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Aktuelle MeinungPrint this

wien/berlin

Mode-Tempelhof

Von Verena Mayer

Wie viele Berliner weine auch ich dem Flughafen Tempelhof nach, der vor kurzem endgültig stillgelegt wurde. Tempelhof ist ein Berliner Wahrzeichen, hier sind die Rosinenbomber und John F. Kennedy gelandet, und Billy Wilder drehte hier "Eins, zwei, drei". Und ich lebe nur fünf Minuten von Tempelhof entfernt. Der Flughafen hat mein Berliner Leben begleitet und strukturiert.

Wenn ich es in der Früh donnern hörte, dann wusste ich: 7.15 Uhr, der Frühflieger nach Brüssel hebt ab. Wenn vor meinem Fenster alle fünf Minuten ein Flugzeug am Himmel vorbeizog, dann wusste ich: es ist Sommer, es ist Urlaubszeit. Am Berliner Klima erkennt man ja leider nicht immer, dass Sommer ist.

Ich weiß auch nicht, wie viele Leute mit dem Fahrrad zum Flughafen fahren können. Ich kann das. Und bei schönem Wetter habe ich, dann schon im Flugzeug sitzend, nach dem Start meine Terrasse aus der Luft gesehen. Und wenn ich in Tempelhof aus dem Flugzeug stieg und durch die riesige Abflughalle mit ihren 60er-Jahre-Schriftzügen schritt, fühlte ich mich wie Hildegard Knef nach ihrer Heimkehr vom Broadway.

Vom Berliner Humor ganz zu schweigen. Das Denkmal vor dem Flughafen, das wie eine nach oben gebogene Landebahn aussieht und an die Lebensmittelversorgung in den 40er Jahren erinnert, wird von den Berlinern nur "Hungerkralle" genannt.

Demnächst soll die große internationale Modemesse "Bread and Butter" in die Flughafen-Gebäude einziehen. Der Regierende Bürgermeister, der das beschlossen hat, musste dafür viel Kritik einstecken. Weil der Flughafen dadurch angeblich für eine sinnvolle Nachnutzung blockiert würde. Gut, eine Modemesse ist keine Wohnsiedlung und kein Gewerbepark. Andererseits: Mode nach Berlin zu bringen, das ist so ähnlich wie Wasserversorgung in die Sahara. Also bitter nötig: Ich erinnere mich noch gut an den Schock, den ein Münchner Kollege in der Deutschen Oper hatte: Er war der einzige Besucher, der Anzug und Krawatte trug.

Und jetzt: Modebewusstsein, soweit die Start- und Landebahnen reichen. Ich male mir die Folgen in den strahlendsten Farben aus: Berliner mit geputzten Schuhen, Berlinerinnen, die keine Röcke über den Hosen tragen, sondern luftige Kleider. Und wenn man erst mal Kleider trägt, braucht man auch Stöckelschuhe. Und für Stöckelschuhe muss man die Schlaglöcher im Berliner Pflaster entfernen. Was wiederum bedeuten würde, dass Berlins Straßen repariert werden; und wenn erst die Berliner Straßen repariert werden, müssten eines Tages auch die Kindergärten und die Schulen und die Sozialbauten folgen. Mit einem Wort: Das ist nichts weniger als ein Konjunkturpaket!

Ganz abgesehen davon, dass eine Modemesse mit dem Namen "Bread and Butter" wunderbar zur "Hungerkralle" passt.

Verena Mayer, geboren 1972 in Wien, lebt seit 1999 als Journalistin in Berlin.

Printausgabe vom Samstag, 28. Februar 2009
Online seit: Freitag, 27. Februar 2009 14:46:00


Kommentare zum Artikel:

27.02.2009 19:47:10 Tja
Wenn das denn mal alles so wäre. Die Modemesse Bread&Butter ist nämlich eine reine Streetwear-Messe, Berlin ist schon seit Jahren die Modehauptstadt Deutschlands und wird nach Mailand und Paris als Fashion-Zentrum Europas gehandelt.
In München gibt es ebenso wie in Berlin eine Menge schlechtgekleideter Menschen und Mode hat mit angemessener Kleidung so wenig zu tun wie Streetwear mit Stockelschuhen.
Das zu den Fakten.

Dass der Flughafen unter der Hand an einen privaten Bekannten des Berliner Bürgermeisters vermietet wird und dass dieser Deal der Stadt Berlin und damit den Steuerzahlern Millionenverluste bescheren wird und obendrein der Flughafen dadurch für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich ist: all das ist ein handfester Skandal.

Und dann noch ein Tip von einem geborenen Berliner: die "humoresken" Bezeichnungen für Berliner Sehenswürdigkeiten wie Hungerharke, Telespargel, langer Lulatsch oder Hohler Zahn werden von echten Berlinern nicht benutzt. Niemals. Die Dinger heissen Luftbrückendenkmal, Fernsehturm, Funkturm und Gedächtniskirche.


Jan
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