• vom 23.11.2012, 09:00 Uhr

WienerJournal

Update: 23.11.2012, 21:29 Uhr

Bergwandern

Der Mythos vom ewigen Eis




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Das Aufwendigste am Eisklettern ist das Anlegen der Steigeisen, meint der Profi.

Das Aufwendigste am Eisklettern ist das Anlegen der Steigeisen, meint der Profi.© Francesco Zanet www.zanetphoto.com / Francesco Zanet www.zanetphoto.c Das Aufwendigste am Eisklettern ist das Anlegen der Steigeisen, meint der Profi.© Francesco Zanet www.zanetphoto.com / Francesco Zanet www.zanetphoto.c

Sonnenaufgang über der spektakulären Bergstation der Wildspitzbahn.

Sonnenaufgang über der spektakulären Bergstation der Wildspitzbahn. Sonnenaufgang über der spektakulären Bergstation der Wildspitzbahn.

Seit 1983 ist Ernst Eiter in den Bergen unterwegs, er hat schon unzählige Skitouren unternommen - im Oktober und November rät er von diesen allerdings ab. Fragt man ihn nach den Nachteilen der touristischen Erschließung des Gletschers, sagt er: "Jene Stadtmenschen, die das abwürgen wollen, sollen einmal hier leben." Er spricht damit die Notwendigkeit des Tourismus für die Region an, die einst als Armental Tirols galt. Er betont, die Gletscher könnten sich auch wieder erholen. Dass die Gletscher durch das Skifahren schneller zurückgehen, sei nicht wissenschaftlich erwiesen, sagt auch Gerhard Gstettner, Geschäftsführer des Tourismusverbandes Pitztal.

"Skifahren hat höchstens geringen Einfluss auf Eisvolumen"

Die Nutzung als Skigebiet hat höchstens geringen Einfluss auf das Eisvolumen eines Gletschers, sagt auch der Geologe Fiebig. Er erklärt: "Die Gletscherschmelze hängt hauptsächlich von der Sommertemperatur ab. Bei langfristig niedrigen Temperaturen nimmt die Eismenge in Gletschern zu - das Schmelzen wird gestoppt -, bei erhöhten Temperaturen nimmt sie ab, und der Gletscher schmilzt."

Der "Mythos vom ewigen Eis" lockt vor allem Touristen aus Tschechien, Polen, Rumänien und Russland, berichtet Gstettner. Der Mammut-Anteil (60 Prozent) der Gäste reist aus Deutschland an, jeweils zehn Prozent aus der Schweiz und den Beneluxländern und nur fünf Prozent aus Österreich.

Doch der längere Skibetrieb am Gletscher ist teuer, und ab März bleiben die Gäste aus - die fahren dann bereits lieber an den Gardasee, heißt es. Und während Skifahren in Österreich einst in Skischulkursen von der Pieke auf gelernt wurde, lassen Schulen die Kurse immer öfter ausfallen. Sie fahren lieber auf Sommersportwoche, und auch immer weniger Familien wollen oder können sich die teuren Tagestickets (38 Euro für Erwachsene im Pitztal) leisten.

Gleißendes Licht auf schneeweißen Pisten.

Gleißendes Licht auf schneeweißen Pisten.© B. Figl / unknown Gleißendes Licht auf schneeweißen Pisten.© B. Figl / unknown

Das Pitztal hat mit Gratisskipässen für Kinder bis 10 Jahren reagiert und bietet nach wie vor Gratis-Shuttlebusse an - die Frage ist, wie lange noch. Denn auf Dauer könne sich das die Region nicht leisten, sagt Gstettner. Zwar soll die Fahrt mit dem Skibus für Inhaber von Skipässen weiterhin kostenlos bleiben, nicht aber etwa für Tourengeher ohne Skipass. Und um Synergieeffekte zu nutzen, sei auch eine Kooperation mit dem nahegelegenen Ötztal angedacht.

Apfelstrudel und Melange auf 3440 Höhenmetern

Der Pitztaler Gletscher wurde 1983 eröffnet, seit diesem Sommer gelangt man mit der neuen Wildspitzbahn in sechs Minuten auf 3440 Höhenmeter. Das Design der Tal- und Bergstation mutet futuristisch an und ist einem Gletscher nachempfunden. Seit 8. November ist das "Café 3.440" - Österreichs höchstes Kaffeehaus - geöffnet: Kaffee und Apfelstrudel können vor imposanter Bergkulisse genossen werden, durch eine breite Glasfront blickt man auf die auf die Wildspitze, sie ist mit 3768 Meter Höhe der höchste Berg Tirols und der zweithöchste Berg Österreichs. Ein Jahr lang wurden die Bahn und das Café, das exponiert auf einem Felsen thront, errichtet, 20 Millionen Euro hat die Errichtung in Summe gekostet. Bauten im Permafrostbereich seien immer kompliziert, erklärt der Geologe Fiebig. Und die Instandhaltung solch exponierter Bauten im hochalpinen Bereich gestalte sich ebenfalls schwierig; selbst bei guter Bausubstanz sei die Lebensdauer oft begrenzt.

Auf hoher Qualität sollen hier frisch Gebackenes und Weine kredenzt werden - auch der Apfelstrudel wird nicht in tieferen Lagen gezogen, sondern vor Ort frisch zubereitet. Doch wie sich frisch gezapftes Bier und geschlagener Milchschaum in diesen Höhen verhalten, wird sich erst zeigen. Er habe keine Vorerfahrung mit Höhen wie diesen, sagt Restaurantleiter Bernd Matschnig.

Und während die Temperaturen außerhalb der Glasfront locker unter die Minus-20-Grad-Grenze fallen, soll der Gast von den Widrigkeiten des Wetters und des Transports der Lebensmittel nichts mitbekommen. Das Personal wird das sehr wohl zu spüren bekommen; In dem Kaffeehaus samt Terrasse und Zweitstock gibt es Sitzplätze für 116 Menschen, beim Stufensteigen kommt man auf rund 3500 Höhenmeter schnell außer Atem. Das Servicepersonal erhält für diese erschwerten Arbeitsverhältnisse eine Höhenzulage von 59 Cent pro Stunde. Für Yvonne Leitner, die seit der Eröffnung Anfang November als Kellnerin und hinter der Ausschank im Einsatz ist, war dies nicht der Grund, warum sie sich hier beworben hat. Vielmehr war es die "gewaltige Aussicht".

Info:
Das Pitztal ist 40 Kilometer lang und liegt in Tirol bei Imst. Das Tal hat 7400 Einwohner, etwa 8500 Gästebetten und rund eine Million Nächtigungen pro Jahr.

Termine:
Opening Hochzeiger: 1.12.2012
Pitztaler Bergadvent: 1. bis 14.12.2012

Tipps:
Geführtes Eisklettern: Zwei Stunden für zwei Personen ab 150 Euro
Drei Übernachtungen mit Verpflegung (Do bis So) inklusive 3-Tagesskipass für den Pitztaler Gletscher und Rifflsee (1.12.2012 bis 7.4.2013) kosten ab 184 Euro pro Person. (Buchbar bis 12. Mai 2013) www.pitztaler-gletscher.at

Artikel erschienen am 23. November 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 24-29

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Dokument erstellt am 2012-11-21 16:08:37
Letzte Änderung am 2012-11-23 21:29:04



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