• vom 25.09.2016, 15:00 Uhr

WienerJournal


Harzgebirge

Zu Gast am Hexenberg




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Von Stefan May

  • Im Harz scheint die Zeit still zu stehen. Nostalgie wird hier, vor allem in Sachen Eisenbahn und Fachwerkbauten, groß geschrieben.

Schloss Wernigerode wird auch das "Neuschwanstein des Hatzes" genannt.

Schloss Wernigerode wird auch das "Neuschwanstein des Hatzes" genannt.© Jürgen Meusel Schloss Wernigerode wird auch das "Neuschwanstein des Hatzes" genannt.© Jürgen Meusel

Plötzlich steht er da, hebt sich aus dem Grün der Wälder ringsum. Ein kahler Buckel mit einem Sendemast und zwei Gebäuden darauf: der Brocken, Goethes Blocksberg, auf dem alljährlich in der Walpurgisnacht, der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai, die Hexen mit ihren Besen zusammenkommen, um auszureiten.

Und dann ist er auch schon wieder hinter den Bäumen verschwunden, jene sagenhafte Erhebung im Harz, der höchste Berg Norddeutschlands. Gleichmäßig stampft die Dampflokomotive an der Spitze des Zuges die Strecke zu ihm empor, immer näher dem Gipfel entgegen. Kurve für Kurve ausgreifend, sich mit jedem Kolbenstoß vorwärts drückend, schickt sie dichte braune und schwarze Schwaden über die Waggondächer. Es riecht wie vor 30 Jahren im Osten, wo die Öfen mit Braunkohle gefüttert wurden.
Für österreichische Verhältnisse hat der Brocken mit 1141 Metern keine nennenswerte Höhe, und doch glaubt man sich mitten im Hochgebirge, wenn die Lok den Zug mit lautem Schnaufen an der Bergstation zum Stehen gebracht hat und die Passagiere aus den sieben weinrot-cremefarben gestrichenen Wägelchen geklettert sind.

Die Baumgrenze ist hier schon erreicht, zahlreiche Besucher des mythischen Kahlkopfs stapfen über den Almboden und zwischen wettertrotzenden Bergsträuchern hindurch. Der Brocken ist ein ungastliches Ziel. Die meiste Zeit des Jahres über hüllt er sich in Wolken, der Wind von Nord- und Ostsee trifft hier auf ersten Widerstand und pfeift heftig über die freie Fläche. Doch die Gipfelstürmer zu Fuß, per Rad oder mit der Bahn verdrießt das kaum, denn der Brocken hat auch etwas mit deutscher Identität zu tun, seine Bezwingung ist mehr als nur eine Wanderung.
Diesmal ist einer der raren Sonnentage, und die Sicht reicht weit rundherum. Beim letzten Besuch, kurz nach der Wende, gab es noch ein eingezäuntes Gebiet auf dem vernebelten Gipfel, hinter dem auf dem Berg stationierte Sowjet-Soldaten hausten. Ein Pappbecher am Zaun ist noch in Erinnerung, auf dem die Bitte um eine Spende für die Soldaten gekritzelt stand, damit sie sich eine Fahrt ins Tal leisten könnten.

Lange zurück liegt jene Zeit, als der Brocken ein Markstein an der innerdeutschen Grenze war, die Mauer an seinen Abhängen verlief und sich oben Staatssicherheit, Nationale Volksarmee und Sowjets den Gipfel teilten. Mit einem großen Radar-Ohr weit hinein ins Feindesland. Bis Großbritannien, heißt es.

Zu DDR-Zeiten war die Brockenbahn im Winter eingestellt, der Wind kann Schneeverwehungen von bis zu acht Metern Höhe auftürmen. Zuletzt war die Bergstrecke schon so marode, dass die Vorschrift für den Betrieb "Null Stundenkilometer Durchschnittsgeschwindigkeit" vorsah, was nichts anderes als die Stilllegung bedeutete.

Nach der Wende taten sich die Landkreise und Gemeinden der Region zusammen und übernahmen den Betrieb der 140 Kilometer langen Schmalspurbahn durch den Harz, sanierten die Brockenstrecke und fahren nun ganzjährig ein knappes Dutzend mal am Tag zur Bergspitze. "25 Jahre Volldampf in Freiheit", lautet das diesjährige Motto der Harzer Schmalspurbahnen (HSB).

