• vom 20.03.2017, 15:02 Uhr

WienerJournal

Update: 20.03.2017, 15:18 Uhr

Segeln im Paradies




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Von Christian Hoffmann

Sonne, Sandstrand und eine konstante Brise: Die British
Virgin Islands sind eines der schönsten Segelreviere der Welt.


Einen schöneren Strand als den von Sandy Cay kann man sich kaum vorstellen.

Einen schöneren Strand als den von Sandy Cay kann man sich kaum vorstellen.© Christian Hoffmann Einen schöneren Strand als den von Sandy Cay kann man sich kaum vorstellen.© Christian Hoffmann

Der Pelikan ist ein großer Vogel, viel größer als eine Möwe. Wir sitzen im Cockpit unserer Segelyacht und sehen ihm dabei zu, wie er über dem Hafenbecken kreist und sich irgendwann plötzlich in die Tiefe fallen lässt. Plump und schwer stürzt er ins Wasser und würgt, wenn er Glück hat, beim Auftauchen an einem Fisch. Sein Hals wird dicker und dicker, beängstigend dick, bis er endlich die Beute verschlungen hat. Nach einer kurzen Pause, in der er sich erholt, beginnt das Spiel von Neuem, der Pelikan kreist wieder über dem Hafenbecken, und wir warten gespannt auf den nächsten Absturz.
Im Hafen von Spanish Town auf der Insel Virgin Gorda haben die Pelikane die Lufthoheit. Die Möwen, deren Krächzen man in Europa mit dem Meer verbindet, treten in den tropischen Gewässern der Karibik nicht in Erscheinung. Die Anwesenheit des Pelikans zeigt, dass man sich in einer anderen Klimazone befindet. Das Wetter ist auch im Jänner frühlingshaft mild, die Wassertemperatur liegt bei 27 Grad Celsius.
Virgin Gorda gehört zu den British Virgin Islands (BVI), einem der nördlichen Staaten der Karibik. Auf sechzig Inseln verteilt wohnen 28.000 Menschen, die mit jährlich 900.000 Touristen zu tun haben. Die Arbeitslosenrate liegt bei acht Prozent, um vieles niedriger als in anderen Regionen der Karibik, und dementsprechend ist auch die Kriminalstatistik um vieles günstiger. Ein erfreulicher Platz für Touristen, von denen ungefähr 400.000 mit den großen Kreuzfahrtschiffen kommen.
Die BVI sind ein Paradies für Segler. Der Nordostpassat, mit dem vor mehr als 500 Jahren auch die Flotte des Kolumbus, aus Europa kommend, die Karibik erreichte, weht beständig. Das Gewässer zwischen den Inseln ist bis auf wenige Ausnahmen vom schweren Seegang des Atlantik abgeschirmt, die Distanzen zwischen Häfen und Ankerbuchten sind so gering, dass man sich manchmal wie auf einem Binnengewässer fühlt.

Das Licht des Mondes

Information

ANREISE
Mit Air France Wien – Paris – St. Maartens – Tortola. Flugzeit rund zwanzig Stunden.
UNTERKUNFT
Hotels sind in den BVI teuer. Im JY Harbour View Marina, einer bescheidenen Unterkunft in der Nähe
des Flughafens, muss man mit 240 Euro für ein Doppelzimmer rechnen.

CHARTERAGENTUREN
Charterwelt in München vermittelt Segelyachten in verschiedenen Größen von mehreren Anbietern in den BVI.
www.charterwelt.de

REVIERHANDBuCH
NV Cruising Guide Virgin Islands.
Edition 2011, in englischer Sprache,
159 Seiten, 29,80 Euro.

