• vom 24.08.2016, 17:50 Uhr

Alpbach

Update: 24.08.2016, 21:11 Uhr

Universitätenkonferenz

Zug zum Tor statt Perpetuum Mobile




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Von Eva Stanzl

  • Oliver Vitouch, Chef der Universitätenkonferenz, über Etikettenschwindel beim Uni-Zugang und einen längerfristigen Budgetpfad.

Freiheit, Unverbindlichkeit und schlechte Ausstattung als "giftige Mischung": Uniko-Chef Vitouch.

Freiheit, Unverbindlichkeit und schlechte Ausstattung als "giftige Mischung": Uniko-Chef Vitouch.© apa/Neubauer Freiheit, Unverbindlichkeit und schlechte Ausstattung als "giftige Mischung": Uniko-Chef Vitouch.© apa/Neubauer

"Wiener Zeitung": Universitäten stehen zwischen Freiheit der Forschung, gesellschaftlicher Relevanz und dem Druck und ihrer Rolle als Nährboden für Innovationen: Dieses Spannungsfeld skizzierte Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner am Mittwoch zur Eröffnung des Hochschultags beim Forum Alpbach. Wie würde eine Uni-Finanzierung aussehen, die es ermöglicht, diesen Auftrag bestmöglich zu erfüllen?

Oliver Vitouch: Die Wissenschaft nimmt diese Aufträge gerne an. Das Problem ist aber, dass in Österreich die Ausstattung in Relation zu den Erwartungen problematisch ist. Es ist schwierig, die Erwartungsspirale noch höherzuschrauben, aber die Rahmenbedingungen, die die Universitäten benötigen würden, um diese Leistungsfähigkeit zu entfalten, nicht in einer Aufwärts-, sondern einer Seitwärtsbewegung zu behandeln.

Information

Oliver Vitouch: Der Psychologe und Kognitionswissenschafter ist seit Oktober 2012 Rektor der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt und seit Juni 2016 Präsident der Österreichischen Universitätenkonferenz.

Heißt das, mit den gegenwärtigen finanziellen Mitteln ist eine Aufwärtsbewegung unmöglich?

Das würde ich wieder nicht sagen, aber mit der Leistungsfähigkeit der Unis in anderen Ländern ist es deutlich besser bestellt. Weit vorne liegen der angelsächsische Raum, die Schweiz und Skandinavien, und auch China holt auf. Man sieht dort all die Dinge, die zu Recht gewünscht werden. Auch Start-ups und Spin-off-Gründungen aus Universitäten heraus sind dort häufiger. Dazu braucht es Erkenntnisse und die Möglichkeit zur Umsetzung mit anderen Worten: Wer aber ein ganzes Wochenende lang Prüfungsarbeiten korrigiert, gründet kein Spin-off.

Im UNO-Ranking zur Innovationsfähigkeit liegt Österreich auf Platz 20, die Schweiz bleibt Nummer eins. Erreicht man die Spitze ausschließlich mit mehr Geld?

In Österreich haben wir eine ganz spezifische Mischung. Sie setzt sich zusammen aus dem freien Uni-Zugang, der eigentlich zum Etikettenschwindel geworden ist, einer chronischen Unterfinanzierung der Unis und dem Anspruch an Spitzenleistungen. Diese Mischung ist wie die Quadratur des Kreises oder ein Perpetuum Mobile: Man kann sich noch so sehr wünschen, dass es aufgeht, doch es wird nicht passieren. Das heißt, man muss faktisch die Rahmenbedingungen ändern und die Unis im Rahmen ihrer Kapazitäten leistungsfähiger machen. Das hat auch mit einer größeren Ernsthaftigkeit, was das Studium anbelangt, zu tun und, wie wir am Beispiel Schweiz sehen, wahrscheinlich mit mehr Bekenntnis zu Exzellenz und Spitzenleistungen. Zum Begriff Spitze hat Österreich ja durchaus ein schlampiges, wahrscheinlich auch ein Hass-Liebe-Verhältnis.

Aus den Mitteln aus der Bankensteuer für Wissenschaft und Bildung ist Geld für Ganztagsschulen vorgesehen, aber keines für die Unis. Könnte sich daran im Finanzrahmen für das Budget 2019-21 doch noch etwas ändern?