Ein heiserer Pfiff, ein kurzes Rucken, dann setzt sich der Zug in Bewegung zur Talfahrt. Mitten durch den Nationalpark Harz, wo es keine Eingriffe in die Natur gibt und die abgestorbenen Bäume wie kranke Sprissel dastehen oder kreuz und quer im Moos liegen. Bald durchfährt die Schmalspurbahn einen Landschaftspark aus grünen Tannen, durch die die Sonne blinkt, Wanderwege kreuzend und alle Vor- und Rücksprünge der Hänge ausfahrend. Die Dampflok an der Spitze stampft und seufzt in kontemplativem Rhythmus. 34 Kilometer sind es bis Wernigerode. Dafür benötigt der Zug zwei Stunden und bewältigt dabei einen Höhenunterschied von 900 Metern.

Wernigerode ist "die bunte Stadt am Harz", wie sie einst der Heide-Dichter Hermann Löns genannt hat. Alle größeren Orte liegen am und nicht im Harz. Die riesige Waldfläche, die zu den Bundesländern Thüringen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt gehört, hat nur wenige kleine Ansiedlungen.

Wernigerode ist eine Spielzeug-Altstadt von fast unwirklicher mittelalterlicher Anmut. Fachwerk, soweit das Auge reicht. Holzbalken verstreben die Häuser in rechten Winkeln, mitunter quer, die Bauten tragen Gelb, Rot und Grün. Im Erdgeschoss eines besonders putzigen Häuschens aus dem Jahr 1583 lädt das "Café Wien" zum Besuch. Gotische Spitzbögen, breite Haustore, bauchige Gebäude. Solche, die sich der Straße in den Weg zu stellen scheinen, und solche, die demnächst in sich zusammenzusacken drohen. Keine Architektur ist gerade, alles hat sich im Lauf der Jahrhunderte gebeugt, gedehnt, gebeult, verwachsen. Unzählige Blickwinkel lassen beim Stadtbummel innehalten, geben Ahnungen, wie es hier vor Jahrhunderten gewesen sein mag.

Über die Stadt wacht das Schloss, das, so wie es heute dasteht, aus dem 19. Jahrhundert stammt. "Neuschwanstein des Harzes" wird es genannt, und tatsächlich besteht eine Ähnlichkeit, wobei der Bau von Wernigerode ernster, nicht so verspielt wie das Schloss von Ludwig II. im Süden wirkt.
Für die 111 Kilometer von Wernigerode nach Quedlinburg benötigt man mit dem Zug im besten Fall fünf Stunden, verbunden mit mehrmaligem Umsteigen. Denn die Harzer Schmalspurbahnen sind historisch gesehen ein Netz aus drei, früher eigenständigen, Bahnen, die auch heute noch in bestimmter Weise in dieser Tradition betrieben werden, was nicht nur das Fahrplan-Lesen schwierig macht: Die Brockenbahn, die Harzquerbahn und die Selketalbahn.

Erstmaliges Umsteigen nach 15 Kilometern in Drei Annen Hohne. Mitunter merkwürdige Namen haben die Stationen im Harz: Elend, Sorge, Schierke, Steinerne Renne. Großer Bahnhof in Drei Annen Hohne, einem Bahnknoten ohne sichtbare Ansiedlung in der Nähe. Drei Züge treffen fast zeitgleich ein. Die Dampfloks nehmen schnaubend Wasser, werden von einem Zug an den anderen rangiert. Denn zum Brocken fahren nur die in den 50er Jahren gebauten, 700 PS starken Brockenloks.

Mit 25 Dampfloks rühmen sich die HSB, "Größte unter den Kleinen" zu sein. Weltweit gebe es keinen Anbieter mit mehr Dampfrössern im regulären Personenverkehr, heißt es vom Unternehmen. Dementsprechend viele Eisenbahn-Liebhaber aus der ganzen Welt zieht es in den Harz.

Zweites Umsteigen in Eisfelder Talmühle, an einem Stationshaus als einziger Landmarke menschlicher Zivilisation, mitten im Wald, unweit von einem Steinbruch. Der Name der Haltestelle erinnert an eine Zeit, als der Harz zwar ebenso dünn besiedelt war wie heute, sich aber viele kleine und mittelgroße Betriebe entlang der Bahnstrecken befanden: Kohle und Holz fuhren damals die Güterzüge aus dem Harz, in Silberhütte befand sich ein Heizkraftwerk, Aluminiummasse wurde nach Harzgerode gefahren, in Benneckenstein und Wernigerode standen Papierfabriken, in Harzgerode wurde Schokolade erzeugt.

