• vom 29.08.2017, 16:41 Uhr

Alpbach

Update: 30.08.2017, 07:57 Uhr

Interview

"Integration und Islam zu lange ignoriert"




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Von Siobhán Geets

  • In den islamischen Gruppierungen Europas gebe es ein Sicherheitsproblem, sagt Seyran Ates.

In der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee dürfen Frauen und Männer gemeinsam beten. - © afp/John Macdougall

In der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee dürfen Frauen und Männer gemeinsam beten. © afp/John Macdougall



Ates: "Es gibt einen europäischen Islam; den gilt es zu unterstützen."

Ates: "Es gibt einen europäischen Islam; den gilt es zu unterstützen."© Maria Noisternig Ates: "Es gibt einen europäischen Islam; den gilt es zu unterstützen."© Maria Noisternig

In der Berliner Ibn-Rushd-Goethe-Moschee sind alle willkommen: Männer wie Frauen, Schiiten wie Sunniten, Atheisten, Andersgläubige und Homosexuelle. Frauen müssen kein Kopftuch tragen und dürfen mit Männern gemeinsam beten. Auch Imaminnen soll es geben. Das passt vielen nicht. Seit der Eröffnung im Juni erhält die Rechtsanwältin und Mitgründerin der Moschee, Seyran Ates, Morddrohungen. Sie steht rund um die Uhr unter Personenschutz. Auch in den traditionellen Alpbacher Bögnerhof, am Rande des Europäischen Forums Alpbach, kommt sie in Begleitung. An den beiden Tischen um sie herum sitzen einige Leibwächter. Ohne sie kann Ates das Haus nicht mehr verlassen.

"Wiener Zeitung":Nach dem Attentat in Barcelona meinten Sie, solche Anschläge hätten durchaus etwas mit dem Islam zu tun. Widersprechen Sie der These, dass viele Terroristen nur oberflächlich Kenntnis vom Islam haben?

Information

Zur Person

Seyran Ates

wurde 1963 in Istanbul geboren und kam mit sechs Jahren nach Deutschland. Die Juristin und Autorin befasst sich mit Straf- und Familienrecht. 1984 bei einem Attentat lebensgefährlich verletzt, ließ sie sich nicht davon abbringen, sich für Frauenrechte einzusetzen. 2009 zog sie sich wegen Morddrohungen nach Erscheinen ihres Werks "Der Islam braucht eine sexuelle Revolution" vorübergehend aus der Öffentlichkeit zurück. Mit der Bürgerinitiative www.stopextremism.eu will sie die EU-Kommission dazu bewegen, ein Gesetz gegen Extremismus zu erlassen.

Seyran Ates: Natürlich! Das sind kontraproduktive Schutzbehauptungen. Es hat uns unglaublich geschadet, dass so viele muslimische Verbände immer wieder betont haben, das hätte nichts mit dem Islam zu tun, um sich aus der Verantwortung zu ziehen. Wir müssen als Gemeinschaft gegen diesen Extremismus kämpfen. Für mich war die Gründung der Moschee auch deshalb notwendig. Wer sieht, wie sich Männer und Frauen in den Moscheen und Korankursen radikalisieren, muss diese Leute outen und konfrontieren. Und noch etwas: Es hat sich ein sogenannter Islamischer Staat gebildet, es gibt eine Islamische Republik Iran und ein islamisches Saudi-Arabien. Wenn wir nach der europäischen Maxime vorgehen, alle, die im Namen der Religion Gewalt anwenden und gegen unsere Menschenrechte verstoßen, abzulehnen, würden wir kein einziges islamisches Land akzeptieren. Dann müssten wir sagen: Das hat alles nichts mit dem Islam zu tun. Das ist denklogisch falsch. Wer entscheidet darüber, wer Moslem ist? Diese Menschen halten die fünf Säulen des Islam ein: Das Glaubensbekenntnis, sie beten fünf Mal am Tag, sie spenden, sie fasten. Die allermeisten dieser Islamisten waren in Mekka. Sehr viele der Muslime, die behaupten, das wären keine, haben selbst noch nicht einmal die Hälfte dieser fünf Säulen erfüllt.

Um den politisch-ideologischen Islam zu bekämpfen, wollen Sie auch mit Konservativen und Fundamentalisten zusammenarbeiten, solange sie nicht gewalttätig sind. Wie soll das funktionieren? Sind islamische Fundamentalisten nicht immer Islamisten, also Vertreter des politischen Islam?

Nein, eben nicht. Es gibt auch Salafisten, die keine Extremisten sind und sich gegen Gewalt aussprechen.

Aber eine Trennung von Staat und Religion werden auch die nicht wollen.

Dabei handelt es sich natürlich um eine Minderheit. Als liberaler Mensch muss ich da offen sein. Wenn jemand fundamentalistische Vorstellungen hat, gewaltfrei ist und Staat und Religion trennen will, dann kann ich nicht Nein sagen. Wir können den politischen Islam nur zusammen mit den Konservativen bekämpfen. Ich wünsche mir, dass Konservative aufhören zu leugnen, dass das alles mit dem Islam zu tun hat. Sie sind in der Verantwortung, denn teilweise werden gerade in ihren Reihen Menschen radikalisiert. Wenn da Leute aus den Moscheen in Syrien landen, dann müssen sich die Gemeinden die Frage stellen, was sie übersehen haben.

Fragen sich das die Betroffenen auch?

Ich glaube, sie fragen es sich, verharmlosen es aber oder sind gar mit der Ideologie einverstanden. Das ist meine Unterstellung: Dass ein Teil der Konservativen das begrüßt und befürwortet und deshalb nicht mit den Sicherheitsbehörden zusammenarbeitet. Wir haben in der islamischen Community ein Sicherheitsproblem, das wir bearbeiten müssen. Das heißt nicht, dass wir in die Religion eingreifen oder der gesamte Islam ein Problem ist. Muslime sind ja sehr viel häufiger davon betroffen.

Die meisten Opfer von Anschlägen durch Islamisten sind Muslime.

Und deshalb müssen die Konservativen erst recht aufstehen und sagen: Wir müssen unsere Schwestern und Brüder im Glauben schützen.

Sie haben die europäische Bürgerinitiative www.stopextremism.eu ins Leben gerufen und die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin mitbegründet, die für einen säkularen Islam steht, lassen sich zur Imamin ausbilden. Seither erhalten Sie wieder Morddrohungen. Woher nehmen Sie Ihren Optimismus, dass sich ein aufgeschlossener, liberaler Islam in Europa durchsetzen lässt?

Ich arbeite seit acht Jahren an der Idee der Moschee und setze mich seit mehr als 30 Jahren mit Frauenrechten in der islamischen Community auseinander. Ich weiß, dass dort der Kern des Problems liegt; ich habe mit vielen Menschen gesprochen. Nach dem Arabischen Frühling ging ein Ruck durch die Gesellschaft. Es wurde deutlich, dass die Menschen es leid sind, so ein Leben zu führen - in wirtschaftlicher Abhängigkeit von der westlichen Welt. Die muslimischen Jugendlichen sind es leid, reglementiert zu werden, kontrolliert in ihrem Privatleben und in ihrer Sexualität. Die islamischen Länder kümmern sich mehr darum, Frauen zu verhüllen, als um technischen und wirtschaftlichen Fortschritt. Es herrscht ein Bedürfnis nach Veränderung. Als wir die Moschee eröffneten, haben wir von überall Unterstützung bekommen: Wir sind ein Hoffnungsprojekt für die ganze Welt.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-29 16:45:08
Letzte nderung am 2017-08-30 07:57:16




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