• vom 03.10.2016, 17:10 Uhr

WienerJournal


Fitness

Drum prüfe, wer sich täglich schindet




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Von Mathias Ziegler

  • Fitnesscenter boomen. Doch falsch ausgeübtes Krafttraining kann dem Körper Schaden zufügen.

- © Getty Images / Assembly

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Fast die Hälfte der Bevölkerung ist laut einer Statista.de-Studie zumindest mäßig am Thema Gesundheit und Fitness interessiert, ein Viertel sogar sehr. Dementsprechend boomen Fitnesscenter, und auch die Nachfrage nach Personal Trainern wächst. Parallel dazu tauchen immer neue Fitnesstrends auf, die oft fantastische Ergebnisse in möglichst kurzer Zeit versprechen – und vielleicht gerade deswegen kritisch zu hinterfragen sind. Doch selbst wenn sie am Ende nicht halten, was sie versprechen: "Alles ist besser, als gar nichts zu tun. Weil sowieso viele Leute viel zu wenig Bewegung machen", meint dazu Pascal Bauer, Personal Trainer bei U-Sports (www.u-sports.at) und wissenschaftlicher Forschungsmitarbeiter der Abteilung Trainingswissenschaft der Universität Wien. Als solcher hat er sich mit zahlreichen Fitnesstrends beschäftigt und stellt im Gespräch mit dem "Wiener Journal" zum Thema Sportverletzungen klar: "Es ist wichtig, den Leuten nicht zu viel Angst zu machen. Natürlich kann man sich auch etwas kaputt machen, wenn man falsch trainiert. Aber mit Maß und Ziel und der richtigen Anleitungkann man auch erstklassige Resultate erzielen."

Das gilt auch für so umstrittene Fitnesstrends wie die Vibrationsplatten von Power Plate und anderen Marken, die in den vergangenen Jahren einen regelrechten Hype erlebt haben, "der allerdings jetzt schon wieder im Abflauen begriffen ist", wie Bauer feststellt. Und wie jeder Hype haben auch die Vibrationsplatten, auf denen man Kniebeugen, Liegestütz, Dips und vieles mehr machen kann, ihre erklärten Befürworter und Gegner. Während etwa das deutsche Fußball-Nationalteam vor einigen Jahren werbewirksam damit trainierte, meinte der mittlerweile emeritierte Sportprofessor Dietmar Schmidtbleicher, einer der renommiertesten Krafttrainingsexperten, einmal süffisant: "Die Power Plate ist dann sinnvoll eingesetzt, wenn man sie sich auf den Rücken schnallt und damit Kniebeugen macht."

Information

Buchtipp
Werner Bartens:
Verletzt, verkorkst, verheizt
Droemer Verlag, 240 Seiten,
15,50 Euro

"Keine physiologischen Wunderwerke" bei der Power Plate

So drastisch würde es Fitnessexperte Bauer nicht formulieren, denn: "Power Plate & Co. wurden auch in der Wissenschaft ziemlich gehypt und haben auch durchaus ihre Berechtigung, wenn man sie richtig einsetzt. Je nachdem, wie man sich dabei belastet und wie oft man damit trainiert, kann man auch ganz gute Ergebnisse damit erzielen – aber dass es jetzt irgendwelche ganz speziellen Zusatzleistungen bringt, wie es oft verkauft wird, ist sicher nicht ganz korrekt." Im Prinzip macht man auf der Platte normale Trainingsübungen, nur dass eben die Vibration verstärkende Wirkung hat. "Es stecken jedenfalls keine physiologischen Wunderwerke dahinter."

Mit Kieser wird der Körper zwar effektiv trainiert, aber trotzdem geschont.

Mit Kieser wird der Körper zwar effektiv trainiert, aber trotzdem geschont.© Kieser Training/Michael Ingenweyen Mit Kieser wird der Körper zwar effektiv trainiert, aber trotzdem geschont.© Kieser Training/Michael Ingenweyen

