• vom 01.09.2017, 16:56 Uhr

Alpbach

Update: 01.09.2017, 17:16 Uhr

Fairtrade

"Die sozialen Dimensionen gehen verloren"




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Von Anja Stegmaier aus Alpbach

  • Die Soziologin Laura Raynolds über fairen Handel, Äpfel aus Chile und die Rolle der Konsumenten bei der Digitalisierung.



"In vielen Fällen geht saisonal vor regional", sagt Laura Raynolds über nachhaltigen Konsum.

"In vielen Fällen geht saisonal vor regional", sagt Laura Raynolds über nachhaltigen Konsum.© Andrei Pungovschi "In vielen Fällen geht saisonal vor regional", sagt Laura Raynolds über nachhaltigen Konsum.© Andrei Pungovschi

"Wiener Zeitung": Wie fair ist eigentlich Fairtrade?

Laura Raynolds: Das ist komplizierter, als man denkt, denn es gibt zahlreiche Aspekte, die man beachten muss. Fairer Handel ist zunächst einmal eine Idee. Die Idee, dass Handel gerechter sein sollte. Es gibt eine Reihe an Initiativen, die versuchen, das umzusetzen - die bekannteste in Europa ist das Fairtrade International Label -, und bestimmte Standards haben. Die eigentliche Frage ist aber: Können wir damit wirklich Gerechtigkeit in der Welt erreichen? Helfen die Initiativen uns, die Bedingungen der Produktion, des Handels und des Konsums zu verändern, sodass wir Gerechtigkeit fördern können? Die Fairtrade-Siegel denken gerne von sich, dass sie das tun. Aber ich glaube, niemand, der in diesem Bereich arbeitet, würde behaupten, dass perfekte Fairness erreicht wurde. Und selbst wenn, dann wären diese Produzenten am Markt in der Unterzahl. Es ist also nicht fair, solange es nicht für jeden fair ist. Es ist auch nicht fair, solange nicht alle Waren fair sind. Es geht bei der Sache also darum, die Dinge zumindest fairer zu machen.

Information

Laura Raynolds ist Professorin für Soziologie an der Colorado State University in Fort Collins und Mitgeschäftsführerin des dort angesiedelten Zentrums für fairen und alternativen Handel (CFAT). Sie hat beim Europäischen Forum in Alpbach ein Seminar zum Thema bewusster Konsum gehalten.

Worauf sollten die Konsumenten grundsätzlich beim Kauf von Produkten achten?

Beim Konsum sollten wir mehr über die sozialen Probleme und nicht nur über die Umweltprobleme nachdenken. Mir fällt bei der ganzen Debatte um nachhaltigen Konsum auf, dass die sozialen Dimensionen verlorengehen. Wir müssen wirklich immer beide Dimensionen - die Umwelt und das Soziale - im Blick haben. Denn schließlich geht es um eines: Die Menschen als Teil der Umwelt gehören dazu. Wir greifen uns leider auch häufig bloß eine Facette heraus: Themen, die viel Aufmerksamkeit bekommen, wie Kinderarbeit oder Tierversuche.

Ist Bio immer die beste Entscheidung?

Bio sagt überhaupt nichts über die sozialen Bedingungen aus, in denen produziert und gehandelt wurde. Wir sollten uns also nicht nur fragen, ob das Produkt biologisch hergestellt wurde oder nicht. Wichtig ist: Wie sind die Arbeitsbedingungen der Arbeiter auf dem Feld, die diese Bioprodukte geerntet haben? Selbst eine Biozertifizierung bedeutet nicht, dass die Arbeiter etwa einen Mindestlohn bekommen.

In Discountern gibt es auch schon billige Bioprodukte. Aber oftmals nicht aus Österreich, sondern von weit weg . . .

Die Konsumenten machen es sich da manchmal leicht. Importierte Ware bedeutet langer Transportweg, also absolut vermeiden. Aber das heißt nicht, dass zu diesem Zeitpunkt die Ware aus dem Inland viel besser ist. In vielen Fällen geht saisonal vor regional. Ich muss im Winter nicht Erdäpfel aus Ägypten kaufen, die kann man in Österreich einlagern. Aber es gibt im Winter keine österreichischen Zucchini, die muss man aus dem Ausland kaufen oder riesige Gewächshäuser bauen und mit viel Energie betreiben - das wäre allerdings umwelttechnisch die viel größere Katastrophe, als das Gemüse zum Beispiel aus Ägypten zu importieren.

Geht es nicht vielmehr auch darum, auf Produkte verzichten zu können?

Bei Lebensmitteln ist es immer die beste Entscheidung, Gemüse und Obst zu kaufen, das gerade lokal Saison hat. In Österreich heißt das: Im Sommer kann ich hier sehr viel essen. Für den Winter muss ich über einfache Lagermöglichkeiten nachdenken für Produkte wie Erdäpfel, Kürbisse oder Äpfel. Bei nichtsaisonalen frischen Produkten, die ich nicht lagern kann, muss ich mich fragen: Will und brauche ich die überhaupt? Es ist jedenfalls ein Schritt in die richtige Richtung, weniger von diesen Produkten zu konsumieren. Und wenn wir dann auf international gehandelte Produkte zurückgreifen, dann sollten wir versuchen, diese umweltfreundlicher und fairer zu produzieren und zu handeln. Das Beispiel schlechthin: Kaffee. Keiner wird je in Österreich Kaffee anbauen. Hören wir jetzt alle auf, Kaffee zu trinken? Ich denke, nicht.

Ich kaufe also keine Äpfel aus Chile oder Südafrika im Supermarkt. Da gibt es Leute, die sagen, die Bauern in Chile wollen aber doch auch etwas verdienen . . .

Klar, wir wollen anderen den Lebensunterhalt nicht streitig machen. Es gibt aber viele Konsumenten, die gerne chilenische Äpfel essen würden - in Chile selbst nämlich. Wenn wir mehr regionale und saisonale Produktions- und Konsumsysteme aufbauen, dann gilt das nicht nur für Österreich, sondern auch für Chile und Südafrika. Vor Ort sollte ein Markt für diese Produkte entstehen, aber auch eine Vervielfältigung des Angebots. Die Bauern sollten sich nicht etwa nur auf den Anbau von Äpfeln für den Export spezialisieren.

Inwiefern ist Konsumieren ein politischer Akt?

Konsum kann ein politischer Akt sein. Wenn wir verantwortungsvollen Konsum wollen, genügt es aber nicht, einfach einkaufen zu gehen und die richtige Wahl zu treffen. Wir brauchen ein kollektives Bemühen und müssen sicherstellen, dass die Regierungen, die wir wählen, und die Repräsentanten in den Institutionen, die wir als Bürger mit unseren Steuern unterstützen, diese Bemühungen bestärken und vertreten. Wenn wir das nur als individuelle Konsumenten verfolgen, wird sich nicht wirklich etwas ändern. Alles, was das "Ich" als Konsument tut, ist kaufen. Das Verständnis geht über das "Uns" als Konsumenten, zum "Wir" als Bürger, die wir ausdrücken können, was wie produziert und gehandelt werden soll.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-01 17:00:06
Letzte Änderung am 2017-09-01 17:16:53




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