschanti-Marsch

Nicht zufällig fanden Hagenbecks Menschenschauen in der Rotunde statt. Das kolossale Bauwerk war die perfekte Kulisse, um den Unterschied zwischen den kulturellen Errungenschaften derZivilisation und der – angenommenen – zurückgebliebenen indigenen Primitivität herzuzeigen. So hatte auch bereits die Weltausstellung 1873 zur ideologischen Ausrichtung der boomenden Schaustellungen beigetragen: Denn im Unterschied zu den vorhergehenden Weltausstellungen stand damals in Wien nicht der industrielle Fortschritt im Zentrum, sondern es wurde "Kultur" präsentiert: Eine ägyptische Moschee gab es etwa, eine japanische Gartenanlage, ein Indianerwigwam, ein türkisches Kaffehaus sowie einen "Unterrichtspavillon" aus Deutschland.

Andere Orte der anthropologischen Spektakel gab es im Prater in der 1895 gegründeten Vergnügungsstadt "Venedig in Wien" (die heutige Kaiserwiese), in verschiedenen Lokalen im und um den Wurstelprater, im Zirkus Zentral am heutigen Gabor-Steiner-Weg. Der Zoo am Schüttel (heute das Wohngebiet um die Vivariumstraße) wiederum organisierte unter anderem 1886 und 1887 das Aschantidorf, das in der Mitte des Tierparks Menschen aus dem westafrikanischen Königreich einzäunte und ausstellt – 1886 waren es rund 80, im darauffolgenden Jahr dann mehr als 100 Frauen, Kinder und Männer. Die Besucher sollten damit zugleich unterhalten, belehrt und anregt werden, indem sie einen vermeintlich authentischen Einblick in das Leben "exotischer" Völker bekamen. Eine für den damaligen Prater typische vergnügliche Wissensvermittlung.

"Im Wiener Thiergarten sind gestern exotische Gäste eingelangt: eine aus etwa 70 Individuen zusammengesetzte Schar von Aschanti-Negern, die in kleinen, zerstreut angebrachten Holzhütten wohnen und in luftigen Zelten ihr kärgliches Mahl auf die primitivste Art sich selbst bereiten. Die Leute leben hier fast so ungezwungen wie in ihrer afrikanischen Urheimat. Das Wetter war heute Abends, als geladene Gäste sich einfanden, den Productionen der Aschanti nicht hold, weshalb diese keine Kriegstänze und nationalen Spiele ausführen konnten; die Besucher mußten sich damit begnügen, den Aschanti-Weibern bei ihren friedlichen Hantirungen in der freiliegenden Küche und den an den Thüren stehenden Aschanti-Männern beim Zigarretten-Rauchen zuzusehen", konnte man im August 1876 in der "Wiener Zeitung" lesen.

Dieser "Menschenzoo" war ein visuelles Spektakel, ein kommerzielles Schauspiel in zwei Teilen, bestehend aus dem Einblick ins Private, der die Menschen beim Kochen, Essen, Frisieren, Handwerken, Lernen zeigte, und andererseits aus der Darbietung von angeblicher Tradition durch Tänze, Musik, Gesang.

Die Schau war auch dahingehend besonders, da sie sich über mehrere Monate, von Mai bis Oktober hinzog. Angebliche, vorgestellte oder tatsächliche sexuelle Beziehungen zwischen den vorübergehenden Bewohnern des Praters und den Wiener und Wienerinnen, Ausflüge, Opernbesuche und Tanzveranstaltungen oder eine öffentliche Bekleidungsshow am Stephansplatz sorgten dafür, dass in der Öffentlichkeit das Interesse an den Fremden nicht abflaute. Neue Überraschungen waren immer gut, Tratsch und Klatsch kam da nur recht, es wurde keine Gelegenheit ausgelassen: Sogar das Begräbnis eines der Dorfbewohners, der an einer Lungenentzündung verstorben war, wurde medial ausgeschlachtet. Darüber hinaus hielten auch später noch Lieder wie der "Aschanti-Marsch" oder So a Aschanti Gigerl möchte i sein (Carl Lorens) die Stereotype der Aschanti am Leben, wenngleich damit auch Frauen und Jugendliche der Arbeiterklasse besungen wurden. Denn den Afrikanern zugeschrieben Eigenschaften wurden häufig auch auf die Proletarier übertragen, indem sie als nicht gesellschaftsfähig, von der bürgerlichen Norm abweichend und unzivilisiert beschrieben wurden.