Gefährlich wäre das Vibrationstraining für Schwangere, Patienten mit Herzschrittmacher und Epileptiker. Auch Kindern und Bandscheibenpatienten wird von vielen Sportmedizinern davon abgeraten. Bei künstlichen Gelenken streitet die Wissenschaft noch darüber, ob sich diese durch regelmäßiges Vibrationstraining lockern können. "Auf jeden Fall braucht man eine ordentliche Einführung durch einen Trainer", sagt Bauer, der zugleich betont: "Das Risiko, dass sich jemand auf einer solchen Platte tatsächlich ernsthaft verletzt, ist geringer als das Risiko, wenn er gar nichts tut." Zumal Krafttraining neben dem Muskelaufbau beziehungsweise dem Fettabbau auch noch andere positive Effekte haben kann: Laut einer Studie an der University of Georgia macht Krafttraining mutiger, stärkt das Immunsystem, hilft beim Stressabbau, sorgt für besseren Schlaf und kann auch Depressionen entgegenwirken. Und laut einer Studie des Instituts für Sportwissenschaften der Universität Wien bringt der Volkssport auch dem Gesundheitssystem mehr als er kostet: Durch sportliche Aktivitäten wurden im Jahr 2013 rund 712 Millionen Euro netto an Krankheitskosten vermieden. 1998 betrugen die Einsparung 265 Millionen, also etwa ein Drittel des Betrages von 2013. Die Studienautoren um Otmar Weiß, Leiter der Abteilung Sportsoziologie, begründen die beinahe Verdreifachung der Einsparungen im Wesentlichen damit, dass in den vergangenen 15 Jahren die Kosten für die Behandlung von Zivilisationskrankheiten (Bewegungsmangelkrankheiten) enorm gestiegen sind.

Kieser-Training: Effektiv, aber schonend

Beim Krafttraining reicht jedenfalls der Bogen vom ruhigen Kieser-Training bis zum harten CrossFit. Und während die einen simple Kurzhanteln benutzen, schwören andere auf sogenannte Kettlebells (Kugelhanteln), wieder andere erklären überhaupt "Fit ohne Geräte" zur Trainingsmaxime oder setzen auf Elektromuskelstimulation (EMS). Auch über die Vor- und Nachteile von Ein-Satz- und Mehr-Satz-Training wird oft kontrovers diskutiert. Für den untrainierten Laien sind das freilich eher akademische Fragen. "Speziell bei Trainingsanfängern ist die Zahl der Durchgänge nicht entscheidend", meint Bauer. "Beim Kieser-Training zum Beispiel kann gerade bei der typischen Zielgruppe von 40, 50 plus mit Ein-Satz-Training sehr effektiv gearbeitet werden. Mit diesem einen Satz trainiert man bei Kieser-Training bis zur lokalen Erschöpfung des Muskels. Nicht die Wiederholung macht den Muskel stark, sondern der entsprechend intensive Trainingsreiz und genügend Regenerationszeit. "Training ist ja immer ein Spiel zwischen Belastung und Erholung." Grundsätzlich bietet das Kieser-Training aus Bauers Sicht "eine sichere und auch sehr spezielle Atmosphäre, oft mit einer guten Betreuung durch das Personal, das in der Regel gut ausgebildet ist", meint Bauer. "Und gesundheitliche Gefahren gibt es hier kaum, weil die Maschinen die Bewegung vorgeben." Laut den Kieser-Experten macht genau das das Training nicht nur sicher, sondern auch effektiv.

Ärzte raten dringend davon ab, Jugendliche mit Gewichten trainieren zu lassen.

Ärzte raten dringend davon ab, Jugendliche mit Gewichten trainieren zu lassen.© Getty Images Ärzte raten dringend davon ab, Jugendliche mit Gewichten trainieren zu lassen.© Getty Images

Das andere Extrem ist CrossFit: "Die Philosophie dahinter sind sehr komplexe Bewegungen in einem hohen Intensitätsbereich. Das birgt natürlich einen höheren Effekt, aber eben auch ein höheres Risiko, speziell wenn man Vorbeschwerden hat. Aber wenn man einen gut ausgebildeten Trainer hat und keinen mit einem Wochenend-Diplom, ist das Risiko auch schon wieder geringer." Beide Ansätze haben jedenfalls ihre Berechtigung für die jeweiligen Zielgruppen – und in der Regel werden bei richtiger Anwendung auch die geweckten Erwartungen erfüllt. Wer hingegen mit Yoga oder Pilates abnehmen oder Muskeln formen will, den warnt Bauer: "Die Übungen sind super für die Beweglichkeit und die Körperkontrolle, und die Atemtechniken sind vor allem für gestresste Büromenschen gut, auch für Männer. Aber man muss schon sagen, dass diese Trainingsformen aufgrund der geringen metabolischen Belastung nicht so viel Output generieren. Da werden so wenige Muskeln aktiviert, dass man nicht so große Sprünge damit machen wird, wenn man nicht nebenher auch zum Beispiel Lauftraining macht oder einfach weniger isst."

