• vom 27.08.2016, 05:58 Uhr

Alpbach


Europäisches Forum Alpbach

"Wir beobachten einen globalen Bürgerkrieg"




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (19)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Teresa Reiter

  • Der indische Essayist Pankay Mishra sagt, dass wir in einem Zeitalter des Zorns leben.

Pankay Mishra meint, dass die globale Vernetztheit "auch Konflikte und Unzufriedenheit mit sich bringen kann". - © T. Reiter

Pankay Mishra meint, dass die globale Vernetztheit "auch Konflikte und Unzufriedenheit mit sich bringen kann". © T. Reiter

Alpbach. Der indische Essayist und Schriftsteller Pankaj Mishra beschäftigt sich in seinem Buch "The Age of Anger" (Das Zeitalter der Wut), das 2017 erscheinen wird, mit der Globalisierung von Wut, Hass und Gewalt. Derzeit ist er beim Europäischen Forum Alpbach zu Gast. Mit der "Wiener Zeitung" sprach er über die Gemeinsamkeiten von Trump-Wählern und Anhängern des Islamischen Staates.

"Wiener Zeitung": In Ihrem neuen Buch beschreiben Sie verschiedene Formen von Unzufriedenheit und Ärger, die überall auf der Welt zu wie auch immer gearteten Formen der Gewalt führen. Gab es das schon früher oder ist das etwas, das charakteristisch für das Hier und Jetzt ist?

Information

Pankaj Mishrac ist ein aus Indien stammender Autor literarischer und politischer Essays und Literaturkritiker. Er schreibt regelmäßig für das "New York Review of Books" und erhielt 2014 den Windham-Campbell-Preis der Yale University für Sachliteratur.

Pankaj Mishra: Es ist ein interessanter Zeitpunkt in der Weltgeschichte. In vielen Teilen der Welt fühlen die Menschen ein gewisses Maß an politischer Unzufriedenheit, die sich verschieden äußert. Egal ob man in der Türkei ist, in Libyen, den Vereinigten Staaten oder Tunesien, die Reaktionen reichen von Unterstützung für Donald Trump zum Aufbruch nach Syrien oder in den Irak, um dort für den sogenannten Islamischen Staat zu kämpfen.

Warum scheint das momentan weltweit überall gleichzeitig zu passieren? Gibt es keine Länder, die immun gegen diesen Effekt sind?

Aus offensichtlichen Gründen gibt es Ausnahmen, wie etwa Nordkorea. Staaten, die immer noch sehr isoliert und in sich gekehrt sind, sind gut vor diesen zerstörerischen Kräften der globalisierten Wut geschützt. Klar haben die ihre eigenen Probleme, aber diese Art politischer Irrsinn ist keines davon. Kuba ist ein weiteres Beispiel, sowie Staaten wie China, Vietnam und Indonesien, die sehr viel Kontrolle über ihre Bürger ausüben und daher weniger von solchen globalen Phänomenen betroffen sind als andere.

Es ist also das Streben nach Internationalisierung, nach globaler Vernetzung, das für den genau gegenläufigen Trend verantwortlich ist?

Absolut. Eines meiner Argumente lautet, dass wir zu lange daran gewöhnt waren, diese globale Vernetztheit als etwas rein Positives zu betrachten. Von der Aufklärung an war die Idee einer globalen Zivilisation ein Zeichen für Fortschritt. Ich glaube, wir bemerken jetzt, dass - und das ist historisch gesehen schon sehr lange so - dieser Prozess auch Konflikte und Unzufriedenheit mit sich bringen kann, die politisch sehr toxisch sind.

Kommt es einem nur so vor, dass jene, die die internationale Gemeinschaft oder im Kleineren zum Beispiel Europa zerstören wollen, sich dieser internationalen Vernetztheit besser bedienen als jene, die sie retten wollen?

Das stimmt. Der Islamische Staat hat das Internet, Facebook, Twitter, Snapchat in einer Art dazu genutzt, junge Männer und Frauen als Gefolgsleute anzuwerben, wie keine Regierung dieser Welt das je geschafft hat. Die Welt ist voll von Menschen, die wütend sind, sich von der Wirtschaft und ihren Politikern und technokratischen, kosmopolitischen Eliten zurückgelassen fühlen, die das Gefühl haben, dass man ihnen etwas versprochen hat, das nie gehalten wurde, und dass man sie von Anfang an getäuscht hat.