Wir beginnen unseren Törn auf der Hauptinsel der BVI, auf Tortola (betont auf dem zweiten O). Dort betreiben die meisten Charterfirmen ihre Stützpunkte, in unserem Fall in einer Bucht namens Maya Cove, in der abends das Licht des Mondes über dem Mangrovenwald in der Feuchtigkeit der tropischen Nacht glitzert. Anderntags geht es dann darum, an dem gewundenen Riff vor der Hafeneinfahrt unbeschadet vorbeizukommen, danach überqueren wir zum ersten Mal den Sir Francis Drake Channel mit südöstlichem Kurs. Nach einem Stopp auf Cooper Island kreuzen wir weiter gegen den Passat nach Osten, vorbei an Inseln mit so dramatischen Namen wie Fallen Jerusalem und Broken Jerusalem. An der Landspitze Collision Point, die bereits zu Virgin Gorda gehört, beginnt dann die Ansteuerung des Hafens Spanish Town. Auch dort beherrscht wieder ein Riff die Hafeneinfahrt, die Brandung schäumt hoch auf. Nachdem die Tonne, die die Untiefe markiert, passiert ist, legt sich das Schiff unter dem Druck der Wellen noch einige Male weit zur Seite, ehe das das ruhige Wasser des Hafens erreicht ist.
Der Name Virgin Gorda bedeutet übrigens wörtlich übersetzt "dicke Jungfrau". Kolumbus und seine Leute, offenbar mitgenommen von der schwierigen Überfahrt des Jahres 1493, sahen angeblich in der Form der Insel die Gestalt einer liegenden, rundlichen Frau. Wahrscheinlich waren sie einfach glücklich, die Fahrt ins Ungewisse überlebt zu haben.
Wir segeln weiter die Südküste von Virgin Gorda entlang nach Nordosten. Jenseits von Mosquito Rock öffnet sich eine wunderbar geschützte Bucht, der Gorda Sound. Am äußersten östlichen Ende, an einer schmalen Landzunge, hinter der nur noch ein paar Korallenriffe und dann der Atlantik liegen, findet man den "Bitter End Yachtclub", einen der schönsten Plätze, den man sich vorstellen kann. Der tragische Name "Bitter End" geht übrigens auf die frühen Tage der Seefahrt zurück, als so manche Reise über den Ozean in den gefährlichen Untiefen vor Virgin Gorda ein bitteres Ende fand.

Die Feriensiedlung des Bitter End Yachtclubs

Die Feriensiedlung des Bitter End Yachtclubs© Christian Hoffmann Die Feriensiedlung des Bitter End Yachtclubs© Christian Hoffmann

Idyll am Rand des Atlantik

In den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts hatte sich jedoch an diesem abgeschiedenen Platz der Segler Basil Symonette zur Ruhe gesetzt und für die wenigen Boote, die damals unterwegs waren, ein kleines Wirtshaus betrieben. Angeblich war er unglaublich exzentrisch und prüfte jeden Ankömmling genau, ehe er ihm gestattete, an seinem Steg festzumachen und in seiner Gaststube zu speisen. Später hat dann einer aus der Fangemeinde, der New Yorker Architekt Peter Bill, eine elegante, kleine Ferienanlage mit Bungalows im balinesischen Stil in den Mangrovenwald gesetzt, die sich unauffällig in die natürlichen Gegebenheiten einfügt. Das Idyll am Rande des atlantischen Ozeans, von dem man sich kaum wieder losreißen kann, hat keinen Schaden genommen. Nach wie vor ist es nur mit dem Schiff oder mit dem Helikopter zu erreichen und so abseits der großen Touristenströme.
Wir aber müssen im Unterschied zu Basil Symonette doch irgendwann wieder weiter. Am Ausgang des Gorda Sound setzen wir bei Mosquito Rock die Segel und lassen unsere Yacht wie seinerzeit die Schiffe des Kolumbus vom Passatwind westwärts treiben. Wir passieren die Dog Islands und suchen nördlich von Tortola die winzige Insel Marina Cay, die auch so ein Platz für Aussteiger war. Dort hat sich nach dem Ersten Weltkrieg ein junges amerikanisches Ehepaar von der Welt abzusetzen versucht, Robb und Rodie White. Sie begannen, die unbewohnte Insel in jeweils entgegengesetzter Richtung zu umrunden und trafen einander nach einer halben Stunde wieder. Ihre Briefe und Fotos aus jener Zeit hängen noch an den Wänden des Hauses, das sie auf der verlassenen Insel gebaut haben und in dem heute ein Restaurant betrieben wird. Dahinter liegt ein bescheidenes Gästehaus, in dem man übernachten kann. Robb White schrieb übrigens über die Jahre, die er mit seiner Frau auf Marina Cay verbrachte, einen Roman ("Two on the Isle"), der später in Hollywood verfilmt wurde.
Auch hier könnte man bleiben, doch wir haben etwas weniger Zeit als alle diese Aussteiger. Wir segeln weiter mit dem Passat an der Nordküste von Tortola entlang nach Westen, zur Insel Jost Van Dyke, benannt nach einem niederländischen Piraten. Ungefähr dreihundert Menschen leben hier. Es gibt zwei Buchten, Little Harbour und Great Harbour. Wir machen an einer Boje in Little Harbour fest und setzen mit dem Dinghy über zur "Harry's Love and Peace Bar". Dort sind wir die einzigen Gäste, die Ina May aus Jamaica beim Studium einer religiösen Schrift stören. Außer uns kommt auch den Rest des Abends niemand mehr.

