• vom 09.01.2012, 11:20 Uhr

Maghreb - Hintergrund

Update: 31.01.2012, 10:00 Uhr

Tunesien

Tunesiens Experiment mit religiösem Anstrich




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Von Dirk Liesemer

  • Die islamische Ennahda-Partei ist die große Gewinnerin der Revolution und führt die Regierung an
  • Ängste, dass Frauenrechte im Namen religiöser Gebote eingeschränkt werden.

Rachid al-Ghannouchi (hier mit seiner Tochter) ist nach Gefängnis und Exil nun Tunesiens einflussreichster Politiker. epa - © EPA

Rachid al-Ghannouchi (hier mit seiner Tochter) ist nach Gefängnis und Exil nun Tunesiens einflussreichster Politiker. epa © EPA

Tunis.

Tunesische Frauen protestieren gegen die Ennahda. Sie fürchten den Einfluss der islamischen Partei und verlangen eine strikte Trennung von Staat und Religion. reuters

Tunesische Frauen protestieren gegen die Ennahda. Sie fürchten den Einfluss der islamischen Partei und verlangen eine strikte Trennung von Staat und Religion. reuters© REUTERS Tunesische Frauen protestieren gegen die Ennahda. Sie fürchten den Einfluss der islamischen Partei und verlangen eine strikte Trennung von Staat und Religion. reuters© REUTERS

Noch einmal hält Rachid al-Ghannouchi inne, betet und dankt Gott für die Revolution. Sie hat seinem Leben, als er es wohl kaum mehr zu erwarten hoffte, die lang ersehnte Wendung gegeben. 23 Jahre verbrachte er im Exil, die meiste Zeit in London. Von dort aus beobachtete er, wie die von ihm gegründete islamische Partei Ennahda in Tunesien verfolgt wurde. Wie das Regime wohl mehr als 20.000 Mitglieder inhaftierte. Schon Ende Jänner 2011, nur zwei Wochen nach der Flucht des Diktators Zine el-Abidine Ben Ali, kehrte Ghannouchi in seine Heimat zurück. Empfangen wurde er auf dem Flughafen Carthage nördlich von Tunis von tausenden jubelnden Anhängern.

Nach seinem kurzen Gebet betritt Ghannouchi einen Konferenzraum im fünften Stock der Parteizentrale in Tunis. Die Wintersonne schimmert durch die türkisfarbenen Lamellen. Dieser Vordenker einer islamischen Demokratie ist jetzt 70 Jahre alt, die Haare sind grau, der Rücken ist leicht gekrümmt. Man sieht ihm nicht an, dass er einst in tunesischen Gefängnissen einsaß. Im Gespräch lächelt er zuvorkommend, scherzt gemessen. Es war nicht seine Revolution, sagt er denn auch, sondern die Revolution derjenigen, die noch dunkle Haare haben. Die jung und wütend sind, arbeitslos und bestens ausgebildet.

Ghannouchi will sich nur als philosophischen Denker sehen, und doch ist er einer der großen Gewinner der Revolution. Seine Ennahda hat Ende Oktober bei den Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung die meisten, wenn auch nicht die Mehrheit der Stimmen gewonnen und führt eine Regierungskoalition mit zwei säkularen Parteien an.

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Noch will sich niemand in die Karten schauen lassen
Ghannouchi weiß jetzt, dass seine Gefolgsleute das Land prägen werden wie keine andere politische Gruppierung in Tunesien. Sie werden über demokratische und religiöse Rechte mitentscheiden und die Grundsteine des neuen Tunesiens legen. Der ersten Demokratie in einem arabischen Staat.

Ein gutes Jahr will sich die verfassungsgebende Versammlung Zeit nehmen. Das ist nicht viel. Zumal bisher kein Politiker absehen kann, wie religiös und wie freiheitlich die Verfassung wird. Welche Rolle dem Islam zukommt. Der Presse- und Meinungsfreiheit. Dem Recht auf Arbeit. Zurzeit wird sondiert. Niemand will sich zu früh mit konkreten Forderungen in die Debatte wagen. Offen ist, welche der neu gewonnenen Freiheiten kodifiziert und welche vielleicht wieder eingeschränkt werden.