Es herrschte reger Betrieb auf der schmalen Spur: Neben den Güterzügen verkehrten Züge für die Schüler und Schichtarbeiter, schon um 6 Uhr früh und noch um 22 Uhr abends. In der DDR spielte Zeit keine so große Rolle wie heutzutage, man nahm lange Fahrten mangels Alternativen in Kauf.
Heute gibt es keinen Güterverkehr auf der Schiene mehr. Die paar Schüler nehmen den Bus, und im Zug sitzen jene Menschen, die etwas Besonderes mitbringen: viel Zeit. Gut ein Dutzend Passagiere schaukelt auf den harten Resopalsitzen eines Triebwagens dem Ziel entgegen, das gar keines ist. Denn der Weg, die Fahrt in der Bahn, ist das Ziel. Im Rhythmus der Schlingen des begleitenden Flüsschens wiegt sich der Zug durch das Selketal, quietscht in den Kurven, hupt an Kreuzungen mit Straßen, beschleunigt von 10 auf 20 oder 30 Stundenkilometer.

Begradigungen hätten keinen Sinn, sagt der Betriebsleiter der Harzer Schmalspurbahnen, Jörg Bauer. Einem Fahrzeitgewinn von wenigen Minuten stünden hohe Investitionen und die weiterhin schnellere Fahrt auf der Straße gegenüber. Die Bahn befriedigt heute ein völlig anderes Segment an Kundschaft als früher: "Wir sind zu einem touristischen Dienstleister geworden", sagt Bauer. Wer wegen der Bahn in den Harz kommt, bleibt statistisch einen Tag länger als andere Touristen. Die HSB ist mit einer Million Fahrgästen die Attraktion Nummer eins in den neuen deutschen Bundesländern.

Gleichmäßig zieht der Triebwagen, der einst auf der Nordseeinsel Langeoog Dienst gemacht hatte, durch das Selketal dahin, vorbei an Stationshäuschen mit vernagelten Fensterläden oder solchen, die zu Wohnhäusern geworden sind. Hie und da sind ausgedehnte Gleisanlagen der Vergangenheit im angrenzenden Jungwald zu erahnen. Rechts und links ragen Fabrikruinen und morsche Gemäuer aus dem grünen Talgrund, Zeugen eines ausgehauchten Wirtschaftslebens.

Und doch hat die so altmodisch anmutende Eisenbahn im Harz eine moderne Basis: An den Stationen lässt sich per Knopfdruck auf Displays, der so genannten dynamischen Fahrgastinformation, das Eintreffen der nächsten Züge erfragen. Ein modernes Zugleitsystem ist derzeit in Erprobung und soll Zusammenstöße wie in Bad Aibling verhindern: Das Warnsystem, basierend auf einer Idee aus der Luft- und Raumfahrt, besteht aus einer Zug-zu-Zug-Kommunikation und schlägt an, sobald sich zwei Garnituren auf demselben Gleis entgegenfahren. Als die Deutsche Bahn vor wenigen Jahren ihre Stichstrecke von Quedlinburg nach Gernrode einstellte, übernahmen die HSB den Abschnitt, bauten die Normal- auf Meterspur um und haben seither in Quedlinburg Anschluss ans Vollbahnnetz von Sachsen-Anhalt.

In Quedlinburg setzt sich das Gefühl fort, das während der Bahnfahrt und in Wernigerode schon aufgekommen ist: das Gefühl aus der Zeit gefallen zu sein. Im Harz hält die Vergangenheit die Moderne im Zaum. Hier gibt das Leben eine andere Klopfzahl vor, schaltet für den Besucher ein paar Gänge zurück.

Schmal sind die Gassen, still die Kirchhöfe, geschmackvoll die kleinen Läden von Quedlinburg. Die mehr als 1000 Fachwerkbauten aus dem 14. bis 19. Jahrhundert sind heute Unseco-Weltkulturerbe und bilden ein lebendiges Museum.

Vom Schloss aus präsentiert sich die Altstadt zu Füßen als Filmkulisse aus vergangenen Zeiten. Ineinander verhakte Giebeldächer, aus denen da und dort ein Kirchturm spitz heraussticht. Die Ehrfurcht vor der jahrhundertealten Würde verbietet jede Form von Hektik. Man befindet sich zwar in Deutschlands Osten, aber in seiner historischen Mitte, historisch auf Schritt und Tritt. Es ist nicht leicht, nach den Tagen im Harz wieder in der schnelllebigen Gegenwart aufzutauchen.





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Harzgebirge, Reisen

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-09-23 12:10:29
Letzte ńnderung am 2016-09-23 12:13:48



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