Sind Gesellschaften unabhängig von Religion und Grenzen gleichermaßen von diesem Phänomen betroffen?

Weltweit gibt es dabei viele Variationen, aber es gibt ein paar Muster, wie etwa die Suche nach einem Sündenbock. Das kann im Falle der Extremistin im Mittleren Osten der Westen sein, oder Schiiten, wenn man ein Sunnit ist. Es kann die Frau im Burkini sein, wie jetzt in Frankreich, oder die Mexikaner oder ein anderer Immigrant, wenn man Donald Trump ist. Die gleichen Prozesse gibt es aber etwa auch in Myanmar, einer mehrheitlich buddhistischen Gesellschaft, die gerade eine Explosion an Engstirnigkeit und Fanatismus erlebt. Einen Schuldigen zu suchen ist nicht mehr nur ein politisches Phänomen, es ist ein weltweites psychologisches Phänomen. Es überschreitet staatliche, religiöse und ethnische Grenzen.

Das ist aber jetzt kein neues Phänomen.

Nein. In meinem Buch betrachte ich das historisch. Österreich spielt dabei eine sehr große Rolle, denn das Österreich des späten 19. Jahrhunderts war ein Hochofen für die Ideologien der heutigen Welt. Ein Nationalismus, der darauf ausgelegt ist, einen internen Feind zu finden, entstand auch dort. Wien war der Ort, an dem Demagogie verfeinert wurde und sich erstmals politisch manifestierte. In meinem Buch versuche ich zu erklären, wie andere Staaten heute dasselbe durchmachen, was Österreich im 19. Jahrhundert im Zuge von Modernisierung und Urbanisierung durchlief. Menschen verlieren ihre Jobs, ihre Identität und haben keine Ahnung, was los ist, und sie wollen jemandem dafür die Schuld geben. Und wenn dann jemand um die Ecke kommt, der einen Schuldigen anbietet, etwa einen Juden, dann denkt sich schnell jemand: Stimmt, es sind diese Leute, die Geld haben, die transnational agieren und keinem Staat gegenüber loyal sind, die verantwortlich sind.

Erfährt dieses Phänomen eine wechselhafte Konjunktur? Wo sind wir in der Kurve? Am Höhepunkt oder irgendwo in der Mitte?

Es ist sicher nicht gescheit, die Zukunft voraussagen zu wollen. Aber es gibt schon ein Muster der sich steigernden Eskalation. Es geht dabei hauptsächlich darum, wie man die Früchte, die der Kapitalismus trägt, an eine größere Menge Menschen verteilen kann. Das war im 19. Jahrhundert ein Problem in Europa und ist jetzt ein weltweites, speziell für Länder, für die der Kapitalismus vergleichsweise neu ist. Ich glaube, man kann sagen, dass es einen Anstieg an Gewalt gibt, das ist ein sehr verstörender Trend. Es ist schwer zu sagen, wohin das führen wird. Wir wissen, dass diese Spannungen und Konflikte im 19. Jahrhundert zum Ersten Weltkrieg geführt haben, zu exzessiver Abschlachtung von Menschen und danach zum Zweiten Weltkrieg und dem Verlust von noch mehr Menschenleben.


weiterlesen auf Seite 2 von 2




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-08-26 18:02:06
Letzte nderung am 2016-08-26 19:23:09




Werbung



Alpbachkolumne

Falsches Liebäugeln

Rösner - © Wiener Zeitung Kurze Aufregung gab es, als im Wahlprogramm der SPÖ angekündigt wurde, man wolle den gemeinnützigen Wohnbau für Finanzinvestoren öffnen... weiter




Commons

Die Flaggen und die Daten

Kostanze Walther - © WZ In einem Sketch des britischen Comedian Eddie Izzard macht er sich über "die geschickte Nutzung von Flaggen" als Kolonialwerkzeug lustig... weiter




Alpbach-Blog

Ein Vertrag gegen den automatisierten Krieg

Daniel Bischof Sie werden nie müde, gehorchen und beschweren sich nicht: Kampfdrohnen. Wird eine von ihnen abgeschossen, müssen keine Angehörigen informiert werden... weiter





@forumalpbach





Werbung


Werbung