• vom 09.02.2018, 16:19 Uhr

100 Jahre Republik - Tagebuch


Harald Krassnitzer

Schokolade-Träume und eine späte Verbeugung vor Franz Jonas




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    © apa/Hochmuth © apa/Hochmuth

    Der Tatort dieser Geschichte spielt in einem alten Klassenzimmer. Als ich 1969 in die Volksschule in Grödig ging, war hoher Besuch angesagt. Der Bundespräsident - damals Franz Jonas - sollte uns Schülern, wie die Direktion verlauten ließ, die Ehre geben.

    Es war die Zeit, als es noch üblich war, dass das Staatsoberhaupt jedem Kind ein Stück Schokolade mitbrachte. Die blauen und die grün verpackten Bensdorp-Riegel spalteten die Kinder der damaligen Zeit in zwei fanatische Fraktionen von Liebhabern: Blaue Schleifen belebten die Begierde der Milchschokolade-Fans und grün jene des Freundeskreises der Nuss-Schokolade.


    Ich wusste, was gut war, denn meine Mutter war Arbeiterin in der Schokolade-Fabrik in Grödig und brachte hin und wieder sogenannten "Bruch" nach Hause.

    Bei Begegnungen mit dem Bundespräsidenten Franz Jonas gab es für die Kinder immer Süßigkeiten.

    Bei Begegnungen mit dem Bundespräsidenten Franz Jonas gab es für die Kinder immer Süßigkeiten.© Imagno/Barbara Pflaum Bei Begegnungen mit dem Bundespräsidenten Franz Jonas gab es für die Kinder immer Süßigkeiten.© Imagno/Barbara Pflaum

    Damals beim Besuch in der Schule hat es sich Franz Jonas mit mir verscherzt. Ich wollte Grün wählen, bekam aber von ihm Blau in die Hand. Als echter Kenner hatte ich eine sehr bewusste Wahl getroffen und der Bundespräsident machte mir einfach einen Strich durch meine Rechnung. Damals half weder der Versuch einer Anfechtung oder gar des Tausches in Sachen Wählerwillen. Alles scheiterte kläglich und hat das Verhältnis zwischen einem kleinen Arbeiterkind und dem aus der Arbeiterschaft stammendem Staatsoberhaupt vorerst zerrüttet.

    Doch es gibt ein echtes Happy-End: Mit der politischen Bewusstwerdung habe ich mitbekommen, dass sich Jonas als kleiner Schriftsetzer hochgearbeitet hatte und wie persönlich bescheiden und spartanisch er lebte. Er wollte von Jugend an dem Weltfrieden dienen. Deshalb gehörte er bis zu seinem Tod der Esperanto-Bewegung an. (Anm. d. Red.: Diese entstand um 1890 und pflegt eine Kunstsprache, mit der in Zeiten des Nationalismus ein Vorrang bestehender Sprachen oder Völker überwunden werden sollte.) Für mich ist der asketisch lebende Franz Jonas heute ein Vorbild für Sozialdemokraten und ein viel zu wenig anerkannter Politiker unserer Zeitgeschichte.

    Harald
    Krassnitzer,

    Schauspieler,

    5082 Grödig




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    Harald Krassnitzer

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    Dokument erstellt am 2018-02-09 16:23:23




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