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  • vom 03.09.2016, 14:03 Uhr

WienerJournal

Update: 08.09.2016, 18:22 Uhr

Crowdwork

Schuften in der Datenwolke




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Von Julia Mathe

  • Über das Internet Geld verdienen: Klingt gut, ist aber mitunter ein hartes Geschäft. Crowdwork illustriert, wie die Zukunft des Arbeitens aussehen könnte. Eine Spurensuche.

Über Crowdworkingportale können Unternehmen spontan und günstig Großprojekte abwickeln, ohne ihr Personal aufzustocken. - © Wiener Zeitung, Fotolia

Über Crowdworkingportale können Unternehmen spontan und günstig Großprojekte abwickeln, ohne ihr Personal aufzustocken. © Wiener Zeitung, Fotolia

Hochfahren, einloggen, Geld verdienen. "Tasche Clara besticht durch ihren eleganten Charme und ausgezeichnete Lederqualität", tippt Markus. 290 Wörter muss er noch schreiben, dann ist er 2,50 Euro reicher. Er kann arbeiten, wann und wo er will. Während andere auf dem Weg zur Arbeit im Stau stehen, wächst das Guthaben auf seinem Bildschirm.

3065 andere User sind gleichzeitig mit Markus auf der deutschen Plattform "Clickworker" aktiv. Kollegen quasi. Kollegen, die über die Erdkugel verstreut in die Tasten klopfen. Kollegen, die Markus nie zu Gesicht bekommen wird. Sie erledigen einfache Internetrecherchen, beschriften Bilder, beschreiben Produkte oder beantworten Umfragen. Meist sind es kognitiv anspruchslose, eintönige Aufgaben, die man "Microtasks" nennt: Zu komplex, um automatisiert zu werden; zu zeitaufwändig für die Angestellten mancher Unternehmen.

Die deutsche Küchenfirma Kiveda ist so ein Unternehmen. Für ihren Online-Auftritt benötigte sie Küchenbeschreibungen, die bestimmte Schlagwörter enthalten müssen, um von Suchmaschinen gefunden zu werden. Dazu hat sie Clickworker mit einem Großprojekt beauftragt. Clickworker zerlegte das Projekt in Hunderte oder Tausende Kleinstaufträge, ließ diese von Leuten wie Markus erledigen und baute das Puzzle für Kiveda wieder zusammen. So können Unternehmen spontan und günstig Großprojekte abwickeln, ohne ihr Personal aufzustocken - oder eine Schar freie Dienstnehmer anzuheuern.

Nicht nur Microtasks, nahezu alles wird mittlerweile an die Crowd ausgelagert: Übersetzungen, Softwarelösungen, Taxifahrten, Reinigungsdienste. Die vermittelnden Plattformen gehören zur Crowdsourcing-Branche. Vor wenigen Jahren noch ein Nischenphänomen, ist sie in beeindruckender Geschwindigkeit zu einem millionenschweren Geschäft angewachsen. Die Zahlen lassen vermuten, dass sich diese Form der Arbeitsorganisation großflächig durchsetzen könnte: Dem deutschen Digitalverband "bitkom" zufolge gibt es weltweit etwa 2.000 Crowdsourcing-Plattformen – und die Anzahl der Beschäftigten verdoppelt sich jährlich, schätzen Brancheninsider. Alleine auf Clickworker, dem europäischen Marktführer für Microtasking, sind 800.000 Personen registriert; davon 19.000 in Österreich, 150.000 in Deutschland. Sie sind eine heterogene Gruppe tendenziell junger, online-affiner Frauen und Männer, die sich über das Portal ihr Budget aufbessern. Eine Win-win-Situation? Wohl kaum.

Dem Lohn auf der Spur

Das System gegenseitiger Kontrolle setzt unter Druck. Man lässt sich anstecken und wird selbst immer pedantischer", sagt Markus, der anonym bleiben will.

