• vom 14.04.2017, 16:00 Uhr

WienerJournal

Update: 14.04.2017, 16:18 Uhr

Vom Eise befreit




  • Artikel
  • Lesenswert (5)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christian Hoffmann

Der Frühling ist eine gefährliche Zeit. Vor allem Männer in den mittleren Jahren sollten sich in
Acht nehmen, wie man bei Johann Wolfgang von Goethe nachlesen kann.
Die Tragödie seines Helden Faust beginnt bekanntlich mit einem Spaziergang bei prachtvollem Frühlingswetter. Also Vorsicht!


Goethes Gartenhaus im Park an der Ilm, Weimar, Thüringen. (Auch ein Hund ist zu sehen!) - © Foto: imago / imagebroker

Goethes Gartenhaus im Park an der Ilm, Weimar, Thüringen. (Auch ein Hund ist zu sehen!) © Foto: imago / imagebroker

Am Anfang sieht ja alles ganz harmlos aus, verdächtig harmlos. Im Sonnenschein tritt Doktor Faust in Begleitung eines Schülers vor das Stadttor. Die beiden brechen zu einem Spaziergang auf. Endlich ist die Sonne herausgekommen, endlich ist überall der Frühling zu spüren. Wie sagt der Doktor so schön?

"Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick; Im Tale grünet Hoffnungsglück; Der alte Winter in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück."

Es gibt wohl kaum jemanden im deutschen Sprachraum, der diese Verse noch nie gehört hätte, auf Google bekommt man sofort 27.000 Einträge, auf YouTube 340 Videos, in denen sie rezitiert werden, von Germanistikstudenten, Schauspielschülerinnen und sogar von Figuren aus einem Videospiel.

Nun kann man natürlich nicht die ganze Schuld dem Frühlingswetter und den damit korrespondieren Gefühlswallungen geben. Dem Auftritt vor dem Stadttor ging bekanntlich eine düstere Nacht voran, in der Faust, der Wissenschafter, Philosoph und Magier, den Selbstmord ernsthaft in Erwägung zog, eine besonders heftige Form der Midlife-Crisis, mit der der gelehrte Herr schon lange vor dem berühmten Osterspaziergang zu kämpfen hatte. Goethe scheut in seinem Drama keine Mühe, diese Krise darzustellen, die dann, dank des schönen Frühlingswetters, einem Höhepunkt entgegengeht.

Rekapitulieren wir: Anfangs äußert sich die Krise in einer gewissen intellektuellen Unzufriedenheit, wie man sie im Zeitalter steigender Akademikerquoten gut versteht.

"Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie,
Durchaus studiert mit heißem Bemühn.
Da steh’ ich nun ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!"

Wobei der Doktor keineswegs an Selbstzweifeln in Bezug auf seine Kompetenz leidet, geht er doch davon aus, dass er "gescheiter als alle die Laffen, Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen" sei. Nein, das eigentliche Problem, das ihn quält, liegt nicht darin, dass er sein intellektuelles Potenzial in Frage stellt, das eigentliche Problem besteht in einem gewissen Verlust an Freude, einem Verlust der Libido, wie man in einem moderneren Jargon sagen könnte, darin, dass ihm seine geistige Überlegenheit keinen Spaß mehr macht.

"Mich plagen keine Skrupel noch Zweifel,
Fürchte mich weder vor Hölle noch Teufel –
Dafür ist mir auch alle Freud‘ entrissen."

Der Verlust der Freude, die Abgeklärtheit, die manchen in den mittleren Jahren befällt, ist allerdings nur ein Symptom. Worum es wirklich geht, zeigt sich erst später, im Laufe jener Nacht. Da versucht der Doktor nämlich, seinem intellektuellen Tun mit aller Kraft doch noch einen neuen Kick zu geben und macht sich daran, mit der Geisterwelt Kontakt aufzunehmen, ein brisantes Unternehmen, bei dem aus Büchern rote Flammen schlagen, aus denen dann tatsächlich der Geist des Universums erscheint – was bis heute, auch mit dem großen Teilchenbeschleuniger des Forschungszentrum CERN bei Genf, noch nicht gelungen ist.

Aber der Umgang mit solchen Geistern bleibt nicht ohne Nebenwirkungen. Für den krisengeschüttelten Faust verläuft die Begegnung wahrlich katastrophal. "Geschäftiger Geist, wie nah fühl’ ich mich dir!", ruft er zuerst noch selig, weil er vermeintlich endlich unter seinesgleichen verkehrt. Aber wie antwortet der Geist mit zerschmetternder Herablassung? "Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir!", lautet die Antwort aus dem Universum.
Nach dieser Begegnung kommt erst die Midlife-Crisis inklusive Suizidgedanken so richtig in Schwung. Der Geist entschwindet, und Faust dämmert die wahre Bedeutung dessen, was er so-
eben gehört hat. "Den Göttern gleich’ ich nicht." Was für eine Zumutung! Was für eine Kränkung! Nicht den Göttern ähnlich zu sein! Verstört fasst der Mann in den besten Jahren den Sachverhalt zusammen: "Dem Wurme gleich’ ich, der den Staub durchwühlt."