Prinzipiell dürfte jeder ohne Vorbildung Fitnesstrainer ausbilden

Die Fitnessbranche boomt jedenfalls. Und generell sieht Bauer den Trend, dass Personal Trainer nicht mehr nur von Promis gebucht werden, sondern sich auch immer mehr Durchschnittsbürger einen Fitnesscoach leisten, "nicht nur im Fitnesscenter, sondern auch privat." Wichtig ist dabei, dass dieser entsprechend ausgebildet ist. Doch gerade in der Trainerausbildung wird zum Teil viel Schindluder getrieben. Denn es gibt zwar mehrere absolut seriöse Ausbildungsmöglichkeiten: zum Beispiel die Fitnesstrainerlehre über den normalen Landesschulbetrieb, die staatlich anerkannten Sportlehrer-, Instruktoren- und Trainerausbildungen an den Bundessportakademien (www.bspa.at), Fortbildungen durch die Bundessportorganisation (www.bso.or.at) oder die Ausbildungen zu sportwissenschaftlichen Beratern an den Universitäten. Aber: "Leider kann in Österreich praktisch jeder Trainerausbildungen anbieten und Diplome vergeben", sagt Hermann Wallner, Direktor der Bundessportakademie Wien. "Es gibt zahlreiche private Anbieter und einen Wildwuchs an Ausbildungen ohne Qualitätskontrolle. Jeder kann sich als Fitnesstrainer, Diplomtrainer oder ähnliches bezeichnen, ohne einen Nachweis über die Länge und Qualität seiner Ausbildung nachweisen zu müssen." Das ärgert auch Bauer: "Es ist eigentlich ein Wahnsinn, was da passiert. Dass das nicht reglementiert ist, dürfte eigentlich nicht sein." Denn die Trainingsplanerstellung ist ein freies Gewerbe. "Selbst als Friseur muss ich eine Meisterprüfung ablegen, wenn ich meinen eigenen Salon eröffnen und den Leuten die Haare schneiden will. Aber wenn ich bei jemandem am Körper herumtun will, auch mit Geräten, brauche ich keine Lizenz dazu. Das ist schon pervers."

Liegestütze sind effektiv - falsch ausgeführt können sie aber dem Körper schaden.

Liegestütze sind effektiv - falsch ausgeführt können sie aber dem Körper schaden.© Getty Images/Blend Images Liegestütze sind effektiv - falsch ausgeführt können sie aber dem Körper schaden.© Getty Images/Blend Images

Und so gibt es etliche Wald- und Wiesen-Wochenendseminare für Möchtegern-Fitnesstrainer, die mit der Ausbildung etwa an den Bundessportakademien nicht einmal annähernd vergleichbar sind. Denn dort fungieren Trainer, die erfolgreich im Breiten- oder Spitzensport aktiv sind, als Ausbildner. "In allen Dach- und Fachverbänden in Österreich sind fast ausschließlich Absolventen der Bundessportakademien tätig", erklärt Wallner stolz. "Und in den Vereinen von UNION, ASKÖ und ASVÖ werden zigtausende Fitnesssportler – und zwar wesentlich mehr als in allen Fitnessstudios in ganz Österreich – von Absolventen der Bundessportakademien bestens betreut."

Junge Talente nicht verheizen

Das Problem ist aber kein österreichspezifisches. Mit dem Problem schlecht ausgebildeter Trainer hat sich auch der deutsche Mediziner und "Süddeutsche Zeitung"-Journalist Werner Bartens befasst. In seinem soeben erschienen Buch "Verletzt – Verkorkst – Verheizt" zieht er eine erschreckende Bilanz zum Thema Sportlerbetreuung. "Im Breitensport ist es noch schlimmer als im Spitzen- und Leistungssport", sagt er im Gespräch mit dem "Wiener Journal". Im Breitensport, und dort vor allem im Jugendbereich, sieht er die größte Gefahr darin, dass ehrenamtliche Trainer im Einsatz sind, die es zwar gut meinen, aber nicht gut machen, weil sie keine adäquate Ausbildung haben. "Da reicht es zu sagen: Ich hab selber zehn Jahre lang gekickt, und jetzt mach ich es als Jugendtrainer so, wie es schon damals bei uns im Jugendtraining gemacht wurde. Wenn man Glück hat, steht dann das Spielerische im Vordergrund, und die Trainer übertreiben es nicht. Aber wenn man Pech hat, tragen falscher Ehrgeiz von Trainern, Eltern und auch Spielern zu teilweise sogar gefährlichem Training bei, das erhebliche gesundheitliche Folgen haben kann."