Das System gegenseitiger Kontrolle setzt unter Druck. Man lässt sich anstecken und wird selbst immer pedantischer", sagt Markus, der anonym bleiben will.© Barbara Wenz Das System gegenseitiger Kontrolle setzt unter Druck. Man lässt sich anstecken und wird selbst immer pedantischer", sagt Markus, der anonym bleiben will.© Barbara Wenz

"Über einen Stundenlohn von fünf Euro kommst du nicht hinaus. Das ist unmöglich", sagt Markus und rührt seinen Espresso um. Der Student in den Mittzwanzigern, Turnschuhen und ungebügeltem Shirt möchte seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen. Über Jahre hinweg hat er sich als sogenannter Crowdworker Geld dazuverdient – "aus der Not heraus", wenn er gerade keinen anderen Gelegenheitsjob hatte. Wie viele Texte er geschrieben hat, weiß er längst nicht mehr. Meist ging es um Taschen oder Uhren, deren herausragende Produktmerkmale es anzupreisen galt. Wenn er richtig gut war, hat er fünf Euro pro Stunde verdient. Wenn er es lockerer genommen hat, drei oder vier.

Die Schilderungen von Christian Rozsenich haben mit Markus‘ Erfahrungen wenig gemein. Er ist der Geschäftsführer von Clickworker und sagt, die Honorare der Plattform orientieren sich an den Mindestlöhnen der jeweiligen Länder. In Deutschland sind das derzeit 8,60 Euro pro Stunde. "Für Österreich hatten wir bisher keine separaten Projekte. Wenn wir Projekte für den gesamten deutschsprachigen Raum freigeben, setzen wir einen für deutsche Clickworker akzeptablen Lohn an, der in der Regel über dem deutschen Mindestlohn liegt", erklärt er. Standortunabhängige, simple Tätigkeiten werden oft ins günstige Ausland ausgelagert, etwa nach Indien. Da pro Auftrag und nicht pro Stunde bezahlt wird, muss Clickworker den Zeitaufwand schätzen, bevor das Honorar berechnet werden kann: "Wir testen zuerst intern, wie lange man für eine Aufgabe braucht, wenn man eingearbeitet ist. Wenn wir dann sehen, dass die Clickworker länger oder kürzer brauchen, justieren wir nach."

Sandra war eingearbeitet. 2013, als sie drei bis vier Stunden täglich Marketingtexte für Clickworker getippt hat. Ihr Stundenlohn lag damals "sehr deutlich unter fünf Euro", sagt die Buchhändlerin um die 40, die ebenfalls anonym bleiben möchte. Inzwischen sei die Bezahlung zwar etwas besser, sagt Markus, doch vom Mindestlohn könne er weiterhin nur träumen. Er zählt sich zur Elite der Crowd - des unsichtbaren Schwarms, der sich scheinbar losgelöst von Raum und Zeit durch die Aufträge klickt. Er hat sich hochgearbeitet: Einstufungstests absolviert und so viele positive Bewertungen für seine Texte gesammelt, bis sein Ranking am oberen Ende kratzte. Das ist wichtig, denn umso besser das Ranking, desto anspruchsvoller und lukrativer die Aufträge. Wie bei einem Computerspiel.

Selbst die Bewertung ist an die Crowd ausgelagert: Zwei Crowdworker korrigieren unabhängig voneinander Markus‘ Text und nehmen damit auf sein Ranking Einfluss. Miteinander kommunizieren kann man dabei nicht. "Dieses System der gegenseitigen Kontrolle setzt unter Druck. Man lässt sich anstecken und korrigiert selbst immer pedantischer", sagt Markus. Er fühlt sich schuldig, wenn er die Arbeiten anonymer Kollegen schlecht bewertet oder gar ablehnt. Dann fallen diese um ihr Honorar um. Lässt er aber schlechte Arbeiten aus Gutmütigkeit durchgehen, setzt er sein eigenes Rating aufs Spiel.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-09-02 12:20:27
Letzte ─nderung am 2016-09-08 18:22:01



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