• vom 28.08.2017, 18:00 Uhr

Alpbach


Anthropozän

Die Geister, die wir riefen




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Von Gerhard Lechner

  • Der Mensch hat Elementarkräfte entfesselt. Im Anthropozän muss er lernen, sie unter Kontrolle zu bekommen.

Künstliche Intelligenz auch bei Gottesmännern: ein buddhistischer Roboter-Priester bei der Expo 2017 in Tokio.

Künstliche Intelligenz auch bei Gottesmännern: ein buddhistischer Roboter-Priester bei der Expo 2017 in Tokio.© reuters/Kim Kyung-Hoon Künstliche Intelligenz auch bei Gottesmännern: ein buddhistischer Roboter-Priester bei der Expo 2017 in Tokio.© reuters/Kim Kyung-Hoon

Wien/Berlin. Enden die Hoffnungen, die am Beginn des 21. Jahrhunderts standen, wie jene des 20. Jahrhunderts? Zu Beginn des vorigen Säkulums war der Optimismus groß. Wissenschaft und Technik schienen den Sprung in ein neues Zeitalter vorzubereiten, die staatlichen Institutionen strahlten Sicherheit und Zuverlässigkeit aus, der Wohlstand wuchs trotz Massenarmut breiter Kreise zuverlässig und auch die allgegenwärtigen Streitigkeiten zwischen den Völkern, so meinten Optimisten, wären im Zeitalter zunehmenden internationalen Handels nur noch ein Anachronismus. Ein paar Jahre, vielleicht Jahrzehnte, und Friede und Wohlstand für (fast) alle wären möglich. "Das goldene Zeitalter der Sicherheit" nannte der Schriftsteller Stefan Zweig diese Epoche, die von sich glaubte, auf festem Boden gegründet zu sein.

Dann kam der Erste Weltkrieg und nach ihm Inflation und Weltwirtschaftskrise. Die trügerischen Sicherheiten der bürgerlichen Welt zerfielen wie ein Kartenhaus. In Deutschland kamen die Nationalsozialisten an die Macht, der von ihnen ausgelöste Zweite Weltkrieg verheerte nicht nur Europa. Von einem zuverlässigen Kitt der Zivilisation konnte nach den nationalsozialistischen und kommunistischen Massenmorden niemand mehr sprechen, das vordem so fest gegründete Vertrauen des Menschen in seine Mitmenschlichkeit war erschüttert - während sich parallel seine Möglichkeiten ins Uferlose erweiterten: Der Mensch, dem gegen Ende des 19. Jahrhunderts zur Fortbewegung auf dem Land fast ausschließlich die Eisenbahn zur Verfügung stand und sonst nur Pferd, Kutsche und die eigenen Füße, reiste bereits in den Sechziger Jahren bis zum Mond - und konnte sich, seine Erde, erstmals von außen betrachten.

Ein Vorläufer des modernen Menschen: Leonardo da Vinci mit seinen Maschinen-Skizzen.

Ein Vorläufer des modernen Menschen: Leonardo da Vinci mit seinen Maschinen-Skizzen.© Archiv Ein Vorläufer des modernen Menschen: Leonardo da Vinci mit seinen Maschinen-Skizzen.© Archiv

Seine Erde - denn mit den rasanten Erfolgen von Wissenschaft und Technik nahm auch der Respekt des Menschen vor der früher oft schrecklichen und unberechenbaren Natur - und dem hinter ihr stehenden Gott - ab. Heute ist der Mensch das "Leitfossil seiner Epoche", wie sich der Schriftsteller Ernst Jünger in den 1950er Jahren ausdrückte - ein Wesen, das in die Erdgeschichte eingreift, das seine Welt umformt und ihr den Stempel aufdrückt. Die Wissenschaftler der Internationalen Stratographischen Gesellschaft haben dem vor genau einem Jahr Rechnung gestragen und ein neues Zeitalter ausgerufen: das Anthropozän - das Zeitalter des Menschen. Dessen schiere Zahl verändert den Planeten. Sein Plastikmüll zerstört die Meere, seine Eingriffe in die Biosphäre rotten Tierarten aus, seine Autobahnen zersägen die Landschaft, sein Asphalt versiegelt den Boden, sein Beton heizt die Städte auf und verändert das Klima, seine Atombombenabwürfe und Atommüllabfälle hinterlassen kontaminiertes Gelände. Dazu macht die Entwicklung von Robotern, die den Menschen ersetzen und übertreffen könnten, vielen Angst.



Den Negativa stehen freilich auch genug Positiva gegenüber. Der menschliche Erfindergeist bringt auch im 21. Jahrhundert immer wieder Lösungen hervor - auch für selbst geschaffene Probleme. So sind die Wälder im heutigen Österreich nicht, wie man in den 1980er Jahren noch glaubte, gestorben, sondern gedeihen prächtig. Die Wasserqualität der Seen und Flüsse hat sich positiv entwickelt. Die Industrieanlagen bauen Filter ein - auch im ehemals kommunistischen Teil Europas. Auch hofft man, Umweltprobleme mithilfe moderner Technologien in den Griff zu bekommen.


Schwellenländer holen auf
Vom Optimismus der Jahrtausendwende, der durch die guten Wirtschaftsdaten der 1990er Jahre befeuert wurde, ist in den westlichen Industriestaaten dennoch nicht mehr viel zu bemerken. Das liegt nicht nur am allgegenwärtigen islamistischen Terrorismus, an der Wirtschafts- und Finanzkrise seit 2007/08 und am fragilen politischen Weltgefüge. Auch die Erde selbst scheint zunehmend instabil geworden zu sein. Die Vorstellung, dass sich der Mensch parallel zu politisch unsicheren Zeiten wie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wissenschaftlich in ungeahnte Höhen schwingt, löst heute eher Ängste als Hoffnungen aus. Aus Utopien sind Dystopien geworden. Die Endlichkeit des Planeten scheint den titanischen Plänen des Menschen Grenzen zu setzen. "Wir bemerken heute, dass so etwas wie Gesellschaft oder Ökonomie auch fundamental physisch ist", meint der Biologe und Nachhaltigkeitsforscher Fridolin Krausmann. "Unser Grundproblem ist, dass wir riesige Energiemengen nutzen", sagt der Ökologe von der Universität Klagenfurt der "Wiener Zeitung". "Jedes Jahr entnehmen wir ungefähr 80 Milliarden Tonnen an Material aus der Natur. Rund 30 bis 40 Prozent davon verbrauchen die Industrieländer, in denen aber nur etwa 15 Prozent der Weltbevölkerung leben", erklärt Krausmann - und er weist auf Entwicklungen hin, die ebenso erfreulich wie besorgniserregend sind: "Die Schwellenländer kommen jetzt bald auf das Level der traditionellen westlichen Industriestaaten. So hat etwa China seinen Energieverbrauch gewaltig in die Höhe geschraubt. Und China hat bekanntlich eine hohe Bevölkerungszahl. Wenn man sich die Zahlen ansieht, wird man merken: Es ist unmöglich, dass alle auf unserem Level leben." Krausmann plädiert ähnlich wie der Umweltwissenschafter Vaclav Smil dafür, dass die Industriestaaten ihren Energieverbrauch einschränken.

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Dokument erstellt am 2017-08-28 18:06:10




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