"Die Gefahr ist, dass wir unsere Freiheiten verlieren"

Auch islamistische Kräfte mobilisieren. Sie fordern immer wieder vor dem Parlament einen religiöseren Staat.

Auch islamistische Kräfte mobilisieren. Sie fordern immer wieder vor dem Parlament einen religiöseren Staat.© REUTERS Auch islamistische Kräfte mobilisieren. Sie fordern immer wieder vor dem Parlament einen religiöseren Staat.© REUTERS

"Die Revolution hat uns zwei Freiheiten gebracht", sagt der Blogger Slim Amamou, 34, ein Wuschelkopf in einem grellgelben Kapuzenpulli. In der Übergangsregierung wirkte er als Staatssekretär, twitterte aus Konferenzen und bereitete die Wahlen mit vor. Er ist einer der Köpfe des weitgehend friedlichen Umbruchs. Ein Held der Straße und des Cyberspace. Noch immer folgen ihm auf Twitter mehr als 32.600 Menschen. Die Tunesier, sagt Amamou, können ihre Meinung jetzt frei äußern und ihre Religion ausüben. "Doch die Gefahr ist, dass wir unsere Freiheit verlieren, nicht religiös sein zu müssen." Es ist vorerst nur ein Verdacht, doch die bange Frage bleibt: Wie laizistisch wird Tunesien zu künftig sein? Wie streng werden Religion und Staat in dem Land getrennt werden?

Seit der Revolution dringt die Religion wieder verstärkt in das öffentliche Leben in Tunesien vor. Frauen dürfen sich mit Kopftuch für den Personalausweis fotografieren lassen; das war eine der ersten Neuerungen in der Übergangszeit. Nicht länger gilt der Schleier damit offiziell als Chiffre der Rückständigkeit.

Anderes aber erinnert hingegen an einen Kulturkampf: Erzählt wird, dass mondän gekleidete Frauen auf der Straße wegen freizügiger Röcke angesprochen werden. Muezzine sind öfter als früher zu hören. Man kann religiöse Internetseiten aufrufen und CDs von Auslandspredigern bestellen. Deutet all dies auf eine in Religionsfragen tolerante Gesellschaft? Oder bricht sich ein neuer Islamismus langsam Bahn?

Und was ist davon zu halten, wenn islamische Rechtsanwälte gegen Pornoseiten klagen? Wenn ein hochrangiger Ennahda-Politiker vom "sechsten Kalifat" spricht, das errichtet werde? Oder wenn die Vorzeige-Abgeordnete der Ennahda, Souad Abderraihim, die als Einzige ihrer Partei kein Kopftuch trägt, als Erste mit einem Tabu bricht: Sie stellt ein Grundrecht der Frauen infrage und fordert, dass alleinerziehende Mütter weniger Rechte haben sollten als verheiratete.

Verdacht, dass die Ennahda ein doppeltes Spiel treibt
Solche Äußerungen nähren den Verdacht, dass die Ennahda eine radikale, unberechenbare Basis hat und ein doppeltes Spiel treibt. Täuscht die Ennahda, so fragen manche, nur demokratisches Denken vor? Immerhin erlaube der Islam ja die "takkiye", die Täuschung im Interesse des Glaubens. Es ist ein schwerwiegender Vorwurf. Aber noch ist die Demokratie zu jung, als dass man einzelne Parteien einschätzen könnte. Und zu unklar bleibt, wie sie sich entwickeln werden.

Vielleicht sehen deshalb so viele, vor allem städtische Bürger die Macht der Islamisten so skeptisch und misstrauisch. Nicht wenige fürchten um ihre Rechte. "Vor den Wahlen habe ich Frauenrechte nicht als die entscheidende politische Frage erachtet", sagt die Bloggerin Nidhal Chemengui. Diese Rechte schienen unverrückbar da zu sein. Nun aber, nach dem überraschenden Wahlerfolg der Ennahda, sagen ihr Freundinnen aus dem Libanon und aus Algerien: "Du weißt gar nicht, wie gut ihr es mit der Monogamie habt." Werden die Religiösen also das Verbot der Polygamie lockern, um die Radikalen in den eigenen Reihen ruhigzustellen?

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Schlagwörter

Tunesien, Ennahda

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2012-01-09 10:57:24
Letzte nderung am 2012-01-31 10:00:13



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