Besonders bei talentierten Kindern warnt Bartens, dass sie frühzeitig verheizt werden könnten. "Ich habe auf sehr vielen Ebenen beobachtet, sowohl bei den Vereinen meiner Kinder als auch bei mir selbst, dass gerade die Guten und Talentierten mit 15, 16 Jahren schon Knorpelschäden oder kaputte Rücken hatten, bei der Bundeswehr ausgemustert wurden oder gar sehr früh Sportinvaliden waren. Also die, die zwar gut sind, aber es dann doch nicht in die Auswahl eines richtig professionellen großen Sportvereins schaffen. Bei einem Bundesligaklub zum Beispiel ist man dann ja doch wieder unter dem Schirm einer sportmedizinischen Betreuung und Überwachung, mit Trainern, die entsprechende Lehrgänge absolvieren." Zwar sieht er im Profi- und Leistungssport dann wieder andere Gefahren, von Doping bis zum Fitspritzen von verletzten Spielern, "aber insgesamt ist man dort sicher besser betreut als in einem Dorfverein oder in den unteren Ligen."



Fußball, Handball, Basketball, Volleyball, Ski, Tennis, Squash – das sind die häufigsten Sportarten und auch die riskantesten. In den Randsportarten sieht der Mediziner geringere Probleme, weil es im Verhältniszu den Aktiven mehr Trainer gibt, die wirklich eine Ahnung von der Materie haben. Bartens erinnert daran, dass Jürgen Klinsmann seinerzeit als DFB-Trainer ausgelacht wurde, als er sich die Hilfe von Hockey- und Leichtathletik-Experten holte. "Da hieß es noch in Fußballerkreisen: ‚Hör mir doch auf mit den Gummibändern, was soll denn das für ein Training sein?‘ Aber gerade im Hockey war man damals schon viel weiter, zum Beispiel was Koordinations- und Stabilisierungsübungen betrifft, mit denen man bis zu 70 oder 80 Prozent der Sportverletzungen verhindern kann." Gerade Fußballer hat er oft als sehr beratungsresistent erlebt, nach dem Motto: "Das haben wir schon immer so gemacht."

Lieber schlechter Sport als gar keiner

Oft fehlt also die Bereitschaft, sich weiterzubilden. Dabei gibt es mittlerweile sogar Online-Lehrgänge der Sportverbände, in denen man erfährt, welche Übungen für verschiedene Altersstufen sinnvoll sind – und welche gefährlich. Vor Krafttraining mit Gewichten bei Jugendlichen zum Beispiel warnen so gut wie alle Sportmediziner. "Das belegen auch zahlreiche Studien, dass Kinder und auch Jugendliche ausschließlich mit dem eigenen Körpergewicht oder allenfalls mit einem Besenstiel trainieren sollten. Da wird ansonsten so viel falsch gemacht, mit zu schweren Gewichten oder zu vielen Wiederholungen." Dabei ist es ja oft gerade bei den Heranwachsenden oft deren ganzer Stolz, wenn die Oberarme anschwellen und das Sixpack herauskommt. "Das war mir vor den Recherchen für mein Buch selbst gar nicht so klar, wie gefährlich das Krafttraining hier sein kann", gesteht Bartens. Selbst mit den guten alten Kniebeugen und Liegestützen kann man viel kaputt machen, wenn man sie falsch macht. Dabei werden diese in vielen Vereinen immer noch als Strafmaßnahme eingesetzt, wenn der Nachwuchs sich daneben benimmt. "Und damit ruiniert man dann womöglich erst recht die Gelenke der Jugendlichen, wenn sie mehrmals in der Woche 20 bis 40 Stück runterreißen müssen." Was Bartens noch aufgefallen ist: Gerade in Ballsportarten können viele Kinder und Jugendliche in den Vereinen nicht ordentlich laufen. "Sie haben keine physiologische normale Lauftechnik oder auch eine schädigende Wurftechnik."

Alles steht und fällt also mit einem guten Trainer. Auch bei den Erwachsenen. Deshalb warnt der Mediziner auch dringend davon ab, schweres Krafttraining ohne entsprechende Betreuung auszuüben: "Wenn man einen guten Trainer hat, der einen langsam heranführt, kann das den Körper sicher unglaublich stählen. Aber in der Praxis sind es halt häufig zu schwere Gewichte, zu große Belastungen für Gelenke und Knochen. Der Körper braucht ein halbes Jahr oder Jahr, bis er sich daran gewöhnt hat – aber diese Zeit wollen sich viele heute in unserer schnelllebigen Gesellschaft, die auf kurzfristige Erfolge setzt, nicht nehmen." Auch der Personal Trainer Bauer versucht mit seinen Kollegen bei U-Sports von dem Gedanken an rasche Trainingserfolge wegzukommen: "Es geht uns um ein langfristiges Konzept. Das verkauft sich vielleicht nicht so gut wie andere Trends, aber es ist vertretbarer." Und er betont noch einmal: Die Vorteile körperlicher Aktivität überwiegen in jedem Fall die Nachteile."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-09-23 09:55:42
Letzte nderung am 2016-10-03 17:05:32



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