• vom 30.08.2017, 17:56 Uhr

Alpbach

Update: 30.08.2017, 20:21 Uhr

Rahaf Harfoush

Schöne, gruselige neue Welt




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Aber das stimmt nicht. In Ontario, wo ich herkomme, findet gerade ein BGE-Experiment statt: Eine bestimmte Anzahl von Menschen erhält für eine bestimmte Zeit ein Grundeinkommen. Sie werden dadurch nicht fauler. Das liegt daran, dass Arbeit identitätsstiftend ist. Und selbst wenn der eine oder andere den ganzen Tag auf der Couch sitzen und fernsehen will? Was wäre so schlimm daran? Was geht uns das überhaupt an, solange er keine Last ist? Die Menschen regen sich sehr darüber auf; sie wollen nicht, dass jemand so leben darf. So eine Lebensweise ist kulturell verpönt: Wir müssen immer ambitioniert sein, nach vorne streben, weiterhasten. Das sind unsere kulturellen Werte, von uns erfundene soziale Konstrukte.

Sie arbeiten auch zum Thema Soziale Medien, die unsere Informationsbeschaffung verändert haben. Ein Großteil der Werbung geht heute an Google und nicht mehr an klassische Medien. Stehen wir vor dem Ende von Print?

Das glaube ich nicht. Sehen Sie sich die Musikbranche an. Während die digitale Welt die CD verdrängt hat, erlebte Vinyl ein neues Hoch. Schöne, gebundene Bücher wird es immer geben, trotz E-Books. Das Pendel schlägt aus, aber irgendwann pendelt es sich wieder ein. So sehen wir eine Zunahme von Print-Magazinen.

Verändert haben die Sozialen Medien auch unsere Art der Kommunikation. Wie beeinflusst das unsere Kultur?

Es geht um die Erwartung, immer erreichbar zu sein. Kennen Sie den Ausdruck "being left on read" (in etwa: "gelesen und zurückgelassen")? Wenn ich Ihnen eine Nachricht über Messenger-Dienste wie WhatsApp oder Facebook schicke, sehe ich zwei blaue Häkchen, sobald Sie sie gelesen haben. Ich weiß also, dass Sie meine Nachricht gesehen haben, aber nicht antworten. Dabei erwarten wir eine sofortige Reaktion. Denken Sie an die sozialen Implikationen! Das Verrückte daran ist, dass die Technologie unser Verhalten gestaltet. Diese Messenger-Eigenschaft bestimmt die Art und Weise, wie sich soziale Annäherung entfalten kann.

Online gibt es bereits viele Memes - Bilderwitze -über "left on read": etwa ein Bild aus dem Film "Frühstück bei Tiffany", wo George Peppard seinem Gegenüber Audrey Hepburn sagt, dass er sie liebt. Darunter stehen zwei Häkchen und das Wort: Gesehen. Jeder, der diese Messenger-Dienste nutzt, versteht den Scherz sofort. Die Kommunikation beeinflusst unsere Kultur, sie verändert unsere sozialen Normen. Meine beste Freundin hat vielleicht 20 Minuten Zeit zu antworten, bevor ich mich zurückgewiesen fühle. Ein Arbeitskollege, dem ich nicht nahe stehe, ein paar Stunden. All das erschüttert uns zwar nicht in unseren Grundfesten, denn es ging immer schon um Kommunikation. Doch es verändert unsere Regeln und die Mechanismen, nach denen wir Entscheidungen treffen.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-30 18:00:09
Letzte nderung am 2017-08-30 20:21:34




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