Schonungslose Schelte
Bernhard, Thomas: Meine Preise
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Cartoon: Pokornig
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Von Andreas Wirthensohn
Der Staat ist ein Gebilde, das fortwährend zum Scheitern, das Volk ein solches, das ununterbrochen zur Infamie und zur Geistesschwäche verurteilt ist." Als Thomas Bernhard 1968 den "kleinen" Österreichischen Staatspreis erhielt (für ihn eine "Strafe" und eine "Gemeinheit", denn der 37-Jährige fühlte sich – naturgemäß, möchte man sagen – schon damals "nur absolut für den Großen Staatspreis präpariert"), sorgte er nicht nur mit diesem Satz für Aufregung. In seiner eigenartigen und eigenartig knappen Dankesrede sprach er von der Erbärmlichkeit des Lebens im Allgemeinen und von der Apathie der Österreicher im Besonderen, bis schließlich der Unterrichtsminister unter wütendem Protest den Festsaal verließ. Die österreichische Industriellenvereinigung, die Bernhard ebenfalls ausgezeichnet hatte, beschloss daraufhin, ihre einige Wochen später geplante Veranstaltung vorsichtshalber abzusagen und dem Autor das Preisgeld von 25.000 Schilling – "in der Höhe eines schlechten Monatslohnes eines mittleren Gemeindeangestellten", wie der Geehrte beklagte – per Post zukommen zu lassen.
Um dem notorischen Nörgler Bernhard einen Preis zu verliehen, bedurfte es also durchaus eines gewissen Mutes. Zumindest aber langweilte der Preisträger seine Zuhörer niemals mit ellenlangen Dankesreden. "Ich bin kein Redner und ich kann überhaupt keine Rede halten, ich habe nie eine Rede gehalten, weil ich gar nicht fähig bin, eine Rede zu halten."
In seiner Not hat Bernhard, glaubt man seinen Ausführungen, kurz vor jedem Festakt noch schnell ein paar Sätze zu Papier gebracht. Liest man die drei im Anhang nochmals abgedruckten Reden unter diesem Aspekt, so erscheinen sie nicht mehr eigenwillig oder kryptisch-tiefgründig, sondern entpuppen sich als ziemlich unsinniges Geplapper – als Erfüllung einer lästigen Pflicht, um endlich den ersehnten Scheck in Händen zu halten.
"Meine Preise", die erste Bernhard-Veröffentlichung aus dem Nachlass, ist vermutlich 1980 oder 1981 entstanden und sollte durchaus noch zu Lebzeiten des Autors veröffentlicht werden. Eine Sensation ist sie nicht, nicht einmal in ihrer schimpfenden Schonungslosigkeit, die man wahrlich zur Genüge kennt.
Dass dabei der Literaturbetrieb mit seinem eitlen Preiszirkus und den kulturlosen Preisverleihern, die im Grunde nicht den Autor, sondern sich selbst ehren wollen, abgrundtief lächerlich erscheint, verwundert nicht weiter. Umso bemerkenswerter ist die gnadenlose Ehrlichkeit, mit der Bernhard seine eigene Rolle schildert. An all den Ehrungen interessiert ihn einzig und allein das Geld, und noch bevor er es hat, weiß er zumeist schon, wofür er es ausgeben wird: "Ich bin geldgierig, ich bin charakterlos, ich bin selbst ein Schwein", und so widerspricht er nicht einmal, als der Bundesverband der Deutschen Industrie 1967 seine Ehrengaben "Frau Bernhard und Herrn Borchers" (gemeint ist die zusammen mit Bernhard geehrte Lyrikerin Elisabeth Borchers) zuspricht. "Meine Nachbarin zuckte zusammen, das merkte ich. Sie hatte doch eine Schrecksekunde. Ich drückte ihre Hand und sagte, sie solle nur an den Scheck denken, ob Herr Borchers und Frau Bernhard oder Herr Bernhard und Frau Borchers, was der Tatsache entsprach, sei gleichgültig."
Nicht zuletzt solche Anekdoten sind es, die den schmalen Band zu einem Lesevergnügen machen. Und so bildet diese "Prosakomödie" gleichsam den Appetithappen für den großen Briefwechsel zwischen Bernhard und seinem Verleger Siegfried Unseld, der laut Verlagsmitteilung im März erscheinen soll. Endlich.
Thomas Bernhard: Meine Preise. Suhrkamp, Frankfurt/M. 2009, 142 Seiten, 16,30 Euro.
Printausgabe vom Samstag, 21. Februar 2009
Online seit: Freitag, 20. Februar 2009 14:21:00
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