Die Midlife-Crisis

Mit dieser narzisstischen Kränkung (nicht göttlich zu sein!) ist der Höhepunkt der Krise erreicht. Es geht also nicht bloß um eine gewisse Ernüchterung nach vielen Jahren ehrgeizigen Studiums, sondern um die Erkenntnis der eigenen Grenzen. Man kann ja davon ausgehen, dass der Legationsrat Goethe weder den "Spiegel" noch den "New Yorker" gelesen hat und deswegen das Wort Midlife-Crisis nicht kannte. (Obwohl Goethes Wortschatz mehr als 80.000 Wörter umfasst haben soll, auch für heutige Begriffe unfassbar viel.) Nein, die Midlife-Crisis kam erst im Jahr 1974 durch ein Buch der Journalistin Gail Sheehy und kurz danach, nämlich im Jahr 1976, durch einen elfseitigen Artikel von Hermann Schreiber im "Spiegel" in die Welt der Deutschen.

Nun muss man korrekterweise sofort hinzufügen, dass der Begriff der Midlife-Crisis, wie ihn Sheehy geprägt hat, bis zum heutigen Tag nicht wissenschaftlich abgesichert ist. Manche Psychologen und Psychiater lehnen ihn sogar grundsätzlich ab und weisen darauf hin, dass es keine klaren begrifflichen Strukturen dazu gibt. Andere zweifeln sogar daran, dass eine solche Krise in der Lebensmitte mit Notwendigkeit auftritt. Aber wie dem auch sei, die Dichter wissen schon lange Bescheid, beginnt doch auch beispielsweise die "Göttliche Komödie" von Dante Alighieri aus dem Jahr 1321 (!) mit den Versen (in der Übersetzung von Karl Witte): "Es war in unseres Lebensweges Mitte, als ich mich fand in einem dunklen Walde, denn abgeirrt war ich vom rechten Weg", womit eine Wanderung durch die Hölle beginnt, eine exemplarische Midlife-Crisis.

Schreibers Artikel aus dem Jahr 1976 trägt den Titel "Das kann doch nicht alles gewesen sein." Er zählte darin eine ganze Menge von Symptomen auf, die sich bei Männern in den mittleren Jahren (laut Wikipedia im Alter zwischen Vierzig und Anfang Fünfzig) wiederfinden: Verlust der Orientierung, Gefahr der Depression, das Gefühl festzusitzen, kompensiert durch sportlichen Übereifer, Fitnesswahn, drastische Veränderung des Kleidungsstils, Neigung zum Alkohol und zu erotischen Abenteuern.

Männer in der Midlife-Crisis neigen dazu, Fantomen nachzujagen. – In diesem Fall Fabian Stromberger als Faust im April 2015 im Berliner Ensemble, in einer Inszenierung von US-Regisseur Robert Wilson und dem deutschen Musiker Herbert Grönemeyer.

Männer in der Midlife-Crisis neigen dazu, Fantomen nachzujagen. – In diesem Fall Fabian Stromberger als Faust im April 2015 im Berliner Ensemble, in einer Inszenierung von US-Regisseur Robert Wilson und dem deutschen Musiker Herbert Grönemeyer.
© Foto: M. Gambarini / dpa Männer in der Midlife-Crisis neigen dazu, Fantomen nachzujagen. – In diesem Fall Fabian Stromberger als Faust im April 2015 im Berliner Ensemble, in einer Inszenierung von US-Regisseur Robert Wilson und dem deutschen Musiker Herbert Grönemeyer.
© Foto: M. Gambarini / dpa

Alles das steht dem Doktor Faust freilich erst bevor, als er zu seinem Osterspaziergang aufbricht und sich von der Düsterkeit der vorangegangenen Nacht erholt. Vorerst freut er sich nur über den Frühling und die prickelnden Gefühle, die er mitbringt. In der gehobenen Stimmung, bei Sonnenwetter nach einem langen Winter, fällt es leicht, die ganze Welt großartig zu finden, und als ihm bei der Wanderung vor dem Stadttor ein Hund zuläuft, der berühmte Pudel, nimmt ihn der gelehrte Mann in seinem Überschwang nach Hause, in seine Studierstube, mit, womit die Tragödie der Midlife-Crisis ihren Lauf nimmt. Die Ereignisse sind ja hinlänglich bekannt: Alkohol-Exzesse in Auerbachs Keller, Drogenkonsum in einer Hexenküche sowie eine verhängnisvolle Affäre mit einer jungen Frau namens Grete.

Das Problem beim Osterspaziergang ist also, wie wir bei Goethe lernen, nicht das schöne Wetter allein. Erst gemeinsam mit der speziellen Gefühlslage (nicht göttlich zu sein!), die Herren in den mittleren Jahren manchmal heimsucht, ergibt das schöne Wetter jene explosive Mischung, in der dann ein Pakt mit dem Teufel unterschrieben wird. Deswegen also: Vorsicht bei österlichen Spaziergängen und dem Aufwallen der Gefühle wegen des schönen Wetters!




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-04-14 16:01:53
Letzte ─nderung am 2017-04-14 16:18:06



Werbung




Werbung


Werbung