Die zur Schau gestellten Menschen wurden im Prater nicht nur unterschiedlich inszeniert, sie waren auch sehr unterschiedlich. Zwar sollten den Praterbesuchern die Vielfalt menschlicher Gesellschaften vorgeführt werden, tatsächlich aber blieb diese auf der Strecke, indem eine Gruppe an Menschen stellvertretend für einen ganzen Kontinent herhalten musste. Auf den wenigen Bildern von den Aschanti im Prater wird deutlich: Die Menschen sind schemenhaft dargestellt, nicht als Individuen. Während sie halbnackt mit einem Tuch bekleidet und barfuß gezeigt werden, flanieren die elegant bekleideten Besucher samt Hut und Sonnenschirm an ihren Hütten vorbei. Auch weißman bis heute nicht genau, ob die für die Schau zusammengesuchte Gruppe von Menschen wirklich aus dem ehemaligen westafrikanischen Königreich kam. Vielleicht kamen die Menschen gar aus Europa selbst und waren Profis in der Darstellung europäischer Wünsche?

"Quite foolish"

Von den Betroffenen sind keine Überlieferungen bekannt, ihre Beweggründe, mit den Veranstaltern nach Europa zu reisen oder was sie von Europa gehalten hatten, kennt man nicht. Meistens wurden sie vor Ort ausgesucht und für einen bestimmten Zeitraum unter Vertrag genommen. Wie viel sie bezahlt bekamen, auch darüber gibt es keine Informationen. Fest steht, dass die meisten Menschen wohl keine Vorstellung davon gehabt haben, welche Strapazen sie erwarten würde. Und dass sie Widerstand leisteten, in Form von schlechten Darbietungen oder körperlicher Abwehr bei zudringlichen Besuchern.

Eine gewisse Vorstellung darüber, was die Menschen dort gefühlt haben mochten, wie sie ihre Demütigung ertrugen, womit sie sich einrichteten und was es hieß, in diesen nachgebauten Dörfern zu leben, geben Peter Altenbergs Skizzen über seine Besuche im Aschanti-Dorf. "Wilde müssen wir vorstellen, Herr, Afrikaner. Ganz närrisch ist es. In Afrika können wir so nicht sein. Alle würden lachen. Wien, men of the bush. Ja. diese.In solchen Hütten wohnt niemand. Für dogs ist es bei uns. Quite foolish. Man wünscht es, dass wir Thiere vorstellen. Wie meinen Sie Herr?! Der Clark sagt: He, solche wie in Europa gibt es genug. Wozu braucht man Euch?! Nackt müsst Ihr sein natürlich."

Altenberg war 1887 selbst eifriger Besucher des Dorfes und kritisierte die kommerzielle Vermarktung, die moralische Zulässigkeit der Schaustellungen, hinterfragte die Brauchtumsvorführungen, erkannte in den Tanzszenen einstudierte Nummern und brandmarkte das Dorf als Herabwürdigung einer fremden Kultur. Gleichzeitig aber war er fasziniert von den dort lebenden Menschen, v.a. von den jungen Frauen. Vor allem schätze er an ihnen, dass sie so ganz anders waren als die Bürgerinnen Wiens: weder eingezwängt in ein Korsett, noch überheblich und prüde. Sondern frei und ungezwungen, eingehüllt in bunte Tücher. Indem er die Ashanti als Blaupause für seine Gesellschaftskritik verwendete, verklärte er gleichzeitig ihre Lebensformen, nannte sie Paradies-Menschen.

Spätestens ab den 1930er Jahren gingen diese Menschenschauen zurück. Die Faszination verebbte, vor allem aufgrund anderer Möglichkeiten, Exotik zur Schau zur stellen und zu konsumieren: Sei es durch den Film, sei es durch den aufkommenden Tourismus. Die Schauen als Produkt ihrer Zeit zu sehen, ist daher zu kurz gegriffen. Bereits damals gab es Kritik, wenngleich mit Seltenheitswert. So prangerte zum Beispiel der Schriftsteller Fritz Mauthner die Entrechtung und Abhängigkeit der zur Schau Gestellten an, Rainer Maria Rilke überkam bei den Völkerschauen in Paris ein "unüberwindliches Gefühl der Beklommenheit". Und Karl Kraus ließ 1916 in seiner Zeitschrift "Die Fackel" einen schwarzen Wiener Taxifahrer sprechen. Auf seine Frage, wie ihm das Leben ihn Wien angesichts der vielen rassistischen Anfeindungen durch die Bevölkerung denn gefalle, "antwortet, die Achsel zuckend, dieser Schwarze im reinsten Deutsch: ‚Ach, die Wiener haben eben keine Kultur‘."

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Dokument erstellt am 2016-04-02 13:36:10
Letzte nderung am 2016-04-02 13:40:24



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