Die Ganztagsschulen sind wichtig und man kann nicht alles gleichzeitig machen. Worum es den Unis aber geht, ist keine Triennale, bei der wir alle drei Jahre um den Teuerungsausgleich verhandeln. Wir wollen einen längerfristigen Budgetpfad, der dorthin führt, wo wir im Sinne der Wettbewerbsfähigkeit und Innovationsdynamik sein sollten, nämlich bei zwei Prozent des BIP im tertiären Sektor.

Dieses Ziel ist für 2020 angepeilt. Derzeit sind wir allerdings erst bei 1,5 Prozent.

Es ist eine banale Offensichtlichkeit, dass wir 2020 nicht dort sein werden, sondern eher nach wie vor bei 1,5 Prozent. Drei Jahre auf oder ab machen allerdings wenig Unterschied. Vielmehr müsste ein Gestaltungswille und ein politischer Plan erkennbar sein, welche Änderungen erforderlich sind und angegangen werden, um dorthin zu führen. Meine Erwartung an die Politik wäre somit, dass dieser Zug zum Tor - also das Gegenteil von Reformstau - entsteht. Aber noch fehlt mir die Zuversicht, dass die Tore geschossen werden.

Welche Spielzüge wünschen Sie sich?

Zum einen muss eine entsprechende Finanzierungsbasis gesichert werden, im Vergleich zu anderen Ländern sind wir da ein sattes Stück weit hinten. Zum anderen muss man sich überlegen, wie viele Absolventen es in welchen Sparten braucht. Zu sagen, wir machen alles völlig frei und interessensgeleitet, aber in Verbindung mit einer geringen Verbindlichkeit und schlechter Ausstattung, ist eine giftige Mischung, bei der in manchen Fächern 50 Prozent der Studierenden umsatteln oder als Drop-out enden. Statt dieser Beliebigkeit müssen wir überlegen, welche Schwerpunkte im Sinne einer Gesamtbetrachtung sinnvoll sind.

Läuft das auf mehr Zugangsbeschränkungen hinaus?

Das Wort Zugangsbeschränkung ist von Haus aus vergiftet. Aber was der freie Hochschulzugang im Alltag in vielen Fächern erzeugt, ist alles andere als wohlig, sondern eine zynische Vergeudung von Lebenszeit in den Biografien junger Menschen. Sie sollten Studienbedingungen vorfinden, die diese Bezeichnung auch verdienen. Und sie sollten in einer planbaren Zeit zu einem Abschluss kommen können und Kontakt zu ihren wissenschaftlichen Betreuern haben. Ich bin dafür, Unis zu Aufnahmeverfahren zu ermächtigen, wo sie tatsächlich nötig sind. Hier könnte es auch Automatismen bei Finanzierungsmodellen geben, etwa indem Budgets erhöht werden, wenn die Zahl der zugelassenen Anfänger erhöht werden soll, so wie bei den Fachhochschulen.

Fachhochschulen (FH) haben eine Studienplatzfinanzierung, Unis haben ein Globalbudget. Nun soll mehr Durchlässigkeit zwischen Uni- und FH-Studien geschaffen werden. Was bedeutet das für die Uni-Budgets und -Fächer?

Jemand mit einem Bachelor-Abschluss an einer FH sollte sich leichter und unbürokratischer an einer Uni mit einem Master vertiefen können. Ich sehe hier weniger ein Geldflussthema, als ein Thema in der unterschiedlichen inhaltlichen Ausrichtung der Studien. Eine Informatik-Veranstaltung der FH ist inhaltlich anders als an einer Uni, zumal die FH unmittelbar für Berufsfelder ausbilden, während Uni-Studien eine längere Halbwertszeit des Wissens haben. Wir müssen diese Kluft überbrücken. Neben der Heranbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses haben Unis jedenfalls immer und überall auch für verschiedenste Arbeitsmärkte ausgebildet, auch international.





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Dokument erstellt am 2016-08-24 17:53:06
Letzte ─nderung am 2016-08-24 21:11:02




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