• vom 02.09.2016, 16:58 Uhr

Alpbach

Update: 02.09.2016, 17:29 Uhr

Forum Alpbach

Stadtphilosophie




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Von Teresa Reiter

  • Stadtplaner fordern bei den Baukulturgesprächen, dass man nicht immer nur nach vorne schauen kann, sondern auch bestehende Architektur kritisch hinterfragen muss.

Bei den Baukulturgesprächen, die am Freitag traditionell den Abschluss des diesjährigen Europäischen Forums Alpbach einläuteten, drehte sich heuer alles um das Thema Stadt. Der ständig an Komplexität gewinnende Organismus Stadt ist die Arena, in der sich die Interessen und Bedürfnisse seiner Bewohner widerspiegeln, die ständig neue Formen annehmen. Als Stadtplaner steht man heute mehr denn je vor der Herausforderung, für eine Zukunft zu gestalten, die sich quasi im Minutentakt verändert. Das Planen für das Unbekannte hat aber durchaus seine attraktiven Seiten, fand man bei der entsprechenden Podiumsdiskussion in Alpbach. Passend zum diesjährigen Konferenzthema "Neue Aufklärung" geriet die Debatte überraschend bauphilosophisch.

Brady Collins, Universitätsprofessor an der UCLA etwa, präsentierte das Projekt Urban Humanities, innerhalb dessen Studierende der kalifornischen Universität sich unter anderem mit dem Mapping, der Abbildung von kalifornischen Großstädten beschäftigt, ein Thema, so Collins, das in den Städten Europas genauso auf dem Tisch liege. Seiner Ansicht nach bedarf das Städtemapping vieler Stimmen, um die Realität gut abzubilden und sei nicht so objektivierbar, wie man sich das im ersten Moment vielleicht vorstelle. Das habe vor allem damit zu tun, dass Großstädte heute kosmopolitische und sehr schnelle Orte seien. "Die Großstädte der amerikanischen Westküste sind sehr vernetzt, sehr reich an Kultur und Diversität. Es finden Transaktionen statt, die emotional sind, ökonomisch oder politisch und zwar in einem Tempo, wie in der digitalen Welt." Auf diese Dimension müsse man beim Abbilden der Stadt eingehen, so man Stadtplanung der Zukunft auf feste Beine stellen wolle.

Bestehende Architektur neu interpretieren

Rückenwind, wenn auch mit einem anderen Zugang, bekam er von seinem Kollegen Hubert Klumpner, Professor am ETH Zürich der einwarf, er habe die Smart City Diskussion satt. "Ich weiß nicht was eine Smart city ist, wir plädieren dafür less stupid (weniger dumme, Anm.) Cities zu bauen. Mit denen haben wir es nämlich hauptsächlich zu tun", so Klumpner. Der Schweizer Architekt, der mit vielen innovativen Baulösungen in Lateinamerika befasst ist, sprach von den einstürzenden Häusern in Havanna, die nicht nur Personenschaden verursachen würden, sondern auch daran erinnern, dass man bei der Stadtplanung nicht immer nur nach vorne schauen kann, sondern auch die bereits bestehende Architektur im Rückspiegel betrachten müssen und diese kritisch zu hinterfragen und möglicherweise neu zu interpretieren. Wichtig sei das besonders deshalb, weil wir als Gesellschaft die Kapazität verloren hätten, richtige Vorhersagen für die Entwicklung der Städte, etwa für die Geschwindigkeit ihres Wachstums zu machen. Eine tiefergehende Beschäftigung mit den Bauwerken der Vergangenheit, dem Abbild vergangener Bauentscheidungen, sei aber hilfreich, bei der Beschäftigung mit der Stadt der Zukunft.

Stadtplanung muss Scheuklappen ablegen

Gleichzeitig sei er der Meinung, dass unser Vokabular, was das Städte erdenken angeht, heute sehr beschränkt sei. Im Zentrum stehe oft die Frage, was man tun würde, wenn man mit einer Stadt ganz von vorne anfangen könnte. Dann merke man schnell, dass man viele Dinge heute verlernt habe, wie etwa, Städte am Wasser zu bauen. "Obwohl wir Venedig besuchen und begeistert davon sind", gäbe es offenbar diese Idee in unserer heutigen Vorstellung kaum noch. Das sei aber nur ein Beispiel dafür, dass Stadtplanung oder das Nachdenken darüber heute teilweise mit Scheuklappen geschehe, obwohl jeder von der Smart City spricht.

Das alles solle schon im Dialog mit den Bewohnern eines Ortes geschehen, jedoch kritisierte Klumpner auch da, dass man sich das zu einfach vorstelle. "Bottom-up Prozesse müssen moderiert werden. Man kann nicht erwarten, dass Menschen, die in irgendwelchen Kontexten wohnen von sich aus mit Ideen kommen", so Klumpner. Dies sie vor allem deshalb wichtig, weil man sich zwar als Architekt tolle Dinge überlegen könne, die aber nie gebaut werden könnten, wenn man sie der Bevölkerung nicht näherbringt.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-09-02 16:59:02
Letzte ńnderung am 2016-09-02 17:29:06




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