Keine Häuser, keine Bewohner, nichts
Anderntags besuchen wir eine noch abgelegenere Insel, die sogar für Aussteiger zu klein ist: Sandy Cay (genaue Position: N 18° 26,3‘, W 64° 42,5‘). Sie besteht aus einem makellosen Sandstrand und einem kleinen Wald. Keine Häuser, keine Bewohner, nichts. Obwohl das so auch nicht ganz stimmt. Bei einem Spaziergang durch den Wald begleiten einen zahllose Vogelstimmen. Und dann ist da ein Ast, der plötzlich zu laufen beginnt und verschwindet. Wenn man näherkommt, ist es eine Eidechse. Es gibt Einsiedlerkrebse, die sich bedächtig vor den wenigen Spaziergängern, die ihre Ruhe stören, in Sicherheit bringen. An der Ostseite der Insel steigt der Pfad zwischen Kakteen an und eröffnet einen Blick auf die Südküste von Tortola. Und nach ungefähr zwanzig Minuten ist man wieder am Ausgangspunkt des Spaziergangs angekommen. Hier kann man wirklich nur die Ruhe genießen, schwimmen, aufs Meer schauen und mit sich selbst ins Reine kommen.
Ein Gegensatz zu all diesen abgeschiedenen Plätzen ist dann der Hafen von Soper’s Hole, dem westlichsten Punkt der Hauptinsel Tortola. Hier ist die Party bereits im Gange. In einem Restaurant am Kai spielt eine Steel Band das übliche Karibik-Repertoire, die Stimmung an der Bar von Pusser's Landing ist schon ziemlich ausgelassen. Niemanden stört es, dass ein paar Mal im Lauf des Abends der Strom und damit die Küche ausfällt. Solche Kleinigkeiten können das Vergnügen einer karibischen Nacht nicht schmälern.
Es gibt noch viele Plätze, die man auf einem Rundtörn durch die britischen Jungferninseln entdecken kann, alle unter Segeln in wenigen Stunden erreichbar. Zum Beispiel die alte, unbewohnte Pirateninsel Norman Island. Es soll in den Mangrovenwäldern wilde Ziegen geben. Auf jeden Fall ist nach Einbruch der Dunkelheit an Land kein Licht zu sehen. Der Himmel ist klar und mit unzähligen Sternen übersät.
Das mit den Piraten erscheint ziemlich plausibel. Die Bucht ist tief eingeschnitten und öffnet sich nach Westen, ganz ohne Riffs oder andere Hindernisse. Für die schwerfälligen Segelschiffe vergangener Jahrhunderte ein idealer Ankerplatz, den man bei Gefahr im Verzug dank des konstanten östlichen Winds sehr einfach verlassen konnte. Angeblich wurde bei Norman Island im Jahr 1750 ein sagenhafter spanischer Goldschatz gefunden, und angeblich sind in den Unterwasserhöhlen bei Treasure Point immer noch sagenhafte Schätze versteckt. Auf keinen Fall aber kann das Gerücht zutreffen, dass Norman Island Robert Louis Stevenson zum Roman "Die Schatzinsel" inspiriert haben soll. Stevenson selbst beschreibt ja, dass die Idee entstanden ist, als er mit seinem achtjährigen Stiefsohn in der Schweiz im Sanatorium fantastische Landkarten gezeichnet hat, um dem Kleinen die Langeweile zu vertreiben.
Voll mit solchen Geschichten kehren wir in kleinen Etappen zum Ausgangspunkt des Törns auf Maya Cove zurück. Zum Abschluss lassen wir die Reise in einem der besten Restaurants der Gegend ausklingen, in Penn’s Landing, einem winzigen Privathafen in der Fat Hogs Bay. Von überall auf der Insel Tortola kommen die Leute hierher, wenn sie gut essen wollen. Und am Steg zu essen, während die tropische Nacht einfällt, ist der richtige Abschied, bevor es zurück in den europäischen Winter geht.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-20 15:06:00
Letzte ńnderung am 2017-03-20 15:18:48



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