Tripolis. Erstmals seit dem Beginn des jüngsten Vorstoßes der libyschen Rebellen hat sich Machthaber Muammar Gaddafi zu Wort gemeldet und die Bevölkerung zu einem verstärkten Kampf gegen die NATO aufgerufen. Die Aufständischen befinden sich auf dem Vormarsch und haben nach eigenen Angaben zuletzt wichtige Küstenstädte erobert. Der Druck auf die Hauptstadt Tripolis dürfte sich erhöht haben.
"Voran, greift zu den Waffen, zieht in den Kampf zur Befreiung Libyens aus den Händen der Verräter und der NATO, Zentimeter um Zentimeter", sagte Gaddafi in seiner Rede, die offenbar über das Telefon gehalten wurde und die das staatliche Fernsehen am frühen Montagmorgen übertrug. Die Qualität der Übertragung war schlecht, gelegentlich war der Ton unterbrochen. "Macht Euch bereit zum Kampf! Das Blut der Märtyrer ist der Treibstoff für das Schlachtfeld." Die libysche Regierung ließ zudem Berichte dementieren, wonach Gesandte im Nachbarland Tunesien Verhandlungen mit den Rebellen aufgenommen hätten.
Kämpfe im Westen und Osten von Tripolis
Bei den von den Rebellen eingenommen Städte handelt es sich um Surman rund 70 Kilometer westlich von Tripolis und Al-Ghariyan 80 Kilometer südlich der Hauptstadt. Surman sei am Sonntag komplett eingenommen worden, sagte ein Sprecher der Aufständischen am Telefon. "Es gibt derzeit keine Kämpfe dort." Zuvor seien bei Gefechten zehn Rebellen getötet und 34 verletzt worden. Diese Angaben konnten zunächst nicht überprüft werden.
Die Stadt Al-Ghariyan werde zu 70 Prozent von Aufständischen kontrolliert, sagte ein Rebellenkämpfer der Nachrichtenagentur Reuters. "Es finden derzeit immer noch Kämpfe statt", ergänzte er. Auch diese Darstellung ließ sich zunächst nicht bestätigen. Ein Reuters-Reporter berichtete aus einem Dorf, das sich etwa 25 Kilometer westlich von Al-Ghariyan befindet, von schwerem Geschützfeuer aus Richtung der Stadt sowie von mehreren Rauchfahnen. Zuvor hatte ein Sprecher von Gaddafis Regierung gesagt, Al-Ghariyan sei weiter unter Regierungs-Kontrolle.
Die Stadt liegt an einer wichtigen Verbindungsstraße, die nach Norden in die Hauptstadt führt. Sollten die Rebellen Al-Ghariyan vollständig einnehmen, könnten sie Gaddafis Hochburg einkreisen. Zuvor hatten die Aufständischen nach eigener Auskunft das Zentrum der strategisch wichtigen Stadt Sawiya eingenommen, die rund 50 Kilometer westlich von Tripolis liegt. Damit kontrollieren sie nun einen Küstenstreifen westlich und östlich der Hauptstadt. Im Norden liegt das Mittelmeer, das durch eine NATO-Blockade abgeriegelt ist, im Süden ist Wüste.
Die Erfolge der Rebellen bleiben offenbar nicht ohne Wirkung: Vertreter der libyschen Regierung und der Rebellen hätten am Sonntagabend in Tunesien Verhandlungen über eine politische Lösung aufgenommen, sagte eine Person mit direkter Kenntnis der Gespräche der Nachrichtenagentur Reuters. Das Treffen finde in einem Hotel auf der Insel Djerba nahe der Grenze zu Libyen statt. Ein Sprecher der libyschen Regierung dementierte den Bericht und sprach von Kriegspropaganda, mit der die gegnerische Seite die Moral der Truppe schwächen wolle. Er bekräftigte, dass Gaddafi nicht das Land verlassen werde.
Libyscher Innenminister macht Urlaub
Aus ägyptischen Sicherheitskreisen verlautete unterdessen, dass der libysche Innenminister Nasser al-Mabruk Abdullah mit seiner Familie in Kairo eingetroffen sei. Der Innenminister habe bei seiner Einreise am Flughafen erklärt, er wolle in Ägypten Urlaub machen. Mehrere Medien hatten zuvor berichtet, der Innenminister habe sich von Gaddafi losgesagt und sei dabei, sich ins Ausland abzusetzen.
Unterdessen mehren sich auch Berichte über Meinungsverschiedenheiten unter den Aufständischen. Ein Exil-Oppositioneller in der Schweiz sagte der dpa, die "Revolutionsjugend" fordere die Absetzung von Abdulhafiz Ghoga, dem Vize-Vorsitzenden des Übergangsrates der Rebellen in Bengasi. Ghoga habe sich nichts zuschulden kommen lassen, er sei ihnen jedoch "nicht sympathisch". Via Internet riefen einige Aufständische zu einer Protestaktion gegen Ghoga auf.
Ein Beobachter erklärte, in den kommenden Tagen sei möglicherweise mit der Festnahme eines Politikers in Bengazi zu rechnen. Auch eine Umbildung der vom Übergangsrat ernannten provisorischen Regierung sei nicht ausgeschlossen. Ende Juli war der Rebellenkommandant Abdulfattah Junis ermordet worden. Einige Rebellen hatten zuvor behauptet, der frühere Gaddafi-Gefolgsmann Junis sei ein Verräter mit heimlichen Kontakten zu Funktionären des Regimes.